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Deutschlandfunk und Stadt Braunschweig vergeben Literaturpreis Clemens J. Setz erhält den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015

(©Hans Hochstöger)
Der Preisträger Clemens Setz (©Hans Hochstöger)

Der Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015, gestiftet von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk, geht an Clemens J. Setz für seinen Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" (erschienen 2015 im Suhrkamp Verlag).

In der Begründung der Jury unter dem Vorsitz von Deutschlandfunk-Literaturredakteur Hubert Winkels, heißt es:

»Unsere Gegenwart ist noch verrückter, als wir ohnehin glauben. Und es gibt die andere, verborgene und faszinierende Seite unserer scheinbaren Normalität – wir müssen nur genau hinschauen. Das zeigt Clemens J. Setz mit seinem 1000-seitigen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Hier entwirft der 33-jährige österreichische Autor eine neue, verstörende und zugleich hochkomische Dimension unserer Realität – von der man am Ende nicht weiß, ob sie den Kern unseres Daseins ausmacht.
Die einundzwanzigjährige Natalie wird in einem Wohnheim für Behinderte Betreuerin von Alexander Dorm, der im Rollstuhl sitzt und einst als frauenfeindlicher Stalker die Ehe von Christoph Hollberg und dessen Frau zerstört hat. Hollberg allerdings besucht nunmehr den Täter Dorm wöchentlich, und es entsteht eine eigentümlich schillernde Beziehung, zwischen perverser Abhängigkeit und subtiler Quälerei. Will sich Hollberg rächen? Natalie hat diesen Verdacht.
Mit großem Sprachwitz entwirft der universal gebildete Autor einen Thriller, mit zahllosen Bezügen sowohl zur Hoch- als auch Populärkultur, spielerisch werden Erzählarten integriert und Realitätsversionen ausprobiert. Sämtliche Wissensfelder scheinen hier zusammenzuströmen und neu abgemischt zu werden. Und Setz führt mitten hinein in zentrale Fragen unsere Gegenwart: was ist krank und was ist normal, was real, was eingebildet, was ist menschlich, was ist technisch, wo verschwimmen die Grenzen zwischen beiden? Organisches und Mechanisches  werden verschränkt – Technik und Natur vermählen sich. Selbst die Menschenhelferin Natalie sprengt mit ihren kalt exerzierten Leidenschaften alle herkömmlichen Maßstäbe, so wie das gesamte Buch es tut.
Wie in seinen bisherigen Büchern und Essays erweist sich Clemens J. Setz auch in diesem Roman als phantastischer avantgardistischer Welterfinder. Mit einer Ästhetik der Drastik unterläuft er moralische Üblichkeiten, alles Eindeutige und Erwartbare. Und das erwartbar Provokative gleich mit. Die Gegenwart erscheint einem neu und anders nach der Lektüre: Das Verrückte ist normal, das Normale verrückt. Und manchmal rührt es direkt ans Herz, wie verrutscht der Mensch in seiner selbstgeschaffenen Welt ist.«

Mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis zeichnen die Stadt Braunschweig und der Deutschlandfunk alljährlich ein in deutscher Sprache verfasstes erzählerisches Werk aus, das einen besonderen Stellenwert in der literarischen Entwicklung des Autors markiert. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert.

Zu den bisherigen Preisträgern gehören Rainald Goetz, Wolf Haas, Katja Lange-Müller, Andreas Maier, Jochen Missfeldt, Ralf Rothmann, Sibylle Lewitscharoff, Christian Kracht, Marion Poschmann und Thomas Hettche.

Der Wilhelm Raabe-Literaturpreis wird am 1. November 2015 in Braunschweig verliehen.