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Der Tag der Versöhnung

Die Bedeutung des jüdischen Feiertages Jom Kippur

Von Ayala Goldmann

Synagoge in der Berliner Rykestraße. (AP)
Synagoge in der Berliner Rykestraße. (AP)

An keinem Tag im Jahr sind die Synagogen so voll wie an Jom Kippur. Am höchsten jüdischen Feiertag wollen Gläubige ins Reine kommen mit sich selbst und ihrer Umgebung. An diesem Versöhnungstag zieht es aber auch viele sogenannte Drei-Tage-Juden in die Gotteshäuser, die sich gern der Tradition erinnern.

Musik: Leonard Cohen:

"I asked my father
I said, father, change my name,

The one I'm using now, it's covered up
with fear, with filth, with cowardice and shame

Yes, and lover, lover, lover, lover
Lover, lover, lover, come back to me ..."


Angst, Feigheit und Scham: Den Wunsch vieler Juden an Jom Kippur, die Verfehlungen und die peinlichen Gefühle des alten Jahres hinter sich zu lassen, kann man auch aus dem berühmten Lied "Lover Come Back to Me" von Leonard Cohen heraushören. Der Sänger stammt aus einer traditionellen jüdischen Familie, als Kind hielt er die religiösen Vorschriften ein, am Sabbat ging man in die Synagoge, zuhause wurden die Kerzen angezündet.

"Then let me start again, I cried
Oh, please let me start again ..."


"Lass mich noch einmal von vorn anfangen" - das wünschte sich Cohen schon als Kind zum Versöhnungstag. Die wenigsten Juden in Deutschland sind in Elternhäusern wie dem von Leonard Cohen aufgewachsen – und doch ist Jom Kippur für viele sehr bedeutsam. Auch für Rafael Seligmann, Publizist und Herausgeber der Zeitschrift "Jewish Voice from Germany" in Berlin:

"Was für mich das Wichtigste am Jom Kippur ist: Es ist ein Versöhnungstag. Es gibt am Vorabend dieses Gebet Kol Nidre, das heißt, alle Gelübde, alle Schwüre, alle Vorstellungen, alle Verpflichtungen werden an diesem Tag gelöst. Man soll sich mit seinen Gegnern, mit seinen Feinden aussöhnen, man soll Frieden mit sich und der Welt machen, mit Gott sowieso. Es ist genau eine Woche nach dem jüdischen Neujahrsfest, und an dem Tag wird das Schicksal des Jahres besiegelt."

Micha Brumlik, Professor für Erziehungswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main, bezeichnet sich selbst als liberalen Juden. Seit 40 Jahren beachtet er alle Vorschriften des höchsten jüdischen Feiertages ganz genau:

"Ich faste diese 26 Stunden, ich esse nichts, ich trinke nichts und ich halte mich auch so lange, wie das vorgegeben ist, in der Synagoge auf. Ich mache das, seitdem ich 15 bin, ich bin es gewöhnt. Gerne mache ich es nicht. Es ist sehr, sehr anstrengend und ermüdend. Aber in dem Fall ist es jetzt mal richtig, mit der Weisheit des Körpers, also dieses Fasten bringt einen in eine Stimmung, in der man sehr nachdenklich, um nicht zu sagen, bußfertig wird." (lacht)

Rafael Seligmann gestaltet das Fasten etwas pragmatischer.

"Ich versuche, so weit wie möglich zu fasten. Wenn ich spüre, dass ich Magenschmerzen vor Hunger kriege, dann esse ich. Das ist aber auch durchaus im Sinne der Religion: Ein Gebot gilt nur, so lange es dem Menschen nicht schadet. Also, wenn es ihnen übel vor Fasten wird, dann sollen sie durchaus eine Kleinigkeit essen."

Die Israelin Nirit Bialer, Gründerin der deutsch-israelischen Kulturinitiative "Habait", auf Deutsch "Das Haus", lebt seit mehreren Jahren in Berlin. Jom Kippur in Israel zu feiern, wo es an diesem Tag keinen Auto- und Busverkehr, kein Kino und keine Partys gibt, das sei in gewisser Hinsicht einfacher als in Deutschland, findet die 34-Jährige:

"Ich glaube, ich habe noch nie den ganzen Feiertag lang gefastet. Auf der Straße isst man in Israel natürlich nicht, das wäre ungehörig. Aber in Berlin kannst du dir aussuchen, was du tust. Vor ein paar Jahren habe ich einen Freund am Abend von Jom Kippur in die Synagoge mitgenommen, und danach sagte er, das war spitze, und hat mich zu einer Party eingeladen. Und ich habe mich gefragt, was mache ich denn jetzt? In Israel wäre mir das nie passiert, da sind die Straßen leer und man kann maximal zuhause einen Film ansehen. Aber das sind so die Fragen, mit denen man sich auseinandersetzt, wenn man als säkularer Israeli im Ausland lebt."

Ob sie auf die Party gegangen ist, will Nirit Bialer allerdings nicht verraten. Aber den Jom Kippur in einer Berliner Synagoge zu verbringen, das ist für die Israelin bis heute etwas Besonderes:

"Mir gibt das die Möglichkeit, mein Judentum zu spüren, und das auch meinen nichtjüdischen Freunden zu zeigen. Und ich sitze in der Synagoge in der Rykestraße, und das macht etwas mit mir, und ich sage mir, wow, ich sitze hier an Jom Kippur, und hier sitzen noch mehrere Hundert Leute, und was ist hier vor 70 Jahren passiert, und was wäre hier mit mir als Jüdin passiert, und heute kann ich hier sitzen und dieses Fest begehen. Ich bin kein religiöser Mensch, aber das ist meine Tradition, das sind die Werte, die ich von zuhause mitbekommen habe."

Musik: Leonard Cohen:

"I never turned aside," he said
I never ever walked away
It was you who built the temple
It was you who covered up my face

Yes, and but, lover, lover, lover, lover
Lover, lover, lover, come back to me


"I never turned aside -.Ich habe mich niemals abgewandt". Leonard Cohen, der sich auch dem Zen-Buddhismus verbunden fühlt, sagte in einem Interview über das Judentum: "Ich habe versucht, auf meine eigene bescheidene Art so halbwegs dabei zu bleiben." Im Jahr 1974 wurde der Song "Lover Come Back To Me" veröffentlicht – große Teile des Liedes entstanden auf der Sinai-Halbinsel. Dorthin hatte Cohen israelische Soldaten mit einer Band begleitet – im Jom Kippur-Krieg, der mit einem syrischen und ägyptischen Angriff auf Israel am höchsten jüdischen Feiertag begonnen hatte. Auch Rafael Seligmann hat den Anfang des Jom Kippur-Krieges 1973 in Israel miterlebt:

"Meine Tante war in der Synagoge, mein Onkel aß. Ich ruhte mich aus, und plötzlich hörte ich einen Überschallknall. Und dann einen zweiten. Und kurz danach Artilleriefeuer, es war nordöstlich von Haifa, das war wohl von den Golan-Höhen. Es gab damals keine israelische Rundfunkstation, die am Jom Kippur sendete. Für alle Menschen, die ich damals in Israel kannte, war Krieg an sich schockierend, und Krieg an diesem Tag, an dem man sich besinnen möchte, erst recht schockierend. Und seitdem sage ich mir: Ist vielleicht doch nicht schlecht, mal zumindest an dem Tag in die Synagoge zu gehen."

Nach der Überlieferung ist es der Tag des Gerichts: An Jom Kippur wird besiegelt, wer im neuen jüdischen Jahr im Buch des Lebens eingeschrieben bleibt – und wer nicht.

Micha Brumlik: "Alle Vergehen, die der Mensch gegen Gott begangen hat, vergibt der Jom Kippur. Die Vergehen, die der Mensch gegen seinen Mitmenschen begangen hat, vergibt der Jom Kippur nicht. Das heißt: Wir sind gehalten – so verstehe ich das – mit uns selbst und unseren Mitmenschen, denen wir Unrecht getan haben oder von denen wir auch Unrecht empfangen mussten, an Jom Kippur ins Reine zu kommen."

Amnon Seelig: "In Israel ist es sehr gebräuchlich. Man tut es vor Jom Kippur bei fast jedem, dem man begegnet. Und auch konkrete Sachen: Dafür und dafür und dafür möchte ich mich noch mal vor Jom Kippur entschuldigen. Auf jeden Fall."

Nicht nur Erwachsene, sondern auch Schüler nehmen den Brauch sehr ernst, erinnert sich der Israeli Amnon Seelig, angehender Kantor und Student am liberalen Abraham-Geiger-Kolleg in Berlin:

"Ich erinnere mich, als ich zwölf oder 13 war, habe ich mich mit einem Kommilitonen in der Schule gestritten, wir haben uns geschlagen, und das war vielleicht zwei Tage vor Jom Kippur. Und schon im Anschluss, zwei Minuten danach, haben wir uns gesagt, okay, jetzt ist bald Jom Kippur, dann müssen wir uns das jetzt vergeben und das vergessen, und Schwamm drüber."

Aussöhnung sollte aber nicht auf einen einzigen Tag im Jahr beschränkt werden, meint Rafael Seligmann. Doch nur an Jom Kippur findet er eine ganz bestimmte Art von Kontemplation - in einem jüdischen Gotteshaus:

"Ich bin ein sogenannter Drei-Tages-Jude, was Religiöse so nennen. Das heißt, ich gehe an drei bis fünf Tagen im Jahr in die Synagoge. Ich gehe als Zeichen meiner Verbundenheit mit dem Judentum und mit anderen Juden in die Synagoge, da bete ich ein wenig, aber das Entscheidende ist, Freunde, Bekannte zu treffen, und schon die Überlegung, Frieden mit sich und der Welt zu machen."

Musik Leonard Cohen:

"And may the spirit of this song
May it rise up, pure and free
May it be a shield for you
A shield against the enemy

Yes, and lover, lover, lover, lover
Lover, lover, lover, come back to me."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:58 Uhr

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