Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Die geistige Elite und der Terror

Serie zum "Deutschen Herbst", Teil 4

Von Christian Berndt

Polizisten führen einen Demonstranten während einer Demonstration zum Tod von Ulrike Meinhof am 10. Mai 1976 in Frankfurt am Main ab. (AP Archiv)
Polizisten führen einen Demonstranten während einer Demonstration zum Tod von Ulrike Meinhof am 10. Mai 1976 in Frankfurt am Main ab. (AP Archiv)

Für viele Intellektuelle erschien es aufgrund der faschistischen deutschen Vergangenheit als eine Art demokratische Pflicht, sich für RAF-Mitglieder einzusetzen. Konservative Politiker warfen ihnen im Gegenzug vor, geistige Väter der Gewalt zu sein.

"Er und die anderen leben in einer weißen Zelle. Es ist nicht die Folter wie bei den Nazis. Es ist eine andere Folter, eine Folter, die psychische Störungen herbeiführen soll, das heißt, dass der Mensch völlig abgeschnitten wird von allem."

Am 4. Dezember 1974 besucht Jean-Paul Sartre Andreas Baader im Gefängnis von Stammheim. Nach dem Besuch gibt es eine Pressekonferenz, Daniel Cohn-Bendit übersetzt. Der französische Philosoph kommt auf Einladung der RAF-Anwälte. Sartre soll der Welt beweisen, dass die inhaftierten Gefangenen mit Isolationshaft gefoltert werden. Und er bestätigt die Anschuldigungen. Der fast blinde Philosoph hat den kleinen Besucherraum für Baaders Zelle gehalten, die Foltervorwürfe wirken grotesk überzeichnet. Trotzdem verfehlen sie nicht ihre Wirkung, wie sich Gerd Koenen - Historiker und in den 70er Jahren führender Maoist - erinnert.

"Gerade von diesen Vernichtungshaftkampagnen der RAF ging eine ungeheure Suggestion aus. In deutschen Gefängnissen werden Gefangene vernichtet. Immer mit diesen NS-Assoziationen, bis hin zur Gaskammer. Irgendwas musste da dran sei. Das war etwas, was eine Suggestion ausübte, gerade auf so wohlmeinende liberale Leute."

Sowohl bei Sartre als auch bei vielen Deutschen ist die Erinnerung an die Nazis noch so lebendig, dass die Foltervorwürfe geglaubt werden. Die Furcht vor einer Wiederkehr des Faschismus ist für Teile der Gesellschaft nicht abwegig, meint der damalige Juso-Vorsitzende und heutige Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Johano Strasser:

"Dadurch dass die Bewältigung der Nazi-Vergangenheit so offensichtlich verschleppt wurde, das hat bei vielen Intellektuellen ein tiefes Misstrauen gegenüber diesem Staat erzeugt. Ich glaube, dass das einfach für manches, was auch an schriller Überzeichnung auch von Intellektuellen dann gelegentlich kam, dass das der entscheidende Hintergrund ist."

Für viele Intellektuelle ist es aufgrund der faschistischen Vergangenheit eine Art demokratische Pflicht, sich für die RAF-Mitglieder einzusetzen. Der Schriftsteller Heinrich Böll fordert 1972 im "Spiegel" freies Geleit für die polizeilich gesuchte Ulrike Meinhof:

"Haben alle, die einmal verfolgt waren, von denen einige im Parlament sitzen, haben sie alle vergessen, was es bedeutet, verfolgt und gehetzt zu sein? Wer von ihnen weiß schon, was es bedeutet, gehetzt zu werden von 'Bild', das eine weitaus höhere Auflage hat, als der 'Stürmer' sie gehabt hat."

Für einen Skandal sorgt 1974 der Fernsehauftritt Jean Amerys - eines österreichischen Publizisten, der als Jude das Vernichtungslager Auschwitz überlebt hat. Im "Internationalen Frühschoppen" fragt Moderator Werner Höfer seinen Gast, was er den inhaftierten Terroristen, die mit Hungerstreik ihre Forderungen durchsetzen wollen, raten würde:

"Sie sind nicht ohne Sympathie für diese Menschen, die jetzt vielleicht sich zu Tode hungern. Was ist ihr Wort an Sie?

"Das ist eine sehr schwierige Frage, die Sie mir da stellen."

"Aufgeben?"

"Nicht aufgeben!"

Amerys Antwort löst einen Proteststurm aus. Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel, erklärt 1977, Sympathisant könne schon jemand sein, der statt Baader-Meinhof-Bande -Gruppe sagt - und so sieht er es auch heute:

"Viele Intellektuelle haben sich dadurch schuldig gemacht, dass sie statt von Mördern von einer Gruppe gesprochen haben."

Die Liste der vermeintlichen RAF-Sympathisanten liest sich wie das "Who is Who?" des geistigen Deutschland: Heinrich Böll, Erich Fried, Jürgen Habermas, Louise Rinser, Alfred Andersch, Günter Grass. Und im Begründer der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, sieht der CDU-Politiker Alfred Dregger den geistigen Urheber des Terrors.

"Der Terrorismus hat geistige und politische Ursachen. Ein Kommentator hat mit Recht gesagt. die sogenannte RAF sei nicht vorstellbar ohne die Frankfurter Schule. Die Studenten hätten nur in die Praxis umgesetzt, was Professoren sie gelehrt hätten. Entscheidend ist eine Umkehr, auch im Geistigen."

Solche Äußerungen alarmieren viele Intellektuelle. 1978 gibt der Polit-Künstler Klaus Staeck zusammen mit Heinrich Böll die "Briefe zur Verteidigung der Republik" heraus.

Staeck: "Also diese sogenannte Sympathisantenhetze, die hatte ja ein Ausmaß angenommen, das man sich heute kaum noch vorstellen kann, dass also alles, was links schien mit der RAF in Verbindung gebracht wurde."

So gefährlich sich antiliberale Tendenzen bemerkbar machen, so problematisch ist allerdings auch die oft fehlende Distanzierung vom Terror. 1972 fordert der Soziologe und linke Vordenker Oskar Negt in einer vielbeachteten Rede, die Linke müsse einen klaren Trennstrich zur RAF ziehen:

"Ich habe die Kollegen heftig kritisiert, die sich in diesem Sympathisantenzusammenhang bewegt haben. Das ist ja eine ganze Menge von Leuten gewesen, wie Joschka Fischer, er ist ja sehr lange aufgetreten als jemand, der gesagt hat, das sind im Grund verirrte Genossen, aber das sind Genossen, und der mich kritisiert hat, weil ich gesagt habe, die Linke muss sich davon distanzieren."

Im "Deutschen Herbst 1977" erreicht der Sympathisantenstreit seinen Höhepunkt. Aber die Demokratie überlebt, und die Republik zeigt sich wesentlich reifer, als es viele Intellektuelle prophezeit haben. Doch die Meinungsfreiheit war in Gefahr. Der Begriff des Sympathisanten wurde so weit gedehnt, dass man auch die Journalisten Werner Höfer und Carola Stern als Sympathisanten hätte bezeichnen müssen - so respektvoll, wie sie 1974 im "Internationalen Frühschoppen" über ihre ehemalige Kollegin Ulrike Meinhof sprachen:

"Carola Stern, kennen Sie Ulrike Meinhof?"

"Nein."

"Wenn Sie sie kennten, und wenn man sich vorstellt, dass da, wo sie sitzt, Radio gehört werden kann, haben sie ein Wort an sie?"

"Ich würde ihr sagen, dass wir Menschen mit diesem Fanatismus und mit dieser Gerechtigkeitsliebe, die hier so falsch sich auswirkt, eigentlich brauchen, um ohne Gewalt für eine menschenwürdigere Gesellschaft zu kämpfen."


Übersicht zur Serie "30 Jahre Deutscher Herbst"



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:24 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 22:05 Uhr Spielraum

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 22:30 Uhr Studio 9 kompakt

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Green goes Black

Aus unseren drei Programmen

Jesper Wung-Sung: "Weg mit Knut!"Mit der Macht der Fantasie überleben

Buchcover "Weg mit Knut!" von Jesper Wung-Sung. Im Hintergrund eine Kinderkrebsstation. (Hanser Verlag / dpa / Waltraud Grubitzsch)

Ein Junge kämpft gegen den Krebs: William stellt sich in "Weg mit Knut!" der bedrohlichen Erkrankung, die er in seiner Fantasie zu einer Figur mit eigenem Namen macht. Jesper Wung-Sung erzählt diese besondere Krankheitsgeschichte sensibel und ohne Pathos.

KleidungDer Hoodie ist zurück

Der Kapuzenpulli ist wieder da - und zwar in der High Fashion und bei den Instagram Hipstern. Ursprünglich diente der Hoodie dazu Sportler warm zu halten, dann war er Lieblingspulli von HipHoppern und später von Studenten. Politische Bedeutung hat er auch. Wir sagen euch, wie ihr den Hoodie richtig stylt.

Korruption in EU-Staat"Die Rumänen vertrauen dieser Regierung nicht länger"

Die Europaabgeordnete und frühere rumänische Justizministerin Monica Macovei. (AFP / DANIEL MIHAILESCU)

Nach Ansicht der früheren rumänischen Justizministerin Monica Macovei verfügt das Land über sehr effiziente Antikorruptions-Institutionen. Das Problem: "Es gibt überhaupt keinen politischen Willen, die Korruption zu bekämpfen." Die Menschen würden deshalb weiter auf die Straße gehen, sagte Macovei im DLF.

Nudging bei FacebookSubtiles Stupsen gegen den Terror?

Eine Lupe vor einem Computer-Bildschirm mit Facebook-Logo. (picture alliance/dpa/Sergei Konkov TASS)

Facebook sucht nach Nutzern, die für Terror-Propaganda anfällig sind, und füttert sie ungefragt mit Gegendarstellungen. Geht das Unternehmen damit einer ethischen Pflicht nach oder ist das Manipulation? Das "Nudging" müsse öffentlich kontrolliert werden, fordert die Politologin Lena Ulbricht.

Wahlkampf in FrankreichFemen-Aktivistin stört Le-Pen-Veranstaltung

Eine Femen-Aktivistin störte die Pressekonferenz von Marine Le Pen. (Deutschlandradio/Anne Raith)

Es sollte eine präsidiale Pressekonferenz werden: Die rechtsextreme französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen hatte zahlreiche Granden ihrer Partei und der internationalen Politik geladen, um ihre Pläne für die Außenpolitik zu skizzieren. Doch dann stürmte eine Femen-Aktivistin die Veranstaltung.

Ausstellung "Post Peace" in Stuttgart Der Krieg in unserem Frieden

Eines der Werke aus der Ausstellung "Post-Peace" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart: belit sağ, "Ayhan and me / Ayhan ve ben" ("Ayhan und ich"), 2016 (belit sağ)

Die Stuttgarter Ausstellung "Post-Peace" zeigt Kunstwerke, die sich damit auseinandersetzen, wie viel Krieg in unserem Frieden steckt. Der Direktor des Württembergischen Kunstvereins, Hans D. Christ, beklagt Fälle von Zensur im Kunstbetrieb.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

USA  Weißes Haus schließt CNN, NYT und Politico von Briefing aus | mehr

Kulturnachrichten

Unesco vereinbart Schutz von irakischen Kulturgütern  | mehr

Wissensnachrichten

Nervengift VX  Ein Milligramm kann töten | mehr