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Deutschlandfunk: Kultur heute

Springen gern knapp

"Western Society" von Gob Squad Hebbel am Ufer in Berlin
Kultur, wohin das Ohr reicht: "Kultur heute" (picture alliance / dpa / Claudia Esch-Kenkel)

Ein gutes Pferd springt knapp. Das ist ein Satz, gemacht für Leute, die gern auf den letzten Drücker kommen. Oder ihren Text liefern. Oder den Aufzug im vierzehnten Stock um kurz vor halb sechs betreten, wenn die Sendung um halb beginnt. Oder die Verabschiedung so lang hinauszögern, dass bis zum Beginn der Nachrichten möglichst nicht mehr als drei Sekunden Musik dazwischengehen. Insofern passt der Satz schon ganz gut auf die Leute von Kultur heute. Hier gilt aber auch: Wer knapp springen will, braucht gute Pferde.

Kultur heute - seit 30 Jahren heißt so die tägliche Sendung (montags bis freitags 17.35 Uhr, samstags und sonntags 17.30 Uhr) für aktuelle Kultur im Informationsprogramm Deutschlandfunk.

Dass die Sendung dereinst nicht live, sondern vorproduziert vom Band gesendet wurde, kommt einem heute seltsam vor. Nun ist viel von dem ganz gut vorhersehbar, was für "Kultur heute" interessant ist und "einen Beitrag wert" (M.Köhler),: Theater- und Opernpremieren, Ausstellungseröffnungen, Philosophentreffen und Kultusministerkonferenzen und so weiter. Wie es war, ob es taugte - oder ob da bloß ein paar nackte Kaiser über die Bühne getrieben wurden: das weiß man vorher nicht, das will man ja erst wissen. Aber wann die Ereignisse oder Nicht-Ereignisse stattfinden, weiß man reichlich vorher.

Gute Pferde, solche also, die gern knapp springen, fühlen sich da womöglich unterfordert. Am liebsten sind ihnen die Tage an denen knapp gesprungen werden muss. Die Tage, wenn auch der Kulturbetrieb echte Aktualitäten produziert. Selten sind es frohe, meistens sind es traurige Botschaften: Der Tod eines großen Dichters und Literaturnobelpreisträgers, bahnbrechenden Architekten oder Wissenschaftlers oder anderer bedeutender Persönlichkeiten. Oder, wie zuletzt an einem Samstag, der erst so ruhig aussah: der Tod eines bahnbrechenden Architekten und außerdem der eines großen Dichters und Literaturnobelpreisträgers. Das überraschende Bekanntwerden der Abwicklungspläne für ein Orchester oder Stadttheater. Der Theaterskandal in Barcelona, Bochum oder Bayreuth. Der dreiste Bilderraub von Oslo, oder der aus der Kollektion des Duke of Buccleuch von Drumlanrig ("Wie spricht sich das?", R.B.Schossig). Die unvorhersehbare Nachricht, dass neuer Intendant der Salzburger Festspiele eben der wird, auf den alle schon so lange tippten, dass es keiner mehr erwartete. Solche Tage liebt man bei "Kultur heute": wenn man das Programm umschmeißen muss - darf. Seit es in diesem Land Kulturstaatsminister gibt, gehören deren mitunter schnellen Rücktritte zu den Feiertagen bei "Kuheu". Der Tag, an dem Naumann ging! Was für ein Tag!

Für die Pferde, die gern knapp springen, wird es naturgemäß besonders spannend, wenn das Unvorhersehbare nach 17 Uhr eintritt. Dann braucht es manchmal auch das Quäntchen Glück: Wer geht jetzt ans Telefon und ist bereit, fünfzehn Minuten später im Deutschlandfunk zu sagen, was über einen teuren Toten, die unerhörte Personalie oder den katastrophalen Kunstdiebstahl zu sagen ist? Und bei aller Liebe zum Ereignis, bei aller Treue zum journalistischen Grundsatz, zu sagen, "wie es gewesen ist" - bei aller Freude am knappen Sprung: Bei Kultur heute geht es vor allem um Einordnung, ästhetische Wertung, die Frage: "Was bedeutet es?"

Es geht um die Folgen manch falscher Kulturpolitik wie um die Folgenlosigkeit mancher Kunstbemühung. Immer aber geht es um mehr als nur Abbildung: um Reflexion. Abgewogen, wenn es sein muss zugespitzt. Nicht immer frei von Eifer und Zorn. Aber auch wenn es knapp wird: Eins mögen die guten Pferde im Stall von Kultur heute gar nicht: Ritte über den Bodensee.

Holger Noltze