Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Der Krieg der Worte und der Propaganda

Mauerstücke - August '61: Vor 50 Jahren wurde die Mauer gebaut (Teil 6)

Von Jörg Hafkemeyer

Der Rundfunk im Amerikanischen Sektor, kurz RIAS, berichtete fast täglich über die Flüchtlingsströme aus dem Ostteil Berlins. (DRadio)
Der Rundfunk im Amerikanischen Sektor, kurz RIAS, berichtete fast täglich über die Flüchtlingsströme aus dem Ostteil Berlins. (DRadio)

Walter Ulbricht kehrt aus Moskau mit der Zusage von Nikita Chruschtschow zurück, die Grenze zu schließen. Am 7. August informiert er das Politbüro in Ost Berlin über die Absicht, am 13. August die Stadt abzuriegeln. Es sind Tage des Krieges - ein Krieg der Worte und der Propaganda.

Es sind aufregende Tage vor diesem 13. August 1961. Günter Kunert hört in seiner Wohnung den RIAS. Hört die Berichte über die Lage an der Grenze, über die Grenzgänger. Bürger, die im Osten wohnen und im Westen arbeiten.

"Die Zeit im Funk" vom 4.8.1961 (Auszüge):

"Die Ost-Berliner Verwaltung greift zu Terrormitteln gegen die Grenzgänger. Rückwirkend ab 1. August will Pankow West-Mark für Miete, Pacht, Strom, Gas und Wasser sowie für sogenannte öffentliche Gebühren kassieren. Dazu müssen sich alle Grenzgänger neu registrieren lassen. Betroffen sind auch Personen, die nur gelegentlich in Westberlin arbeiten, also Reinemachefrauen und Haushilfen."

Die staatlich gelenkten Medien der DDR denunzieren die Grenzgänger, sprechen von Menschenhandel und Abwerbung. Gleiches gilt für die Flüchtlinge, die in immer größerer Zahl der DDR den Rücken kehren.

Günter Kunert: "Man hörte Radio und wusste ja Bescheid über die Massenflucht. Aber man rechnete nicht damit, dass die Grenze total gesperrt würde."

So wie Günter Kunert geht es vielen in jenen Sommertagen 1961. Und die Flüchtlingswelle geht weiter.

"Die Zeit im Funk" vom 7.8.1961 (Auszüge):

"2.740 Flüchtlinge, das ist die Bilanz dieses Wochenendes. Einen besonders hohen Anteil unter den Flüchtlingen stellten wieder die Grenzgänger, die durch die Maßnahmen der Ostberliner Behörden vom vergangenen Wochenende in eine verzweifelte Lage geraten sind."

Der Rundfunk im amerikanischen Sektor, der RIAS, strahlt die Geschichte eines Ostberliner Elektrikers aus, der im Westteil der Stadt arbeitet.

"Die Zeit im Funk" vom 4.8.1961 (Auszüge):

"Wir wurden sozusagen politisch vor der Produktionsversammlung und leistungsmäßig gesehen: Wir mussten unsere 100 Prozent haben. Wir haben gut verdient, aber was nützt das alles, wir bekommen für unser Geld nichts. Wir wollen ja nicht vom Regen in die Traufe kommen, und wir wollen ja auch weiter, wenn wir verheiratet sind und es hat ja keinen Sinn, eine Familie im Osten aufzubauen, einen anderen Weg sehe ich nicht."

Während die DDR-Führung weiter im Geheimen die Schließung der Grenze vorbereitet, will der Berliner Senat unter der Führung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt Grenzgängern und Flüchtlingen helfen. Der Senator für Arbeit und Sozialwesen, Kurt Exner, kündigt das im Radio an:

"Die Zeit im Funk" vom 4.8.1961 (Auszüge)

"Es ist in der Tat auch schwerer für diese Menschen, all diesen Druckmaßnahmen auszuweichen, das ist zweifellos schwieriger. (Reporter:) Würden Sie sich, Herr Senator, gegebenenfalls dafür einsetzen, dass die Mehrausgaben, die die Grenzgänger jetzt haben, dass diesen Grenzgängern ein höherer West-Mark-Betrag zur Verfügung gestellt werden könnte?(Exner:) Ich glaube, dass dies eine Maßnahme ist, die wir am leichtesten durchführen können und dass sie beschlossen wird."

Frederick Taylor, der englische Historiker, schreibt in seinem Buch "Die Mauer" über jene Tage:

"Das SED-Regime erhöhte ohne Zweifel den Druck auf die eigene Bevölkerung. [...] Es begann eine neue Kampagne zur Einschüchterung der Grenzgänger. Schon vorher waren sie Schikanen ausgesetzt gewesen. Mietverträge von Personen, die bekanntermaßen in West Berlin arbeiteten, waren geprüft, in manchen Fällen sogar gekündigt worden, so dass die Betreffenden obdachlos wurden. Jetzt kamen verschärfte Kontrollen an der Sektorengrenze nach West Berlin hinzu, insbesondere am Beginn des Arbeitstages."

Günter Kunert erinnert sich: "Es gab ja, wie immer in solchen Situationen 10.000 Gerüchte. Ja, es wird wahrscheinlich so werden, dass man dann vielleicht einen Passierschein beantragen muss und dass man Schwierigkeiten haben wird, aber dass eine totale Abschottung eintreten würde, glaubte im Grunde keiner."

Dabei ist genau diese totale Abschottung von der SED-Führung beschlossen. Innerhalb der ersten sieben Augusttage flüchten knapp 10.000 DDR-Bürger in den Westen. Innerhalb eines Jahres wären das eine Million Menschen. Die Flüchtlinge werden zu einer wirtschaftlichen wie politischen Existenzfrage der DDR. Frederick Taylor schreibt:

"Am Montag, den 7. August, hatte Ulbricht die Politbüromitglieder von der bevorstehenden Grenzschließung in Kenntnis gesetzt. In derselben Sitzung wurde beschlossen, für den 11. August die Volkskammer einzuberufen, damit sie ihre Zustimmung zu allen nötigen Schritten geben konnte. [...] Am 6. August berichtet ein CIA-Informant, ein in der SED-Organisation seines Bezirks recht bekannter Arzt, er habe im Parteiausschuss gehört, dass für das nächste Wochenende 'drastische Maßnahmen' zur Abriegelung West-Berlins geplant seien."


Linktipps bei dradio.de:

Mauerstücke - Die Reihe in der "Ortszeit" zum Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren

50 Jahre Berliner Mauerbau - Beiträge, Interviews, Reportagen

Sammelportal 50 Jahre Mauerbau

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Fazit

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Freispiel

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Heinz Buschkowsky"Unsere Lebensregeln gelten für alle"

Heinz Buschkowsky in einer Talk-Show. (imago/Müller-Stauffenberg)

Der scheidende Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), kritisierte im Deutschlandfunk das Bundesverfassungsgericht, das ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen untersagt hatte. Die Richter hätten keine Ahnung, wie es in vielen Stadtvierteln zugehe. Sie stützen die falsche Botschaft: Die Frau habe zu gehorchen, sie sei das Eigentum ihres Mannes.

Juden in DeutschlandDas Kippa-Experiment

Ein Mann mit Kippa steht am 16. Dezember 2014 in Berlin vor dem Brandenburger Tor. (dpa / picture alliance / Lukas Schulze)

Seit zweieinhalb Jahren trägt der Münchner Journalist Terry Swartzberg eine Kippa, wenn er auf der Straße unterwegs ist. Obwohl seine Freunde ihm dringend davon abrieten, sich in Deutschland als Jude zu erkennen zu geben.

ZeitlupenexperimentMach mal langsam...

Viel zu oft lassen wir uns hetzen, jagen Terminen und Verabredungen nach und wollen tausend Dinge gleichzeitig erledigen. Schluss damit, sagt George Pennington. In seinen Seminaren zur radikalen Entschleunigung machen die Teilnehmer fast alles in Zeitlupe.

"Der Rosenkavalier" in Baden-BadenEine unverbindliche Maskerade

Im Festspielhaus Baden-Baden (Baden-Württemberg) probt am 24.03.2015 Anja Harteros (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg) die Oper Der Rosenkavalier. Das Stück wird am 27.03.2015 zum Beginn der Osterfestspiele erstmals von den Berliner Philharmonikern präsentiert. (picture-alliance / dpa / Uli Deck)

Ein knallbunter Karneval: Die "Rosenkavalier"-Inszenierung Brigitte Fassbaender zur Eröffnung Osterfestspiele Baden-Baden ist eine Enttäuschung. Auch Simon Rattle bewies mit den Berliner Philharmonikern, dass Richard-Strauss-Opern nicht seine Sache sind.

Starnberger SeeDie schlauen Krähen der Prinzessin

Eine Krähe sitzt auf einer Bank. (dpa / Wolfgang Runge)

Die Verhaltensforscherin Auguste von Bayern interessiert sich besonders für die Rabenvögel. Auf dem Gelände des Schlosses Nymphenburg soll mal ein bayrisches Naturkundemuseum eröffnet werden - und natürlich spielen dabei auch die schwarz gefiederten Vögel eine Rolle.

Aus den FeuilletonsRussisches Schulamt verbietet Lindgren-Buch

Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, aufgenommen 1989 in der Fußgängerzone Arbat in Moskau während eines Russland-Besuchs. (picture alliance / dpa)

Behörden in aller Welt treiben ihr Unwesen: Ein russisches Schulamt stuft "Karlsson vom Dach" als kinderschädigend ein, türkische Schulbücher beschreiben die Deportation der Armenier vor 100 Jahren als humanitäre Maßnahme.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Konservative gewinnen  bei Departementswahlen in Frankreich | mehr

Kulturnachrichten

"Amadeus"-Kameramann Miroslav Ondricek tot  | mehr

Wissensnachrichten

Flugzeugabsturz  Viele Beschwerden beim Presserat | mehr