Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Der Prozess gegen uns ist ein Zeichen der politischen Zensur"

Punkband "Pussy Riot" wegen Blasphemie in Moskau angeklagt

Von Gesine Dornblüth

"Pussy Riot" sind Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
"Pussy Riot" sind Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

Die regierungskritische Frauen-Punkband "Pussy Riot" ist in Moskau wegen Blasphemie und "Rowdytum" angeklagt. Die drei Feministinnen glauben aber, dass sie wegen ihrer Putin-Kritik vor Gericht stehen.

Die Anhörung in der Hauptsache begann mit einstündiger Verspätung. Die drei angeklagten Punkmusikerinnen von "Pussy Riot" sitzen in einer Art verriegeltem Glasschrank im Gerichtssaal. Zu Beginn der Sitzung erkämpfte sich die Verteidigerin Violetta Volkowa das Recht, ausführliche persönliche Erklärungen ihrer Mandantinnen zu verlesen. Die 22-jährige Nadeschda Tolokonnikowa erläutert darin klar und deutlich, dass es nicht das Ziel der Band war, orthodoxe Gläubige zu verletzen oder gar Hass zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen zu säen - wie es die Anklage behauptet. Vielmehr sei es um Politik gegangen.

"Wir sind keine Feinde des Christentums. Wir wollten in der Kathedrale mit musikalischen Mitteln unsere Besorgnis darüber ausdrücken, dass das Oberhaupt der russisch orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, eine Politik unterstützt, die die uns wichtige Zivilgesellschaft mit Gewalt unterdrückt."

Der Patriarch hatte die Gläubigen im Winter dazu aufgerufen, Putin zu wählen. Die Mitangeklagte Jekaterina Samuzewitsch, 29 Jahre, ging in die Offensive. Auch ihre Erklärung wurde von der Verteidigerin verlesen:

"Der Prozess gegen uns ist ein Zeichen der politischen Zensur und der Anfang autoritärer, repressiver Schritte, die die Menschen von oppositionellen politischen Aktivitäten abhalten sollen. Ich bitte das Gericht, den politischen Charakter dieses Prozesses zu berücksichtigen und ein gerechtes Urteil zu fällen."

Die Anwältin der Nebenkläger wies diese Erklärungen der Frauen postwendend zurück.

"Wir sind hier nicht auf einer Kundgebung. Diese Meinungsäußerungen der Angeklagten sind ein Verfahrensverstoß. Sie haben nichts mit der Sache zu tun und sind ausschließlich für die Presse gedacht, die diese Gruppe erst bekannt macht. Es weiß doch jeder, dass es der Band "Pussy Riot" nur um Geld geht."

Im Laufe des Tages des heutigen Tages wird die mehr als hundertseitige Anklageschrift verlesen. Der Prozess findet unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Polizei hat das Gebiet um das Gericht abgesperrt, in den Saal werden lediglich Journalisten vorgelassen. Die heutige Sitzung wird in einem Livestream übertragen. Die Staatsanwaltschaft hat jedoch beantragt, Videoaufnahmen zum Beispiel der Zeugenbefragungen zu verbieten. Sie begründet dass mit angeblicher Lebensgefahr für die Zeugen.

Das Verfahren geschieht in einer Zeit, in der Richter, Ermittler, Polizisten und Regierungspolitiker auf allen Ebenen Druck auf Regierungskritiker ausüben. Gleichfalls am heutigen Nachmittag muss der prominente oppositionelle Blogger Alexej Nawalnyj vor dem Ermittlungskomitee erscheinen. Ihm soll eine Anklageschrift präsentiert werden. Vor drei Jahren soll er das Vertrauen eines Forstbetriebes missbraucht haben, das Unternehmen falsch beraten und damit um einen Gewinn von etwa 25.000 EUR gebracht haben. Dafür drohen ihm im Fall einer Anklage bis zu fünf Jahre Haft.

Beobachter gehen davon aus, dass die Regierung die Sommerpause nutzen will, um sich für neue Proteste im Herbst zu wappnen und Sympathisanten der Protestbewegung abzuschrecken. Im Fall der Punk Band "Pussy Riot" könnte das allerdings ins Gegenteil umschlagen. Wie eine jüngste Umfrage des unabhängigen Lewada Instituts ergab, wächst die Zahl derer, die den Prozess als unverhältnismäßig kritisieren, immer schneller.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:56 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Müllers "Marshall-Plan mit Afrika""Die Entwicklungskräfte der Länder stärken"

Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller, CSU (picture-alliance / dpa / Rainer Jensen)

Entwicklungsminister Gerd Müller will den ärmsten Ländern in Afrika helfen. Es gehe aber nicht darum, den Staaten Milliarden zu geben, sondern sie gezielt und stärker zu fördern, sagte der CSU-Politiker im Deutschlandfunk. Als Beispiel nannte er eine Stärkung der Wertschöpfungsketten.

Oscars und Politik"Hollywood hat die Künstler mobilisiert"

Die Gewinner in den Kategorien beste Haupt- und Nebendarsteller: Mahershala Ali, Emma Stone, Viola Davis und Casey Affleck (v.l.n.r.) (AFP / FREDERIC J. BROWN)

Die Oscar-Nacht sei "extrem politisch" verlaufen, beschreibt Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin Brandenburg die Stimmung in Hollywood. Die Academy habe die Künstler zu politischem Engagement aufgerufen - Kunst und Film komme eine wichtige Bedeutung zu.

Reformation"Luther war ein heiliger Krieger"

Der deutsche Reformator Martin Luther nach einem Gemälde von Lucas Cranach. (dpa/picture-alliance/Backhaus)

Michael Lösch ist DJ, Schriftsteller und Pfarrerssohn. Er kann nicht verstehen, warum der Thesenanschlag gefeiert wird. Luther war aggressiv und mittelalterlich, sagt er. In seinem neuen Buch träumt er von einer Welt ohne den Reformator.

Vor dem Raser-Urteil in Berlin "Wir brauchen eine deutliche Abschreckung"

Die verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Kirsten Lühmann  (imago / Metodi Popow )

Die verkehrspolitische Sprecherin der SPD im Bundestag, Kirsten Lühmann, hofft auf ein Gesetz gegen illegale Straßenrennen noch in dieser Legislaturperiode. Sie sagte im Deutschlandfunk, Differenzen gebe es lediglich darüber, ob die Regelungen im Strafgesetzbuch oder im Straßenverkehrsgesetz verankert werden sollen.

Mit Gruß von Orwell & HavelBig Brother still watching you!

Wandbild von "Big Brother": Szene aus der britischen Verfilmung von George Orwells "1984" in den 1950er-Jahren.  (imago / United Archives )

In den Zeiten von Trump und Putin können Bücher mehr als nur Trost spenden: George Orwells "1984" oder Václav Havels "Versuch in der Wahrheit zu leben" haben nichts von ihrer subversiven Aktualität eingebüßt, meint der Schriftsteller Marko Martin.

Staatsschutz und PressefreiheitDas "Cicero"-Urteil und seine Folgen

Im Bundesverfassungsgericht (BVG) in Karlsruhe wird bei der Urteilsverkündung in Sachen "Cicero" eine Ausgabe des Magazins in die Kamera des Fotografen gehalten. Das Bundesverfassungsgericht hat den Schutz der Presse gegen polizeiliche Durchsuchungen gestärkt.  (dpa / Uli Deck)

In letzter Instanz musste das Bundesverfassungsgericht entscheiden: War die Durchsuchung bei der Zeitschrift "Cicero" wegen möglichen Verrats von Dienstgeheimnissen rechtmäßig? Heute vor zehn Jahren fiel das Urteil - zugunsten der Pressefreiheit.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Türkei  Untersuchungshaft für Yücel - Maas: "Völlig unverhältnismäßig" | mehr

Kulturnachrichten

Schauspieler Martin Lüttge gestorben  | mehr

Wissensnachrichten

Namensforschung  Du siehst aus, wie du heißt | mehr