Redaktionen

Deutschlandfunk: Buchredaktion

Individualismus und Verantwortung

Nebenan will einer nicht gestört werden. Er liest. Eine Tür weiter hält ein Kollege den "Ticker" im Auge. So nennt man immer noch, obwohl längst nichts mehr aus einem "Fernschreiber" tickt, das Computerprogramm mit den Schlag auf Schlag aktualisierten Meldungen der Agenturen. Die Moderatorin des Tages feilt an ihren Formulierungen hinter verschlossener Tür. Der Redaktionsleiter sitzt ein paar Zimmer weiter, wieder eine dieser zeitraubenden Konferenzen. Die Tür zum Büro des Kollegen ohne aktuelle Tagesaufgaben steht offen: Zigarettenqualm in der Luft, das Zischen des Espresso-Automaten, er hat Besuch: eine Schriftstellerin aus Berlin zwecks Lesung im Studio am Abend für die Mittwochsendung "Lesezeit" (20.30 bis 21 Uhr).

Im Sekretariat klingelt das Telefon pausenlos. Freie Mitarbeiter machen Themenvorschläge, Hörer protestieren gegen die gestrige Sendung, die Pressesprecherin eines nicht mehr ganz so erfolgreichen Verlages bietet einen Interviewtermin mit einer Erfolg versprechenden Debütantin an, die Studiodisposition bestätigt den Termin für das Telefoninterview mit dem Schriftsteller am Bodensee in Studio H 4.2 um 18. 30 Uhr. Die Redakteure der Buchredaktion, von Natur aus eher Stubenhocker, haben sich mit den Jahren daran gewöhnt, dass ihr an sich leises Geschäft - die subjektive Aneignung und journalistische faire Vermittlung von lesenswerter Literatur - keineswegs in einem Elfenbeinturm blühen kann.

Aber was ist "lesenswerte Literatur"? Und wie kann man sie im Radio vermitteln? Darüber gibt es in der aus promovierten Germanisten, gestandenen Journalisten und - alles in einer Person - Kritikern bestehenden Buchredaktion mindestens so viele Meinungen wie Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion, die für die tägliche Sendung Büchermarkt (16.10 bis 16.30 Uhr) verantwortlich sind. Der eine meint, man müsse, um den kritischen Auftrag des Literaturjournalismus zu erfüllen, vor allem gut geschriebene Rezensionen senden. Jemand anderes besteht darauf, dass man - im Gegensatz zu solchen monologischen Formen, wie sie in der Zeitung gepflegt werden - die unmittelbaren dialogischen Möglichkeiten des Radiojournalismus ausschöpfen sollte: in einem Kritikergespräch stößt Meinung auf Meinung, Spontaneität ist mindestens so gefragt wie die zurecht gelegte Argumentation.

Hingegen insistieren andere von uns darauf, Schriftsteller zu ihren Neuerscheinungen selbst reden und aus ihren Büchern vorlesen zu lassen. "Aber das läuft ja auf Eigenwerbung hinaus!", ruft die "kritische" Fraktion der Redaktion aus, "nur die ausgefeilt formulierte Rezension ist die einzig wahre Antwort auf ein sprachliches Kunstwerk!" - " Nein", erwidern die Gegner von Vorgelesenem in einer Literatursendung, "im Radio geht es vor allem um Stimmen." Kommunikation, Spontaneität, Frage und Antwort; man müsse hören können, wie die an der Sendung Beteiligten nicht nur fix und fertige Sätze formulieren, sondern auch nach Worten ringen. Was jeder Schriftsteller aus seiner täglichen Erfahrung am Schreibtisch berichten kann, gelte auch für deren Anwälte, die Literaturjournalisten am Mikrofon.

Wie man aus diesem übrigens sehr produktiven Streit herauskommt? Am besten, wir machen alles und jeder kommt zu seinem Recht. Die Buchredaktion besteht aus Individualisten. Individualismus und Wiedererkennbarkeit sind Voraussetzungen für die gelungene Dramaturgie einer Sendereihe. Jede Form ist im "Büchermarkt" möglich, zumal die Sendung täglich läuft, Wochenende inklusive: die geschriebene Rezension, das Kritikergespräch, das Autorenporträt, die Lesung, Interviews. Hauptsache, es geht intellektuell leidenschaftlich zur Sache, temperamentvoll und kompetent, Hauptsache, die Hörer langweilen sich nicht, schalten nicht ab.

Aber wer ist es überhaupt, der einschaltet? Wir machen uns keine Illusionen. Wer nie oder nur selten ein Buch zur Hand nimmt, kommt mit dem "Büchermarkt" nicht zurecht. Die Sendung richtet sich an regelmäßige Leser, an Buchkäufer, an Menschen, die wissen wollen, was lesenswert ist und was nicht. Es geht darum, Orientierung zu schaffen auf einem Markt, in dem die guten von den faulen Früchten nicht so leicht zu unterscheiden sind wie am Obststand.

Nicht nur Literatur für fortgeschrittene Leser bestimmt das Programm. DIE BESTEN 7 - unsere monatliche Bestenliste für Kinder- und Jugendliteratur - wird von 29 Jurorinnen und Juroren, allesamt Experten auf ihrem Gebiet, zusammengestellt und am ersten Samstag des laufenden Monats im "Büchermarkt" präsentiert - in Zeiten des Pisa-Schocks eine Hilfe für besorgte Eltern, Großeltern und andere, die wissen wollen, was ihre Kinder lesen sollten und was nicht. Montags drauf wird die Liste im Nachrichtenmagazin "FOCUS" nachgedruckt, natürlich steht sie im Internet.

Literaturjournalisten beim Deutschlandfunk sind auch viel unterwegs. Sie scheuen die Begegnung mit der Öffentlichkeit nicht, sie verkriechen sich nicht in ihren Redaktionsstuben und heimischen Studios. Sie arbeiten mit Literaturhäusern zusammen, kreuzen im Ü-Wagen auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig auf. Jeden Monat geht es nach Berlin, um im "Literarischen Colloquium Berlin" am Wannsee einen prominenten Schriftsteller vor Publikum aus einem neuen Werk lesen zu lassen. Dazu gibt es ein Podiumsgespräch, in dem die beteiligten Kritiker und Schriftstellerkollegen noch ausreden können. Eine zwei Stunden lange, ungeschnitten übertragene Literaturveranstaltung an jedem letzten Samstag im Monat von 20.05 bis 22 Uhr - welcher Sender in Deutschland macht uns das nach? Seit dreizehn Jahren existiert das "Studio LCB", eine Ausnahmeerscheinung in einer Zeit, da auch Literatursendungen, wenn sie denn nicht ganz gestrichen werden, Teil einer um sich greifenden Häppchenkultur im deutschen Radio werden.

Der Literatur-Redakteur beim Deutschlandfunk trägt für das literarische Wohl seiner Hörer ein gehöriges Maß an Verantwortung.

Dr. Hajo Steinert
Leiter der Abteilung "Kulturelles Wort" und der Buchredaktion