Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Der Gemüsegarten Europas ist geschockt

In der Vorderpfalz sind viele Bauern durch die EHEC-Krise in ihrer Existenz bedroht

Von Ludger Fittkau

Radieschenernte in der Pfalz (picture alliance / dpa /Uwe Anspach)
Radieschenernte in der Pfalz (picture alliance / dpa /Uwe Anspach)

Die sogenannte Vorderpfalz trägt auch den Beinamen "Gemüsegarten Deutschlands". Obwohl die EHEC-Brennpunkte in Norddeutschland liegen und das Gemüse ständig getestet wird, hat man zurzeit wenig Hoffnung, dass die Verunsicherung angesichts der EHEC-Krise schnell wieder abnimmt.

Gemüsezwiebeln gleiten über Gummilaufbänder. Am Ende packen Frauen sie in Pappkisten. Von Salatköpfen und Gurken ist in der Verarbeitungshalle des Gemüsebaubetriebes Peter Femel in Mutterstadt bei Ludwigshafen nichts zu sehen. Tomaten werden im "Gemüsegarten Deutschlands", wie man sich hier in der Vorderpfalz gerne nennt, ohnehin erst in drei Wochen erntereif. Jochen Femel, der für den Verkauf zuständig ist, klebt in einer Ecke der Halle kleine Aufkleber mit der Aufschrift "EHEC-frei" auf die Gemüsekisten. Ein Interview will er nicht geben. Zu Negativmeldungen in der Presse will der Gemüsebauer nicht mehr beitragen, sagt er. Die Nerven liegen blank. Doch seine Mutterstädter Nachbarinnen Karin Nowak und Ingeborg Jest wissen auch so sehr genau, wie es Bauer Femel in der EHEC-Krise geht. Aus der Regionalzeitung "Rheinpfalz" nämlich:

"In der 'Rheinpfalz' hat auch gestanden vom Femel, da sind jetzt die Gurken reif, keiner will die Gurken. Die Tomaten kommen in drei Wochen und der hat viel."

"In Böhl ein Bauer – also da hat einem das Herz geblutet. Ein erstklassiger Kopfsalat, so schön, mussten sie alles umpflügen. Nix gegangen. Aber jetzt gestern Abend ist ausdrücklich gesagt worden, im Pfalzmarkt Mutterstadt ist alles kontrolliert worden und alles sicher. Da können sie bestimmt noch was erfahren."

Im Pfalzmarkt am westlichen Ortsrand von Mutterstadt kann man jedoch heute nichts erfahren. Auch hier will man jetzt nicht vor die Presse treten – aus Zeitgründen heißt es.

Der Pfalzmarkt ist eine Vermarktungsgenossenschaft von 1600 Gemüsebauern der Region.

In den Hallen, in denen sich normalerweise die Paletten mit Salat und anderem frischen Gemüse haushoch stapeln, herrscht schon seit Tagen ziemliche Leere.

Auch heute verlässt nur ab und zu ein Lastwagen das Gelände an der Rheintalautobahn, das in normalen Zeiten eines der größten Umschlagplätze für Gemüse in Europa ist.

Doch längst haben Altenheime, Kindertagesstätten und Betriebskantinen Tomaten, Gurken, Blattsalat und jetzt auch Sprossen weitgehend vom Speiseplan verbannt. Die Ertragseinbuße bei den Pfälzer Gemüsebauern liegt bei 90 Prozent. Selbst die Nachbarinnen Ingeborg Jest und Katrin Nowak sind verunsichert, obwohl sie die Betriebe, die hier Gemüse herstellen, aus eigener Anschauung gut kennen und auch den kleinen Händlern in Mutterstadt weiterhin vertrauen:

"Ich gehe gar nicht auf den Markt. Ich gehe dann lieber, wo ich mir hundertprozentig sicher bin, bei der Frau Freiser. Aber: Als ich daheim war, habe ich die Tomate doch nicht gegessen. Weil ich denke, die kommt ja doch vom Großmarkt und der kann ja viel sagen. Ich habe sie doch nicht gegessen, zwei habe ich mir abgekocht, in der Suppe."

"Unsere Tochter, die schafft im Netto, im Lebensmittelmarkt. Die sagt, es will keiner Tomate oder Gurke, obwohl sie die im Angebot haben, aber die will keiner."

Auch die Landesregierung von Rheinland-Pfalz tut sich weiterhin schwer damit, das heimische Gemüse pauschal für unbedenklich zu erklären. Man versucht, die Menschen in den Gemüseanbaugebieten zu beruhigen und verspricht, die Bauern wirtschaftlich nicht im Regen stehen zu lassen. Die neue rheinland-pfälzische Umwelt- und Agrarministerin Ulrike Höfken von den Grünen verweist im SWR-Fernsehen auf die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Also auf Gurken, Tomaten und Blattsalate sowie nun auch auf Salatsprossen weiterhin zu verzichten:

"Gleichzeitig hat die Landesregierung eine Task-Force und die Eintragungswege zu untersuchen und da Transparenz herzustellen, so das sich Verbraucher und Erzeuger entsprechend informieren können und das die Verunsicherung vielleicht auch abnimmt."

Mit dem Verkauf von Gemüsezwiebeln alleine können mittelständische Betriebe wie Peter Femel in Mutterstadt auf Dauer nicht überleben. Hier muss man jetzt hoffen, dass in drei Wochen, wenn die Tomaten reif sind, die EHEC-Krise vorbei ist. Die wirtschaftlichen Schäden sind ohnehin jetzt schon existenzbedrohend – für viele der Produzenten in der Vorderpfalz – dem geschockten Gemüsegarten Deutschlands.



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:42 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Fazit

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Feature

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Mays Bündnis mit der DUP"Diese Regierung wird lange bestehen"

Die britische Premierministerin Theresa May mit der Vorsitzenden der nordirischen DUP-Partei Arlene Foster vor Downing Street Nummer 10 (26.6.2017). (AFP / Daniel Leal-Olivas)

Für ihre Minderheitsregierung ist die britische Premierministerin Theresa May ein Bündnis mit der nordirischen Partei DUP eingegangen. Der britische Historiker Brendan Simms ist optimistisch, was den Bestand dieses Bündnisses angeht: " Ich rechne damit, dass diese Regierung relativ lange bestehen wird", sagte er im Dlf.

Türkei verbannt Charles Darwin aus den Schulen "Das sind einfach dumme Leute, die das Sagen haben"

Die Evolution des Menschen (picture alliance / dpa / De_Agostini/Photoshot)

Der Diplomphysiker Ernst Peter Fischer hat die Evolutionstheorie von Charles Darwin verteidigt. Der frühere Professor für Wissenschaftsgeschichte sprach von "Borniertheit" in Polen oder der Türkei, wenn dort Darwin aus dem Schulunterricht genommen werde.

ETHEREUMCrash bei der Cyberwährung

Ethereum ist eine Kryptowährung, die in den vergangenen Wochen einen sagenhaften Aufstieg hinter sich. Doch jetzt gab es einen Crash. Die zeigen ziemlich deutlich, wo die Gefahren dieser Währung liegen.

WohnprojektFlüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge unter einem Dach

Sharehaus Refugio - mit Flüchtlingen leben. (Deutschlandradio / Cara Wuchold)

Flüchtlinge sollen nicht abgeschottet in Asylbewerberheimen leben. Das ist die Grundidee des Share-Hauses "Refugio". Das mächtige Gründerzeithaus in Berlin-Neukölln gehört der Evangelischen Kirche – genauer: der Berliner Stadtmission. Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge wohnen unter einem Dach. Funktioniert das?

Religion und WirtschaftUmverteilen mit Luther

Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde liegen am 25.09.2015 im Lutherhaus in Eisenach (Thüringen) auf einem Tisch. (dpa/picture-alliance/Sebastian Kahnert)

Allzu oft werde übersehen, dass es bei Luthers Kritik am Ablasshandel auch ums Geld ging, meint der Theologe Christoph Fleischmann. Gottes Gnade sei umsonst - und das habe auch Konsequenzen für die Verteilung von Geld und Ressourcen in der Gesellschaft.

Vor 10 Jahren: Mumie identifiziertHatschepsut - die mächtigste Frau Ägyptens

Büste des weiblichen Pharao Hatschepsut im Terrassentempel im Tal der Königinnen in Theben-West. (imago / Harald Lange)

Von 1479 bis 1458 v. Chr. regierte die Pharaonin Hatschepsut als mächtigste Frau Ägyptens. Ihre Mumie galt über 3.000 Jahre als verschollen. 2007 gelang es ägyptischen Wissenschaftlern, eine bereits 1903 entdeckte Mumie als die der Pharaonin Hatschepsut zu identifizieren.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

USA-Deutschland  Merkel und Ross für neuen TTIP-Anlauf | mehr

Kulturnachrichten

Brönner hält an "House of Jazz" fest  | mehr

 

| mehr