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Der Herrscher des Grünen Hügels ist tot

Nachruf auf den ehemaligen Leiter der Wagner-Festspiele Wolfgang Wagner

Von Jürgen Liebing

Wolfgang Wagner auf dem Grünen Hügel in bayreuth (AP)
Wolfgang Wagner auf dem Grünen Hügel in bayreuth (AP)

Am Sonntag ist Wolfgang Wagner im Alter von 90 Jahren in Bayreuth verstorben. Die Leitung der Festspiele hatte er 2008 seinen Töchtern anvertraut. Seine besondere Leistung bestand in der Öffnung der Festspiele für Regisseure wie Harry Kupfer und Christoph Schlingensief.

Seinen letzten großen öffentlichen Auftritt hatte Wolfgang Wagner am 28. August 2008. Als bei den Bayreuther Festspielen nach dem Ende des "Parsifal" der Vorhang gefallen und die letzten Töne verklungen waren, hob sich der Vorhang wieder. Der Patriarch saß in einem Sessel, umringt von den Sängerinnen und Sängern. Schon ein wenig der Welt entrückt, lächelte er weise, als sei er nun erlöst wie Amfortas von seinen qualvollen Schmerzen. Ein Bild für die Götter oder ein Gott, der abtritt, der die Bühne verlässt wie Wotan.

Am 9. November 2009 wurde er noch mit dem Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband ausgezeichnet – ein bisschen spät vielleicht, möchte man meinen, fast makaber.
Wolfgang Wagners einzigartige Leistung ist angesichts der Groteske um die Nachfolge manchmal zu sehr in den Hintergrund getreten. Mehr als ein Jahrzehnt war dieser Streit auf dem Grünen Hügel Dauerthema in den Feuilletons, alle Jahre wieder vor Beginn der Festspiele. Man mokierte sich über den dickköpfigen Franken, der seinen Stuhl partout nicht räumen wollte, als sei er Fafner, der stur auf dem Rheingold hockte.

Geboren wurde der Enkel Richard Wagners am 19. August 1919 in Bayreuth,Sohn von Siegfried und Winifred. Seine Jugend erlebte er im Dritten Reich. Adolf Hitler, von Wolfgang und seinem Bruder Wieland "Onkel Wolf" genannt, war Dauergast auf dem Grünen Hügel. Wolfgang lernte sein Handwerk an der Staatsoper in Berlin, wo er 1944 mit der Inszenierung der "Andreasnacht", einem Werk seines Vaters Siegfried, debütierte.

Als er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bayreuth zurückkehrte, lag die "Villa Wahnfried" in Schutt und Asche.

Das Festspielhaus der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth (AP)Das Festspielhaus der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth (AP)1951 fanden, von vielen für unmöglich gehalten, die ersten Festspiele nach dem Krieg statt, geleitet von Wolfgang und Wieland. Ihnen ging es darum, so Wolfgang in seinen Memoiren, "aus der Stätte esoterischer Kulthandlungen eine Werkstatt" zu machen. Entrümpelung war das Motto, Abstraktion angesagt. "Hier gilt's der Kunst" – dieses Flugblatt wurde an die Bayreuth-Pilger verteilt.

Wieland, der geniale Regisseur, war für das Geschehen auf der Bühne zuständig, Wolfgang zog die Fäden im Hintergrund, wenngleich auch er in Bayreuth Regie führte – erstmals 1953 beim "Lohengrin". Seine Inszenierungen waren zwar nicht so kompromisslos, weniger streng als Wielands, aber handwerklich durchaus solide. Seit dem frühen Tod Wielands 1966 leitete Wolfgang die Festspiele allein.

Der Spagat zwischen Bewahren und Erneuerung war für ihn nicht immer leicht durchzuhalten. Was so fest und hehr scheint, war hinter den Kulissen häufig bedroht und bröckelte. Die Festspiele zu sichern, war nicht immer leicht. 1973 gelang es ihm, aus dem Familienunternehmen eine Stiftung zu machen mit ihm selbst als Chef auf Lebenszeit, was sich als Problem erweisen sollte. Trotzdem: Sturköpfig zu sein, war da schon vonnöten.

Die besondere Leistung Wolfgang Wagners aber bestand in der Öffnung der Festspiele fürs sogenannte Regietheater. Er holte Regisseure nach Bayreuth, die ganz anderen Konzepten folgten als er. Und er stand die Kämpfe mit den Traditionalisten der weltweit agierenden Wagner-Vereine tapfer durch, als sei er Jung-Siegfried. Unvergessen der Skandal um Götz Friedrichs sozialkritische "Tannhäuser"-Inszenierung 1972, als der Regisseur noch in der DDR lebte und an der Komischen Oper wirkte.

Götz Friedrich: "Wenn ich denke, wenn ein demokratisches Wagnerbild in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entstanden ist, dann ist das nicht zuletzt das Verdienst Wolfgang Wagners. Nicht eigentlich nur und nicht so sehr in seiner Arbeit als Regisseur und Bühnenbildner, sondern eben als Prinzipal, als Anreger, als der, der so Vieles ermöglicht."

Ein Geniestreich gelang Wolfgang Wagner, als er für das Jubiläumsjahr 1976 zwei Franzosen den "Ring des Nibelungen" anvertraute: dem jungen Regisseur Patrice Chereau und dem Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez. Aus dem Buh-Gewitter wurde mit den Jahren frenetischer Applaus – der "Jahrhundertring" blieb bis heute unübertroffen. Wagner lockte aber auch Harry Kupfer, Werner Herzog, Heiner Müller und Christoph Schlingensief in die fränkische Provinz.

Harry Kupfer: "Er ist für mich der letzte, große wirkliche Theatervater. Er beseitigt wirklich jeden Stein, der da im Wege liegt."

Dass er ausgerechnet die Oper, die er am häufigsten in Bayreuth selbst inszeniert hat, nämlich "Die Meistersinger von Nürnberg", seiner jüngsten Tochter Katharina für deren Debüt anvertraute, steht gleichfalls für seinen gewissen Wagemut. Noch immer streiten sich am Ende der Aufführungen Buh und Bravo.

Die Kombo zeigt Eva Wagner-Pasquier (rechts) und Katharina Wagner (AP)Katharina Wagner (links) und Eva Wagner-Pasquier (AP)Als 2007 überraschend Wagners zweite Frau Gudrun starb, da zog sich Wolfgang langsam zurück, und es war die Zeit der Versöhnung gekommen. Er, der die Kinder aus erster Ehe vom Hügel vertrieben hatte, holte Eva zurück und schlug die beiden Halbschwestern Katharina und Eva als neue Chefinnen vor. Gewiss nicht nur ein Schachzug. Er hatte damit seinen Frieden auf dem Hügel gemacht. Der Stiftungsrat konnte nicht anders, als zustimmen.

Wolfgang Wagner: "Ich muss ja meinerseits vor allen Dingen darauf bedacht sein, auch in der künstlerischen Kontinuität künftig als jetzt es so vorzubereiten, dass diese Kontinuität nicht abgerissen wird."

Damit ging eine Ära in Bayreuth zu Ende, die sich so nicht mehr wiederholen kann. Wotan trat ab. Nun ist der Gralshüter gestorben, dessen Leben zwar kein Jahrhundert währte, aber von einem Jahrhundert auf exemplarische Weise geprägt wurde. Wolfgang Wagner, der sich vehement gegen die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit gesträubt hatte, weil seiner Meinung nach, da nichts aufzuarbeiten sei, verantwortete als letzte Premiere seiner Intendanz einen "Parsifal", der genau das zum Thema machte: die Geschichte Bayreuths und seine Verstrickungen. Ein großes Kapitel – nicht nur Bayreuther-Geschichte ist damit abgeschlossen.

Links auf dradio.de:

Christoph Schlingensief über Wolfgang Wagner
Der Theater- und Opernregisseur erinnert sich an die Zusammenarbeit mit dem Enkel von Richard Wagner (DRadio Wissen)

"Die Fähigkeit von Wolfgang Wagner war vor allem die des Leitens"- Opernregisseur Hans Neuenfels zum Tod des Festspiel-Intendanten (DLF)

Flimm: Wagner war ein "großer Impressario" - Salzburger Intendant über die Zusammenarbeit mit dem früheren Bayreuther Festsspielleiter (Dkultur)

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:35 Uhr

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