Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Der letzte Liberale?

Mögliches Direktmandat für die FDP

Von Susanne Schrammar

Eine verunglückte Nominierung der CDU könnte der FDP in Niedersachsen zum Direktmandat verhelfen. (dpa / Uli Deck)
Eine verunglückte Nominierung der CDU könnte der FDP in Niedersachsen zum Direktmandat verhelfen. (dpa / Uli Deck)

Bei der bevorstehenden Niedersachsenwahl kämpft die FDP mit der 5-Prozent-Hürde und könnte trotz eines Scheiterns im nächsten Landtag vertreten sein. Ein Liberaler aus der Nähe von Hildesheim hat realistische Chancen, ein Direktmandat zu gewinnen – und zwar mithilfe der CDU.

Eigentlich hatte Bernd Fell aus Sarstedt im Landkreis Hildesheim gedacht, er könnte sich jetzt auf sein Privatleben konzentrieren – das kaputte Auto seiner Frau in die Werkstatt bringen, ein bisschen Tennis und Golf spielen oder sich um sein Hobby Geschichte kümmern. Aus seinem Beruf als selbstständiger Elektroingenieur hat sich der 64jährige weitestgehend zurückgezogen, jetzt sollte Zeit fürs Reisen sein. Und für ein bisschen Politik – Bernd Fell ist seit 40 Jahren Mitglied der FDP und sitzt für die Liberalen im Hildesheimer Kreistag.

Als jemand für die Partei gebraucht wurde, um in der Region für den Landtag oder den Bundestag zu kandidieren, trotz geringer Aussicht auf ein Direktmandat, war der promovierte Ingenieur schon mehrfach pflichtbewusst zu Stelle. Auch für die jetzt anstehende niedersächsische Landtagswahl ließ Bernd Fell sich aufstellen:

"Immer mehr mit der Intention, vor Ort den Kopf hinzuhalten, keine Ambitionen in die Parlamente einzuziehen, also in den Listen war ich immer hinter den weiteren Plätzen. Aber ich habe den persönlichen Freiraum, ich bin noch ein bisschen freiberuflich tätig und ansonsten Pensionär. Und ich habe den Freiraum jetzt, wenn es denn gelingt, mal wirklich Politik zu machen."

Denn plötzlich könnte es für den bisher nur ehrenamtlich tätigen Politiker ernst werden. Völlig unerwartet besteht für Bernd Fell die gar nicht so kleine Chance, das Direktmandat im Wahlkreis 22 für die Liberalen zu gewinnen. Und das könnte interessante Folgen haben. Bisher ist der Verbleib der Liberalen im niedersächsischen Landtag höchst ungewiss.

Sollte der Sarstedter es schaffen, während der FDP der Einzug über die Zweitstimme nicht gelänge, wäre Bernd Fell am Ende der voraussichtlich einzige noch verbleibende Liberale im niedersächsischen Landtag. Eine kuriose Situation:

"Natürlich war das überraschend, aber ich nehme es gerne an."

Die Geschichte dahinter: Der Wahlkreis 22 ist seit drei Legislaturperioden fest in CDU-Hand. Doch der christdemokratische Bewerber – der erstmals angetreten war - schummelte bei seiner Kandidatur, wollte mit einem geschönten Lebenslauf glänzen und musste vorzeitig das Handtuch werfen.

Doch da alle Fristen längst abgelaufen waren, bleibt sein Name auf dem Stimmzettel. Die Partei durfte keinen Ersatzkandidaten aufstellen. Christian Bernd, stellvertretender CDU-Kreisverbandsvorsitzender in Hildesheim:

"Wir können ihn nicht mehr zurückziehen aus Zeitgründen von der Liste. Folglich war zu entscheiden, was tun wir? Und Herr Dr. Fell gehört zu den Kandidaten aller Parteien, die sagen, die derzeit arbeitende Koalition ist eine gute, der Ministerpräsident der CDU ist ein Guter und der würde das gern unterstützen und das war für uns der Grund zu sagen: den kann man wählen, das empfehlen wir."

Und so geschieht bei den Erststimmen im Landkreis Hildesheim das, was die niedersächsische CDU bei den Zweitstimmen offiziell verweigert – eine Kampagne für den kleinen Koalitionspartner. Die CDU vom Kreisverband Hildesheim, die auch im Kreistag mit den Liberalen eine Gruppe bildet, ruft ihre Wähler dazu auf, ihre Stimme diesmal der FDP zu schenken:

"Die Landes-CDU hat auch gesagt, in dem Fall kann man das vertreten. Was wir auch aus finanziellen Gründen nicht mehr machen können, sind Wahlplakate für ihn oder sowas, denn die waren bedauerlicherweise schon mit dem anderen Kandidaten bedruckt, das Geld ist leider verbraucht. Aber er kommt zu unseren Veranstaltungen, er lädt uns zu seinen Veranstaltungen ein und er hat ja auch schon erheblich Erststimmenpotential dazu gewonnen, er liegt jetzt, glaube ich, bei über 30 Prozent und es ist ja auch mal ganz interessant, eine Erststimmenkampagne für die FDP zu machen."

Bernd Fell wird so zum kleinen Star der Liberalen. Der 64-jährige bekommt in diesem Tagen jede Menge Besuch von prominenten Parteigenossen: Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, Generalsekretär Patrick Döring und auch Landesparteichef Stefan Birkner geben sich bei Veranstaltungen die Klinke in die Hand.

Stefan Birkner: "Er ist ein super Kandidat für die FDP und das ist natürlich eine interessante und tolle Entwicklung, die sich da abzeichnet und da wollen wir kräftig mitwirken, dass es hier gelingt, tatsächlich einen Wahlkreis hier auch tatsächlich zu gewinnen."

Jetzt kommt es darauf an, dass möglichst wenig Wähler ihr Kreuzchen versehentlich doch bei der CDU machen. Bernd Fell jedenfalls ist zuversichtlich, auch wenn er nicht der letzte Liberale im Niedersächsischen Landtag werden will:

"Einzelkämpfer, das wäre natürlich keine schöne Situation. Ich glaub eigentlich auch nicht dran, sondern ich glaube daran, dass es wieder eine vielleicht etwas kleinere, aber schlagkräftige Fraktion gibt. Wir haben eine Menge guter Leute in der Partei und ich glaube, dass wir für das Land gute Politik machen können und das will ich voranbringen."

Mehr zum Thema bei dradio:
Themenportal zur Landtagswahl in Niedersachsen 2013

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Deutschlandfunk Radionacht

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Jüdisches Leben heute Warum es junge Israelis nach Berlin zieht

Wandgemälde einer deutsche Flagge mit Davidstern an der East Side Gallery in Berlin. Copyright: imageBROKER/EgonxBömsch (imageBROKER/EgonxBömsch)

19 Cent für einen Schoko-Pudding - mit einem Foto davon rief ein junger Israeli vor zweieinhalb Jahren seine Landsleute dazu auf, auch nach Deutschland zu kommen. Inzwischen leben Tausende hier. Eine Forschungsgruppe an der Bergischen Universität Wuppertal erforscht die Gründe.

50 Jahre "Sgt. Pepper´s"Musikgeschichte im Stereomix

The Beatles im Jahr 1967: Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, John Lennon (v.l.n.r.) (imago / United Archives)

"Sgt. Pepper´s Lonely Heart Club Band" feiert kommende Woche sein 50-jähriges Erscheinen - und erstrahlt jetzt im neuen Glanz. Der Sohn des Beatles-Produzenten George Martin hat dem legendären Album ein technisches Update verpasst.

Zum Abschied von Fritz von Thurn und Taxis"Huiii! Ein Hüüüüne!"

Fritz von Thurn und Taxis kommt am Mittwoch (23.02.2011) zur Sky - 3D-Premiere der Oper "Lucrezia Borgia" in München (Oberbayern). (picture alliance / dpa / Volker Dornberger)

Wenn morgen Frankfurt und Dortmund im DFB-Pokalfinale aufeinandertreffen, hat einer sein Abschiedsspiel, der gar nicht auf dem Platz steht: Fritz von Thurn und Taxis, Sportreporter-Urgestein und Legende. Matthias Dell über einen der Großen dieser Zunft.

Manchester nach dem TerroranschlagAuf der Suche nach Normalität

Menschen zünden Kerzen für die Opfer des Attentates in Manchester an. (Chibane/MAXPPP/dpa)

Mindestens 22 Menschen starben, als sich ein Selbstmordattentäter auf einem Popkonzert in Manchester in die Luft sprengte. In der Trauer stehen die "Mancunians", die Bewohner der Stadt, zusammen und helfen sich gegenseitig - egal ob Ärzte, Taxifahrer oder Geistliche. Der Terror hat selbst im Fußball für Einigkeit gesorgt.

Neuro-Doping unter Studierenden"Großes Suchtpotenzial"

Die Grafik eines Kopfes, der mit Blitzen durchzogen ist. (imago / Science Photo Library)

Dank Pillen besser durch die Prüfung? Das praktizieren offenbar so viele Studierende, dass schon Dopingtests an Universitäten gefordert wurden. Der Neuroethiker Dieter Sturma lehnt das ab. Gleichwohl warnt er vor massiven Folgeschäden durch Neuro-Doping.

MietenexplosionKleines Gewerbe in großen Städten ist bedroht

Eine Mutter mit Kleinkind geht an einem Buchladen mit gebrauchten Büchern in der Weserstraße in Berlin-Neukölln vorbei, aufgenommen 2012 (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)

Ein Teeladen, eine Buchhandlung, eine Bäckerei – sie alle bekamen zum Jahreswechsel die Kündigung, weil sie die geforderten Mieterhöhungen nicht zahlen können. Sechs Monate bleiben den drei Gewerbetreibenden aus Berlin – so lange läuft die Kündigungsfrist. Umziehen? Kämpfen? Oder kapitulieren?

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

G7-Gipfel  Kontroversen mit Trump über Klima- und Handelsfragen | mehr

Kulturnachrichten

Heinrich-Böll-Preis für Ilija Trojanow  | mehr

 

| mehr