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Deutscher Arzt für Timoschenko

Arzt der Berliner Charité soll sich ab Dienstag um erkrankte Oppositionspolitikerin kümmern

Julia Timoschenko zeigt ihre Verletzungen in einem Gefängnis in Charkow
Julia Timoschenko zeigt ihre Verletzungen in einem Gefängnis in Charkow (dpa / picture alliance / Ukrpravda)

Die Rufe nach einem Boykott der EM-Spiele in der Ukraine zeigen erste Wirkung: Die inhaftierte Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko darf nun doch von einem deutschen Arzt behandelt werden. Das teilte der Chef der Berliner Charité, Karl Max Einhäupl, nach einem erneuten Besuch Timoschenkos in der Haftanstalt mit.

Vor knapp zwei Wochen trat die ukrainische Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko im Gefängnis in einen Hungerstreik. Sie wollte damit gegen ihre Haftbedingungen protestieren - und setzte damit ein Fanal. Wichtige Politiker drohten Regierungschef Viktor Janukowitsch damit, der Fußball-Europameisterschaft in ukrainischen Stadien fernzubleiben, um ihn so den Glanze des Sportereignisse zu verwehren.

Timoschenkos Protest zeigt Wirkung: Nun darf ein Arzt der Berliner Charité, der größten deutschen Klinik, die 51-Jährige behandeln. "Frau Timoschenko hat vorläufig zugestimmt, am Dienstag, dem 8. Mai, in die Zentrale Eisenbahnerklinik von Charkow verbracht zu werden", sagte Charité-Chef Karl Max Einhäupl. In der Großstadt findet das Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft gegen die Niederlande am 13. Juni statt.

Timoschenko stimmt vorläufig zu

Der Leiter der Charité, Karl Max EinhäuplDer Leiter der Charité, Karl Max Einhäupl (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)Die Politikerin habe auf Rat deutscher Ärzte ihre vorläufige Zustimmung erteilt, sagte Einhäupl nach einem Besuch in der Zelle der früheren Regierungschefin im Frauengefängnis. Der Tochter Jewgenija und einem Anwalt sei der Zugang dagegen untersagt worden, hieß es. Deutsche Diplomaten waren jedoch dabei.

Behandelt werden solle Timoschenko von einem Arzt der Charité. Dieser werde von ukrainischen Medizinern unterstützt. "Das wird ein allgemeiner Schritt zur Lösung der Frage", sagte Einhäupl. Bislang hatte Timoschenko auf einer Behandlung direkt in der Charité bestanden. Einhäupl hatte erst von einer Behandlung in der Ukraine abgeraten, weil bestimmte Therapien dort nicht möglich seien.

Einhäuple hatte die Ex-Regierungchefin zusammen mit Orthopädie-Chef Norbert Haas am 14. Februar erstmals untersucht. Laut Diagnose war die Politikerin schon damals ernsthaft erkrankt. Sie leidet an einem schweren Bandscheibenvorfall, aus dem sich chronische Schmerzen entwickelt haben. Eine angemessene Behandlung könne in der Haftanstalt nicht gewährleistet werden.

Außenminister Guido Westerwelle sagte in New York, die Hilfe durch die deutschen Ärzte könne nur eine "vorläufige Hilfe" sein. Mit Timoschenko solle erörtert werden, "welche Lösungsmöglichkeiten es aus ihrer Sicht geben kann".

Ukraine bestreitet Hungerstreik-Folgen

Jewgenija Timoschenko, die Tochter der ukrainischen Oppositionspolitikerin Julia TimoschenkoJewgenija Timoschenko, die Tochter der ukrainischen Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko (picture alliance / dpa / Samantha Zucchi Insidefoto)Die Sorge von Timoschenkos Tochter über den sich verschlechternden Zustand ihrer Mutter kann die ukrainische Justiz nicht teilen. Generalstaatsanwalt Viktor Pschonka bestätigte zwar erstmals, dass Timoschenko sich im Hungerstreik befindet. "Sie hungert, das hat bisher aber keine gesundheitlichen Komplikationen mit sich gebracht", sagte Pschonka. Er deutete an, dass sich die 51-Jährige die Verletzungen selbst beigebracht haben könnte.

Mit der Fortdauer des Hungerstreiks wollten ukrainische Behörden eine Zwangsernährung ihres prominenten Häftlings nicht ausschließen. "Wir werden sie auf jeden Fall nicht sterben lassen", sagte ein Gefängnismitarbeiter der ukrainischen Zeitung "Segodnja". Nach Angaben der Tochter kann sich ihre Mutter zurzeit "praktisch gar nicht bewegen".

Ukraine droht deutscher Wirtschaft

Die Ukraine droht Deutschland mit wirtschaftlichen Konsequenzen, nachdem die EU-Kommission der Ukraine einen baldigen Beitritt, beginnend mit einem Assoziierungsabkommen, in weite Ferne gerückt hat. "Ohne Abkommen wird der deutsche Zugang zum ukrainischen Markt begrenzt sein", sagte der für Außenpolitik zuständige Vize-Präsident der ukrainischen Regierungspartei, Leonid Koschara, "Spiegel Online". Die Ukraine ist mit 7,2 Milliarden Euro für Deutschland der wichtigste osteuropäische Handelspartner nach Russland.

Die Bundesregierung will bis dato zu den Spielen in beiden EM-Ländern reisen. Entschieden werde kurzfristig, sagte ein Regierungssprecher in Berlin. "Die Bundesregierung hat den Eindruck, dass die Ukraine das Strafrecht missbraucht, um Oppositionelle kaltzustellen."

Amnesty International gegen Boykott

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hält einen Boykott der Spiele in der Ukraine für falsch. Vielmehr sollten Politiker und Sportfunktionäre in dem Land "sich beharrlich für die Verbesserung der Menschenrechtslage in der Ukraine einsetzen", sagte Ferdinand Muggenthaler von Amnesty International im Deutschlandfunk. "Es bringt jetzt nichts, weil jetzt das gerade in der Öffentlichkeit ist, nur nicht hinzufahren; es kann natürlich nach einem bestimmten Prozess auch der richtige Schritt sein."

Breiter Protest gegen Janukowitschy

Russlands Präsident Wladimir PutinRusslands Ministerpräsident Wladimir Putin (AP)Der designierte russische Präsident Wladimir Putin kritisierte die Verurteilung von Timoschenko zu sieben Jahren Haft wegen eines Gasvertrags mit Russland, der angeblich für einen wirtschaftlichen Schaden in der Ukraine gesorgt haben soll. Auch internationale Beobachter sprachen von Rachejustiz und Justizwillkür von Timoschenkos Amtsnachfolger, Präsident Janukowitsch.

Putin und Timoschenko hatten das Abkommen 2009 unterzeichnet. Es sei rechtens, betonte der gewählte Kremlchef, der am kommenden Montag sein Amt antritt. "Das unterzeichnete Abkommen entspricht vollständig den Rechtsprechungen in Russland sowie in der Ukraine." Auch Putin hatte der Oppositionspolitikerin medizinische Hilfe angeboten.

Alle 27 Mitglieder der EU-Kommission wollen den 16 Spielen in der Ukraine fernbleiben - das begrüßte der CDU-Europaparlamentarier Daniel Caspary im Deutschlandfunk. Daneben hatten bereits einige Regierungen und Amtsträger ihre Teilnahme an EM-Spielen in der Ukraine abgesagt, so etwa Österreich, EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy. Den politischen Protest begann Bundespräsident Joachim Gauck mit seiner Absage eines Besuchs in der Ukraine. In der Hauptstadt Kiew findet am 1. Juli das EM-Finale statt.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr

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