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"Deutschlandradio ist unverzichtbar"

Interview mit dem wiedergewählten Intendanten Dr. Willi Steul

Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)

Der alte Intendant des Deutschlandradios ist auch der neue: Heute wurde Dr. Willi Steul für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. In seine erste Amtszeit fallen grundlegende Reformen wie die Einführung der "Radionacht" und ein besonderer Fokus auf das Medium Online. Ein Gespräch über Erreichtes - und warum er dem Deutschlandradio noch viel zutraut.

Frage: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl für eine neue fünfjährige Amtszeit, die am 1.4.2014 beginnt. Sie haben im Hörfunkrat eine Bilanz der ersten Amtszeit gezogen. Was ist Ihnen gelungen?

Willi Steul: Dieses "mir gelungen" gefällt mir nicht so richtig. Ich kann nur anstoßen, Vorgaben machen, fordern, aber die Umsetzung ist immer eine Teamleistung.

Frage: Also, was ist "uns" gelungen?

Steul: Vor allem natürlich die stetig steigende Akzeptanz der Programme. Es sind stetige kleine "Wachstumsschritte". Wobei: Knapp sechs Prozent Zuwachs beim DLF in der letzten MA ist eigentlich kein "kleiner Schritt" und das beste Ergebnis des DLF seit seinem Bestehen. Wir haben einen Anteil von einem vollen Drittel an der Hörerschaft der gehobenen Programme. 2,1 Millionen! Die Qualität unserer Programme ist absolut anerkannt. Auch DRadio Wissen ist solide etabliert, auch die Finanzierung ist gesichert.

In der Nutzung via Internet ist uns eine gewaltige Steigerung gelungen. Rund 18 Millionen Zugriffe über das Internet pro Monat zum Download und Nachhören unserer Sendungen sind eine stolze Zahl, wir liegen an der Spitze aller Radio-Programme.

Frage: Trotz der großen Akzeptanz der Angebote haben Sie Veränderungen veranlasst. Zuletzt gab es heftige Auseinandersetzungen und Kritik bei der Einführung der DLF-Wortnacht.

Steul: Ja, die Umsetzung der DLF-Wortnacht zu Anfang April, hat sehr viel Kraft gekostet, unnötig viel. Aber sie ist eine klare Alternative im Angebot der Öffentlich-Rechtlichen. Ich erhalte dazu aus der Medienwelt ausschließlich Glückwünsche und auch beim Hörerecho überwiegt die Anerkennung.

Frage: Für eine Programmveränderung im Berliner Programm wurde unlängst ein Fahrplan vorgelegt. Wird das eine Erfolgsstory werden?

Steul: Ich vertraue den Kollegen, die können das. Das Ganze hat sich durch Erkenntnisse aus der Mapping- und der Musik-Studie nur etwas verzögert.

Frage: Bei der Einführung von Digitalradio im August letzten Jahres hat sich das Deutschlandradio, haben Sie sich auch als Person, an die Spitze einer "Digitalradio-Bewegung" gesetzt.

Steul: Das Radio der Zukunft macht sichtbare Fortschritte, darauf bin ich stolz. Gelungen ist uns das mit Hilfe von nationalen und internationalen Vernetzungen und Initiativen, die von uns angeschoben wurden. Ende 2015 steht das deutschlandweite Digitalnetz.

Frage: Mit Blick auf Ihre erste Amtsperiode fallen mir zwei Stichworte ein: "Flottenstrategie" und "Reißverschlussprogrammierung".

Steul: Wir sind ein Haus Deutschlandradio mit drei Programmen. Wir unterstreichen die jeweiligen Alleinstellungsmerkmale, das ist die "Flottenstrategie". Wir beziehen die Programme aufeinander, also "Reißverschlussprogrammierung". Damit stärken wir Deutschlandradio. Das Ziel ist die immer stärkere Wahrnehmung des gesamten Hauses als ein absolut unverzichtbarer Teil der öffentlich-rechtlichen Programmfamilie.

Frage: Dauert der Strategieprozess nicht zu lange und ist im Detail kaum noch nachvollziehbar?

Glückwünsche zur Wiederwahl an Dr. Willi Steul (li) von Dr. Erwin Vetter (Vorsitzender des Hörfunkrats) (Deutschlandradio - Bettina Straub)Glückwünsche zur Wiederwahl an Dr. Willi Steul (li) von Dr. Erwin Vetter (Vorsitzender des Hörfunkrats) (Deutschlandradio - Bettina Straub)Steul: Wir laufen Marathon - da muss man sich die Strecke einteilen - und nicht Sprint. Wir haben erst den Einstieg in einen systematisch angelegten Strategieprozess geschafft. Mit den kleinen Programm-Optimierungen und anderen, von vielen kaum bemerkten Veränderungen. Aber der gesamte Prozess dauert noch Jahre und ist einfach sehr komplex. Wir prüfen und optimieren alle unsere Arbeitsfelder auch mit dem Ziel größtmöglicher Wirtschaftlichkeit. Dies ist weiterhin meine wichtigste Aufgabe. Beim Tempo können wir noch zulegen, aber wir haben es mit einem tief greifenden Restrukturierungsprozess und auch den notwendigen mentalen Veränderungen zu tun. Da muss man die Balance halten zwischen "Forderung" und "Überforderung". Ich lebe auch mit dem gelegentlichen Vorwurf, ich würde "Unruhe schaffen". Aber, sorry, Ruhe gibt es nur auf dem Friedhof.

Frage: Es gibt Kollegen im Haus, die sich Sorgen um die Programme machen.

Steul: Diese "Sorge" ist so alt wie das Radio. Um die Programme und um ihre Qualität habe ich mir niemals Sorgen gemacht. Auch nicht über den grundsoliden Zustand unserer Verwaltungs- und Betriebsbereiche. Wohl aber habe ich die Sorge, dass wir in puncto Modernisierung aller unserer Tätigkeiten nicht schnell und nicht flexibel genug sind. Zu viele "öffentlich-rechtlich tradierte Verfahren" sind nicht mehr zeitgemäß und die Anforderungen nehmen zu. Die so lange und zäh diskutierten strategisch motivierten Weiterentwicklungen im Programm sind sogar die am wenigsten schwierigen, weil am wenigsten komplex! Etliche Programm-Kollegen werden jetzt sicher aufschreien, aber die meisten Journalisten sehen immer nur "ihr" Programm und nicht die Leistungen und die Bedeutung von Verwaltung und Technik! Wir stehen in einer nie gekannten medialen Umbruchphase vor der großen Herausforderung, das Haus in allen seinen Bereichen langfristig zukunftsfähig zu machen.

Frage: Müssen da nicht klare Vorgaben formuliert werden?

Steul: Das kann man nicht "von oben" anweisen, ich kann mit den Direktoren nur die Richtung vorgeben und nachhalten. Für die Umsetzung braucht man das "konstruktive Hirnschmalz" vieler. Wir müssen alte Gewohnheiten konsequent hinterfragen, neue Wege finden und neue "Instrumente" testen. Nach vorne zu weisen, uns auf schwierigere Zeiten vorzubereiten, ohne äußeren Druck, in eigener Entscheidungsfreiheit, dies ist meine Aufgabe. Nicht warten "bis der Kittel brennt", dann wird man nur getrieben.

Frage: Wo sehen Sie die konkreten Herausforderungen Ihrer zweiten Amtszeit?

Steul: Wir richten schon in 2013 den Blick auf die Verschlankung der konkreten Produktionsabläufe und ihre Modernisierung, die Kollegen aus der Verwaltungs- und Betriebsdirektion und das Programm-Management mit dem neuen Leiter Jürgen Goeres-Petry sind bereits dabei. Wir beginnen noch in 2013 mit der schrittweisen Umsetzung eines neuen Online-Konzepts, wir werden die Programme noch stärker mit der Internet-Welt verzahnen. Wir werden in 2014 mit dem dann realisierten IT-gestützten Planungssystem eine tief greifende Vereinfachung heute noch sehr aufwendiger Arbeitsabläufe beginnen können.

Frage: Ausweiten und trotzdem sparen? Wird da die KEF nicht hellhörig?

Steul: Wir weiten nicht aus, wir bauen um. Wir werden 2016 die Zahl der heutigen Planstellen nicht erhöht haben, aber auch keine Planstellen abbauen. Wenn in 2016 die Landtage über unsere Einnahmen ab 2017 entscheiden, werden wir klar nachweisen, dass wir weiterhin sehr gut und sparsam mit dem Geld der Öffentlichkeit umgehen.

Frage: Seit Einführung des neuen Rundfunkbeitrags steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter Dauerbeschuss. Früher hatte man den Eindruck, das geht vorbei, das Deutschlandradio konnte hinter ARD und ZDF in Deckung gehen. Das hat sich geändert.

Steul: Selbstverständlich betrifft uns dieser Druck, man lobt zwar unsere Leistungen, aber auch für uns steigen die Einnahmen nicht so wie die Kosten. Wir sitzen mit den ARD- und ZDF-Kollegen im selben öffentlich-rechtlichen Boot. Wir werden die Stürme abwettern, wenn wir in den Programmen das Bewährte stärken, aber auch mit dem Ziel der öffentlichen Sichtbarkeit und des "gesellschaftlichen Mehrwertes" Neues und Innovatives entwickeln.

Frage: Geht das konkreter?

Steul: Ich kann mir zum Beispiel unter Führung von Deutschlandradio, zusammen mit der ARD und in Koppelung an den KiKA, ein digitales Kinderradio auf DAB vorstellen. Ich wünsche mir ein sommerliches "Europäisches Musik-Festival" unter kostensparender gegenseitiger Nutzung von Konzerten mit Frankreich und Anderen. Da fällt mir noch viel ein.

Wir können in weiteren Programm-Kooperationen mit ARD-Partnern beweisen, dass wir als nationaler Hörfunk Aufgaben erfüllen, die andere nicht mehr tragen, tragen wollen oder tragen können. Alle diese Entwicklungen und Maßnahmen stelle ich unter die strategische Überschrift: "Deutschlandradio ist unverzichtbar". Das müssen wir nur noch besser kommunizieren und beweisen!

Die Fragen stellte K.-H. Stamm.

Pressemitteilung zur Wiederwahl

Die DLF-Radionacht
www.rundfunkbeitrag.de
Digitalradio