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Deutsche Bahn will Personalnot lindern

Gewerkschaften: Allein 1000 Fahrdienstleiter fehlen

Nur jeder zweite Zug kommt an: Das unterbesetzte Stellwerk am Mainzer Hauptbahnhof (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)
Nur jeder zweite Zug kommt an: Das unterbesetzte Stellwerk am Mainzer Hauptbahnhof (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)

Nach Druck von Politik und Behörden will die Deutsche Bahn die Probleme am Mainzer Hauptbahnhof beheben. Nach Fahrplan verkehren Züge frühestens Ende des Monats. Auf Personalengpässe auch in anderen Stellwerken solle flexibler reagiert werden. Für heute sind Verhandlungen mit Gewerkschaften geplant.

Die Bahn kann die Zugausfälle und -umleitungen am Mainzer Hauptbahnhof trotz des großen Drucks nicht sofort ganz beheben, verspricht aber Linderung. Das Unternehmen kündigte nach einem Treffen in der Landeshauptstadt Mainz Verbesserungen ab der nächsten Woche an: Mit dem Schulbeginn in Rheinland-Pfalz am kommenden Montag sollen morgens wieder mehr Züge fahren. Ab 30. August wolle die Bahn wieder zum normalen Betrieb zurückkehren, falls nicht weitere Fahrdienstleiter krank würden, sagte DB Netz-Chef Frank Sennhenn.

Die rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hatte Politiker, Fahrgastverbände, Gewerkschaften und Bahn zu einem Krisentreffen geladen. Heute will die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG mit der Konzernspitze der Deutschen Bahn über die Personallage beraten.

Personalnot in mehreren Berufsgruppen

Da der Engpass bei Fahrdienstleitern im Stellwerk nicht nur in Mainz besteht, will die Bahn kurzfristig weitere Mitarbeiter ausbilden. In diesem Jahr will sie noch 340 neue Fahrdienstleiter einstellen, so dass 2013 insgesamt 600 Mitarbeiter in diesem Bereich hinzukommen. Nach Ansicht der Gewerkschaft GDL fehlen auch mindestens 800 Lokführer. Die Gewerkschaft wolle deshalb im nächsten Tarifvertrag mit der Bahn eine verbindliche Personalplanung vereinbaren. Auch Zugbegleiter und Werkstattpersonal sind unterbesetzt. Die Deutsche Bahn hat nach eigenen Angaben 300.000 Mitarbeiter.

Mainz Hauptbahnhof (dpa / Fredrik von Erichsen)Mainz Hauptbahnhof (dpa / Fredrik von Erichsen)Dem "Handelsblatt" liegt nach eigenen Angaben ein Bescheid des Eisenbahnbundesamtes vom 12. August an die Bahn-Tochter DB Netz AG vor. Demnach heißt es in dem Schreiben: "Ihnen wird aufgegeben, unverzüglich den sicheren, für die Durchführung des planmäßigen Verkehrs erforderlichen, uneingeschränkten Betrieb des Stellwerkes Mainz wieder aufzunehmen." Zudem werde die Bahn-Tochter verpflichtet, dem Bundesamt "alle zwei Wochen schriftlich über die getroffenen und geplanten Maßnahmen zur Verhinderung besetzungsbedingter Nutzungseinschränkungen des Stellwerks Mainz zu berichten."

Bundesweit angespannte Situation

Der Zweckverband Schienenpersonen-Nahverkehr Rheinland-Pfalz äußerte sich skeptisch hinsichtlich einer raschen Lösung. Verbandsdirektor Michael Heilmann sagte im Deutschlandfunk, vermutlich werde man mit Blick auf das am Montag beginnende neue Schuljahr Ersatzbusse einsetzen müssen.

Seit mehr als einer Woche fällt jeder zweite Zug im Mainzer Hauptbahnhof aus, weil von 15 Fahrdienstleitern vier krank und drei im Urlaub sind. Mit den Urlaubern stehe man in Gesprächen über eine vorzeitige Rückkehr, um die Stellwerke wieder voll in Betrieb nehmen zu können.

SPD beantragt Sondersitzung des Verkehrsausschusses

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kritisierte die Personalpolitik der Deutschen Bahn AG. "Hier wurde offenbar falsch gespart. Das rächt sich jetzt", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) tue allerdings so, als gehe ihn das als Eigentümer der Bahn alles nichts an, sagte Steinbrück. "Jetzt die Bahn-Mitarbeiter zu bestrafen und aus dem Urlaub zurückzuholen, ist der falsche Weg." Ramsauer wiederum machte Steinbrück als früheren Bundesfinanzminister für ein Ausbluten des Konzerns verantwortlich.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, bei der Veranstaltung "FORUM POLITIK" von DLF und Phoenix (Deutschlandradio / Max Kohr)Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU (Deutschlandradio / Max Kohr)Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) befürwortete unterdessen die Schritte des Unternehmens. "Es geht jetzt erstmal darum, dass ausgebildetes Personal da ist und dass man daran arbeitet, diese Personaldecke so auszustatten, dass auch in Krankheits- und Urlaubsfällen nicht jedes Mal Tausende von Menschen leiden müssen", sagte Merkel in der gemeinsamen Veranstaltung "Forum Politik" des Deutschlandfunks und des Fernsehsenders Phoenix. Sie sei sehr froh, "dass die Bahn sich mit aller Ernsthaftigkeit der Sache angenommen hat".

Inzwischen beantragte die SPD eine Sondersitzung des Bundestags-Verkehrsausschusses. Bereits an diesem Freitag solle dabei auch Ramsauer über die Ursachen der aktuellen Personalkrise bei der Deutschen Bahn befragt werden. Die Bundesregierung habe die Interessen des Eigentümers Bund gegenüber dem Konzern zu vertreten und Schaden von ihm abzuwenden. Die Sozialdemokraten wollen auch Bahnchef Rüdiger Grube in den Ausschuss bitten.

FDP pocht auf grundsätzlich neue Struktur bei der Bahn

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle fordert eine grundsätzlich neue Struktur der Deutschen Bahn. Ein freies Unternehmen im Wettbewerb könne sich solche Probleme nicht leisten, sagte er der "Mainzer Allgemeinen Zeitung". Überlegenswert wäre etwa ein Börsengang der AG, deren einziger Anteilseigner der Bund sei. Im Zusammenhang mit den Zugausfällen sprach Brüderle von einer "internationalen Blamage" und einem "unglaublichen Zustand", für den die Menschen kein Verständnis hätten. Die Börsengang der Deutschen Bahn AG war 2008 wegen der Finanzkrise verschoben und 2011 bis auf Weiteres abgesagt worden.

Der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses Anton Hofreiter (Grüne) sieht in dem Renditeziel der Bahn AG eine falsche Ausrichtung. "Die Bahn wird seit vielen Jahren von der Mehrheitspolitik auf kurzfristige Rendite gesteuert, und kurzfristige Rendite erzielt man halt am leichtesten, wenn man bei Unterhaltsmaßnahmen spart, wenn man beim Personal spart, wenn man bei all den Dingen, die mittel- und langfristig notwendig sind, spart", sagte Hofreiter im Deutschlandfunk.

Mehr zum Thema bei dradio.de:

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Interview mit Vorstand DB-Netz AG Sennhenn im ARD-Fernsehen

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:15 Uhr

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