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Die Ehre nicht!

Gedenken an den SPD-Vorsitzenden Otto Wels und seine Rede zu Hitlers Ermächtigungsgesetz

Von Frank Capellan

Der SPD-Politiker Otto Wels (undatierte Aufnahme) gab am 23. März 1933 die Erklärung der Fraktion der Sozialdemokratischen Partei gegen das Ermächtigungsgesetz Hitlers ab. (picture alliance / dpa)
Der SPD-Politiker Otto Wels (undatierte Aufnahme) gab am 23. März 1933 die Erklärung der Fraktion der Sozialdemokratischen Partei gegen das Ermächtigungsgesetz Hitlers ab. (picture alliance / dpa)

"Freiheit und Leben kann man uns nehmen. Die Ehre nicht!" Diese Sätze sagte vor 80 Jahren der SPD-Vorsitzende Otto Wels in seiner Rede vor dem Reichstag, bevor er und seine Fraktion als einzige gegen das Ermächtigungsgesetz stimmten. Diese Woche erinnert sich die Partei an ihren großen Genossen.

"Das Wort hat der Abgeordnete Wels…"

Es ist der Tag, an dem die Weimarer Republik ihren Todesstoß erhält, es ist ein Schicksalstag der deutschen Sozialdemokratie. Parteichef Otto Wels spricht in der Krolloper, unweit des Brandenburger Tores, der Plenarsaal des Reichstages kann seit dem Brand nicht mehr genutzt werden. Der 59-Jährige setzt an, das Nein der SPD zu einem Gesetz zu begründen, das der Selbstentmachtung der Abgeordneten gleichkommt.

"Nach den Verfolgungen, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird niemand von ihr erwarten können, dass sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt!"

Hitler, seit wenigen Wochen Reichskanzler, wird mit fünf Artikeln die Weimarer Verfassung aus den Angeln heben. Die Kommunisten sind bereits ausgeschaltet, der Druck auf die Sozialdemokraten ist enorm. Schon der Gang in den Parlamentssaal wird für Otto Wels zum Spießrutenlauf, die Krolloper ist von SA und SS umstellt. Hitler setzt auf die Bürgerlichen, um die Zweidrittelmehrheit für sein Gesetz zu erhalten, die SPD scheint ihm entbehrlich.

"Ich will auch gar nicht, dass Sie dafür stimmen. Deutschland soll frei werden aber nicht durch Sie!"

Otto Wels lässt sich von den Hasstiraden nicht einschüchtern. Er und 93 weitere Sozialdemokraten sind die einzigen, die gegen das Gesetz stimmen. Wels spricht seinen berühmten Gänsehaut-Satz

"Freiheit und Leben kann man uns nehmen. Die Ehre nicht!"

"Dieser Satz von Otto Wels gehört zu den Sätzen, bei denen dann viele glaube ich – nicht nur ich – sich um Haltung bemühen müssen, und das geht einem voll durch den Magen!"

So wie Joachim Poss, seit 1980 für die SPD im Bundestag, geht es auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse:

"Immer wenn ich diese Rede höre, bin ich gerührt, berührt!"

Und Heinrich-August Winkler, Historiker und selbst SPD-Mitglied urteilt:

"Dieses Nein zum Ermächtigungsgesetz, als alle anderen Parteien dafür stimmen – die Kommunisten waren übrigens verfassungswidrig ausgesperrt – dieses Nein ist ein Ehrentitel dieser ältesten deutschen Partei!"

Vorgestern im Fraktionssaal der SPD im Reichstag, benannt nach Otto Wels. Die Partei gedenkt ihres mutigen Vorsitzenden, der im Mai 1933 vor den Nazis floh, in Prag lebte, später in Paris, wo er kurz nach Kriegsbeginn starb.

"Die Frage, die wahrscheinlich nicht nur mich bedrängt an einem solchen Tag: Hättest Du in der damaligen Situation unter denselben Rahmenbedingungen, hättest Du den Mut gehabt, genauso zu handeln, und die Frage ist, ehrlich gesagt, nicht ganz leicht zu beantworten. Man muss es für sich hoffen!"

Frank-Walter Steinmeier erinnert daran, dass Wels und seine Leute standhaft beim Nein blieben, obwohl 26 Sozialdemokraten an der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz gar nicht mehr teilnehmen konnten, weil sie krankenhausreif geprügelt oder verhaftet worden waren. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück spricht von einem Vermächtnis für jeden Sozialdemokraten:

"Weil er einen Mut, eine Courage, ich scheue mich nicht zu sagen, eine Haltung gezeigt hat, die fast beispiellos ist."

Vor geladenen Gästen wird der ARD-Fernsehfilm "Nacht über Berlin" gezeigt, der die Geschehnisse des März 1933 beleuchtet, Jan Josef Liefers spielt darin den SPD-Abgeordneten Albert Goldmann:

"Albert ist Jude. Er baut sehr auf die Meinungsfreiheit. Er baut auch sehr darauf, dass Meinungen gehört werden, auch wenn man sie nicht teilt. Ihm passiert genau das, was vielen Deutschen damals passiert ist, die zum Teil auch für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft haben. Sie wurden plötzlich zu Juden gemacht."

Erstmalig hat die SPD einen Preis ausgeschrieben, junge Leute waren aufgerufen, sich Gedanken über Otto Wels zu machen. Drei Schülerinnen haben das Spiel Demopoly kreiert, angelehnt an Monopoly wird dabei Wissen über Widerstand im Dritten Reich abgefragt, das Konterfei von Otto Wels ziert die Verpackung.

"Das ist die Urkunde, Herr Waller, die SPD ist dazu übergegangen, gleich Cash zu bezahlen. Aber ich sage Ihnen freimütig: Bei meiner Partei sollten sie gleich nachzählen!"

Steinbrück freut sich über das Engagement der jungen Leute, überreicht ein Preisgeld von 300 Euro. Der 19-jährige Johannes Waller hat die Rede eines Abgeordneten von heute geschrieben, der zur Rettung der Demokratie aufruft:

"Wenn ich vielleicht noch eine Sache sagen darf, die auch meine Nervosität etwa erklärt, mir ist jetzt auch noch mal bewusst geworden, dass dieser Preis nicht nur eine Auszeichnung ist, sondern ein Preis mit dem Namen Otto Wels stellt einen Anspruch an das weitere Leben."

Auch die NSU-Mordserie verpflichtet, uns den Angriffen von Rechts zu widersetzen, bekräftigt Frank-Walter Steinmeier. Für den SPD-Fraktionsvorsitzenden ist es beschämend, dass sich die Bundesregierung nicht auf einen NPD-Verbotsantrag verständigen konnte, ausgerechnet in der Woche, in der an Otto Wels gedacht wird. Das tut bei den Sozialdemokraten der Schauspieler Ulrich Matthes, der die Rede noch einmal lebendig werden lässt:

"Freiheit und Leben kann man uns nehmen. Die Ehre nicht!"

Im Publikum ist auch Edith Wels, sie heiratete den Enkel von Otto Wels. Auch sie ist heute noch ergriffen, wenn sie an den mutigen Sozialdemokraten denkt:

"Ist zwar lange her, aber irgendwie ergreift einen das. Und wenn ich dann an meinen Mann denke, mit 17 sind dann die Nazis gekommen und haben die Matratzen hochgerissen und Flugblätter gesucht. Das war eine furchtbare Zeit."

Ihre Tochter Gabriele ist bis heute SPD-Mitglied. Sie will den Namen Otto Wels in Ehren halten. So wie die, die sich in seinem Gedenken versammelt haben. Sein Nein zur Diktatur ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie – das bekräftigt auch Wolfgang Thierse:

"Eine Partei wie die SPD braucht Selbstbewusstsein, das aus ihrer Geschichte kommt, um ihren eigenen Orientierungssinn, ihren Richtungssinn zu schärfen!"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:08 Uhr

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