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Deutschlandradio Kultur: Interpretationen

Die Vielfalt des Hörens

Musik hören ist ein Vergnügen, Musik verstehen nicht minder. "Interpretationen" ist eine Sendung, die diesbezüglich vergnügungssüchtig machen kann. Zwei Stunden lang werden Musiker, Komponisten, Dirigenten und Werkgruppen porträtiert, die Musikgeschichte schrieben.

Gerald Felber, Mascha Drost, Eva Schlittenbauer und Brigitte Orawetz (v.l.)Gerald Felber, Mascha Drost, Eva Schlittenbauer und Brigitte Orawetz (v.l.) (Deutschlandradio)Schwerpunktmäßig wird der "klassische Kanon" interpretiert, wobei jede Sendung Geschichten erzählt, Hintergründe und Hintergründiges liefert. Im Mittelpunkt stehen die Musik und ihre sinnliche Erfassung, der einfache Zugang zur Musikgeschichte und das neue Hören bekannter Werke. Die Sendung ist für alle, die neugierig darauf sind, wie Stücke und Werke zu verschiedenen Zeiten und von unterschiedlichen Interpreten verstanden wurden. Für Menschen, die beispielsweise wissen wollen, was Mozarts "Don Giovanni" zur "Oper aller Opern" macht, wie es der Dichter E.T.A. Hoffmann kurz beschreibt, und die hören wollen, wie Francisco d’Andrade, Mathieu Ahlersmeyer, Dietrich Fischer-Dieskau, Johannes Weisse, Eberhard Wächter und Nicolai Ghiaurov die Titelrolle singen. Die Sendung wendet sich an Hörer, die Neues über das Bekannte erfahren wollen. Wer das Violinkonzert von Peter Tschaikowsky spielen will, muss nicht nur über wahnwitzige technische Fähigkeiten verfügen, sondern braucht auch einen langen Atem, einen besonderen Ausdruckswillen und Kraft. Der Virtuose Leopold Auer lehnte Tschaikowskys Violinkonzert 1878 als "unspielbar" ab. Ein besonders harter Kritiker urteilte nach der Uraufführung in Wien 1881, es handele sich "um Musik (…), die man stinken hört". Heute zählt das Violinkonzert zu den beliebtesten Werken der Gattung. Der Solopart fordert die Solisten nach wie vor. "Interpretationen" macht Unterschiede hörbar und unterstreicht den Genuss. "Die Probe", sagte der Dirigent Sergiu Celibidache "ist eine Summe von unzähligen Neins. Nicht so schnell! Nicht über dem Fagott! Nicht so laut! Nicht so flau!" Dagegen gebe es nur ein einziges "Ja". Dieses "Ja" zu finden ist ein langer mitunter steiniger Weg. Wie gelingt es Musikern, diesen Weg zu meistern? Mitschnitte von Proben dokumentieren, wie große Meister arbeiten. Die Proben vermitteln, wie Idee, Handwerk und Emphase die Interpretation generieren. Ob Geniestreich oder mühevoller Hürdenlauf - die Handschrift der Dirigenten wirkt beim anschließenden Hören der Aufführungen nach.

In "Interpretationen" kommen bekannte Dirigenten wie Michael Gielen, Nikolaus Harnoncourt und Kurt Sanderling zu Wort. Sie erzählen, wie sie den Geist eines Werkes erfassen, wie sie um Deutungen ringen und den Charakter der Musik erarbeiten. Kurt Sanderling erinnert sich an seine erste Begegnung mit dem von ihm verehrten Dmitrij Schostakowitsch. 1941 war das. "In mir hat er so etwas wie einen Bruder im Leben gesehen, für mich war er ein Vater", sagt Sanderling. Hörbar berührt, enthusiastisch und tief bewegt, aber auch nüchtern und kritisch distanziert schildern die jeweiligen Autoren der Sendung, wie sie das Werk in den verschiedenen Fassungen hören. Wie ist das Verhältnis von Werktreue und individueller musikalischer Handschrift, welche musikalische Konventionen gelten, welcher zeitgeschichtliche Kontext beeinflusst Musiker und Hörer.

Musikkritiker wie Joachim Kaiser plaudern über ihre persönlichen Begegnungen mit Komponisten und Musikern. Sie erzählen von ihren ersten Höreindrücken vor vielen Jahren und ihrem Hören mit "gereiften" Ohren. "Interpretationen" lebt von der Vielfalt des Hörens, von der Faszination, an jedem Tag neu zu hören und Musik wirken zu lassen – ohne viele Worte.