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Die Anfänge der RAF

Serie zum "Deutschen Herbst", Teil 2

Von Philipp Krohn

Andreas Baader stand am 31. Oktober 1968 in Frankfurt wegen Brandstiftung vor Gericht. (AP Archiv)
Andreas Baader stand am 31. Oktober 1968 in Frankfurt wegen Brandstiftung vor Gericht. (AP Archiv)

Vor 30 Jahren erschütterte der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) die Bundesrepublik. Die Anfänge der Gewalt reichen bis Ende der 60er Jahre zurück. Viele spätere Terroristen gehörten dem Sozialistischen Patientenkollektiv in Heidelberg an.

"Das hier ist unterschrieben mit Kommando Siegfried Hausner und trägt das Datum 12. September '77."

Die RAF hat dem Kommando den Namen von Siegfried Hausner gegeben. Zwei Jahre zuvor starb er nach einer Sprengstoffexplosion in Stockholm. Er war einer der Botschaftsbesetzer, die zwei Menschen umbrachten. Wie viele andere Terroristen hatte er zu Beginn der 70er Jahre dem Sozialistischen Patientenkollektiv angehört.

Heidelberg Ende der 60er Jahre: Der junge Assistenzarzt Dr. Wolfgang Huber sammelt psychisch kranke Patienten um sich, die mit den herkömmlichen Behandlungsmethoden an der Klinik unzufrieden sind. Sein Konzept weicht ab: Krankheit versteht er nicht als individuelles Problem, sondern als systembedingt. Im Kapitalismus müsse der Arbeiter Fähigkeiten ausbilden, die zum handelbaren Gut würden. Dadurch wachse der psychische Druck. So werde Krankheit zur Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Die Konsequenz: Die Verhältnisse müssten umgewälzt werden oder wie es in einem Flugblatt heißt:

"Das System hat uns 'krank' gemacht; geben wir dem kranken System den Todesstoß."

Der Ansatz bleibt nicht unbeachtet, wie der Psychiater Horst-Eberhard Richter erzählt:

"Die Leute von der Roten Armee Fraktion, die erfuhren von diesem SPK in Heidelberg und ahnten, dass da eine gewisse Verwandtschaft der Ideologie war. Und da kam es dann zu Begegnungen. Und die RAF-Leute, die spürten, da können wir vielleicht auch Nachwuchs gewinnen."

Bevor aber diese Kontakte entstehen, versucht das SPK, sich an der Heidelberger Uni zu etablieren. Der liberale Rektor Rendtorff bringt dafür verhaltene Sympathie auf - gegen die Mehrheit der konservativen Professoren. Im Februar 1970 erkämpfen sich Huber - zuvor von der Uniklinik entlassen - und das SPK mit einem Hungerstreik eigene Räume. Dennoch bleibt es umstritten. Im Juli besetzt es das Rektorat, um eine Einrichtung an der Uni zu werden. Als neutraler Vermittler reist ein renommierter Psychiatrie-Professor nach Heidelberg: Horst-Eberhard Richter. Er empfiehlt, das SPK zu institutionalisieren, obwohl er es insgesamt kritisch sieht:

"Ich hatte ja sieben Jahre Arbeit in der geschlossenen Psychiatrie hinter mir und konnte erkennen, dass da wirklich psychotische Menschen dabei waren und dass da zwei Ärzte und dann nur ein Psychiater auf 150 mehr oder minder psychisch Kranke, dass das nicht gut gehen konnte. Und dass das eine sehr gefährdete Gruppe war, bei der notwendigerweise demnächst Chaos ausbrechen würde. Oder eben eine Verschärfung hin zu dem, was dann auch einigen von ihnen widerfuhr - nämlich dass sie dann aufgesaugt wurden von der RAF."

Zu den Patienten gehören neben Studenten auch Hausfrauen, Schüler und Arbeiter. Auf 500 sind sie nach eigener Zählung angewachsen. Ohne Arzt-Patienten-Hierarchie führen sie politisch-therapeutische Gruppengespräche durch. Während sie Flugblätter schreiben, läuft die Musik von "Ton, Steine, Scherben".

"Macht kaputt, was euch kaputt macht!"

Margrit Schiller ist dabei - genauso Klaus Jünschke und Gerhard Müller. Alle drei tauchen später zur RAF ab. Gerhard Müller erschießt das erste RAF-Opfer. Jünschke sagt dem NDR viele Jahre nach seiner Haft:

"Da hat das SPK mit der Einsicht, dass die Krankheitssymptome zu interpretieren sind als Protest und Hemmung des Protests, schon einen Impuls gegeben, denke ich, über den auch heute noch mit Gewinn nachzudenken wäre."

"Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"

Inzwischen ist das SPK zu einer Angelegenheit der Landesregierung geworden: Im September 1970 beschließt der konservative Kultusminister Wilhelm Hahn es aufzulösen. Die Patienten fühlen sich immer mehr verfolgt. Uni-Rektor Rendtorff erinnert sich sogar an Sprengstoff-Drohungen, die ihn aber wenig beeindrucken:

"Eines Tages hing bei mir irgendwas an der Wand, an der Mauer. Und da hatten sie also offenbar irgendwas mit Sprengstoff dahingestellt. Und ich habe das Kabel also durchgeschnitten - und zwar mit einem Schnitt die beiden Kabel. Aber es ist nichts passiert. Den nächsten Tag stand in der Zeitung: Rektor entschärfte Bombe selbst."

Ab Februar 1971 übernachten die führenden Köpfe der späteren RAF um Baader und Ensslin regelmäßig bei SPKlern in Heidelberg. Gerüchte entstehen, dass sich im SPK ein gewaltbereiter Innerer Kreis um Wolfgang Huber gebildet hat. Die linken Studenten außerhalb des SPK, wie der damalige Asta-Führer Dietrich Hildebrandt, später für die Grünen im Stuttgarter Landtag, nehmen sie nicht ernst:

"Natürlich haben wir erstmal gedacht, dieser so genannte Innere Kreis, das sei eine Konstruktion der Strafverfolgungsbehörde. Aber offensichtlich hat es da einen realen Kern gegeben."

"Eine Anzahl von Mitgliedern des Sozialistischen Patientenkollektivs in Heidelberg steht im dringenden Verdacht, sich zu einer kriminellen Vereinigung zusammengeschlossen zu haben, die zum Teil schon strafbare Handlungen begangen hat."

Im Juni 1971 kommt es zu einem massiven Polizeieinsatz. In einem Keller, den Hubers Frau gemietet hat, werden Material für Sprengstoff und Geräte zur Passfälschung gefunden. In diesen Tagen entstehen die letzten Patienteninfos des SPK - mit diesen Parolen:

"Aus der Krankheit eine Waffe machen!"

"Mahler, Meinhof, Baader - das sind unsere Kader!"

Einige Monate später werden Huber und seine Frau zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Vorwurf: Sie hätten eine kriminelle Vereinigung nach dem Vorbild der Baader-Meinhof-Gruppe gebildet. Außer ihnen wird auch der Schüler Siegfried Hausner verurteilt: zu drei Jahren Jugendhaft. Nach seiner Entlassung taucht er sofort in die Illegalität ab so wie nach und nach weitere ehemalige Patienten. Eine echte Kontinuität von SPK zu RAF habe es aber nicht gegeben, meint der Grüne Dietrich Hildebrandt.

"'"Im Nachhinein muss man aber sehen: Wenn innerhalb des SPKs manchmal bis zu 100, 200 Leute im Umkreis waren, vielleicht von den Aktiveren 40, 50 - so haben wir es auch wahrgenommen - und wirklich zur RAF gegangen sind vielleicht 10, ist es auch damals falsch gewesen und ist es auch im Nachhinein falsch zu sagen, das SPK hat sich als Gruppe zur RAF bewegt.""

Übersicht zur Serie "30 Jahre Deutscher Herbst"



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:24 Uhr

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