Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Die Grenzen der Zensur austesten

Ein Porträt des chinesischen Journalisten Wang Keqin

Von Silke Ballweg

Die Spielräume für chinesische Journalisten sind oft gering.  (dpa / picture alliance / Hu Jianhuang Nj)
Die Spielräume für chinesische Journalisten sind oft gering. (dpa / picture alliance / Hu Jianhuang Nj)

Die Nervosität ist groß: Kurz vor dem Parteitag der Kommunistischen Partei haben die Behörden Kritiker verhaftet oder unter Hausarrest gestellt, mehrere Reporter und Redakteure entlassen. Wang Keqin, einer der bekanntesten investigativen Journalisten des Landes, darf seit vergangenem Jahr nicht mehr publizieren, trotzdem bleibt er optimistisch.

Wang Keqin holt einen Packen brauner Umschläge aus seinem Büroschrank. Es sind Mitschriften von Interviews, die er während der vergangenen Jahre geführt hat. Der Journalist zieht ein paar Blätter heraus. Mehrere Spalten sind sorgfältig ausgefüllt.

""Ich hab die Namen der Interviewten aufgeschrieben, ihre Ausweisnummer, ihre Telefonnummer, Tag und Ort des Interviews."

Wang Keqin ist einer der bekanntesten investigativen Reporter Chinas. In der Vergangenheit hat er mehrere heiße Eisen angepackt: Der 48-Jährige schrieb über Korruption bei Pekings Taxiunternehmen, über einen Aids-Skandal in der Provinz. Jedes Mal war es ein riskantes Spiel. Der Journalist wusste: Die Beschuldigten würden versuchen, ihn zu diffamieren und als Lügner darzustellen.

"Ich habe deswegen immer sehr gründlich recherchiert und jede Aussage ganz genau nachgeprüft, um sicher zu gehen, dass die Informationen stimmten."

Wangs journalistische Karriere begann vor mehr als 20 Jahren. Da machte er vor allem Propaganda für den Staat. Doch Chinas allmähliche Öffnung in den 90er-Jahren schuf innerhalb der Medien Spielräume. Reporter wie Wang begannen, die Grenzen der Zensur auszutesten.

"Ich wusste immer ganz genau, welche Themen auf keinen Fall gehen, also zum Beispiel das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Bei den anderen musste man schauen, wo die roten Linien verlaufen. Aber es war auch immer klar, dass ich nur Fakten schreibe, keine Meinung."

Einer der brisantesten Artikel erschien 2010. Wang kramt ein altes Zeitungsexemplar hervor.

Der Journalist hatte Pfusch im Gesundheitswesen der zentralchinesischen Provinz Shaanxi aufgedeckt, der mindestens vier Menschenleben gefordert hatte. Sechs Monate lang hatte Wang recherchiert, er wusste, dass auch die Pekinger Zentralregierung verwickelt war. Das war gefährlich. Denn:

"Was man schreiben kann, hängt sehr davon ab, auf welcher Ebene sich die beschuldigten Politiker befinden. Man kann über Funktionäre in den Provinzen schreiben, auf Stadt- oder Kreisebene. Aber die Zentralregierung in Peking zu kritisieren, das geht eigentlich nicht."

Wang und sein Chefredakteur brachten den Artikel trotzdem. Er erschütterte das politische Machtgefüge. Die Staatsführung reagierte mit Härte. Sie untersagte den chinesischen Medien jegliche unabhängige Berichterstattung zu dem Thema und feuerte Wang und seinen Vorgesetzten. In den vergangenen Monaten haben weitere Reporter ihre Jobs verloren. Wang führt die Entlassungen auch auf den derzeit stattfindenden Parteitag zurück.

"Die Konflikte in der Gesellschaft nehmen zu. Aber die Führung hat in den vergangenen Monaten nichts dagegen unternommen, weil es ihr letztes Jahr im Amt war. Im Gegenteil, die Regierung wollte im Jahr des Machtwechsels keine großen Skandale in den Medien, sie will keine negativen Geschichten."

Auf dem Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen steht China auf Platz 174 von 179. 30 Journalisten und fast 70 Blogger sitzen zurzeit in Haft. Wegen des aktuellen Parteitags ist das Internet von vielen Usern verlangsamt, mehrere Mail-Accounts sollen während der vergangenen Tage gehackt worden sein. Seit seiner Entlassung arbeitet Wang Keqin bei einer neuen Zeitung. Doch er hat Schreibverbot und redigiert derzeit lediglich unverfängliche Texte. Trotzdem bleibt er optimistisch. Er hofft auf neue Spielräume, wenn Chinas künftige Führung im Amt angekommen ist.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:01 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 19:15 Uhr Zur Diskussion

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 19:07 Uhr Zeitfragen. Kultur und Geschichte

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 18:15 Uhr Redaktionskonferenz

Aus unseren drei Programmen

US-Demokraten"Hillary Clinton hat zweifellos gewisse Probleme"

Hillary Clinton im Wahlkampf in Pittsburgh, Pennsylvania, USA. (dpa / picture alliance / Michael Reynolds)

Hillary Clinton ist seit 25 Jahren in der US-Politik, habe gewisse Probleme, aber müsse im Wahlkampf um das Präsidentenamt ihren Namen nicht mehr bekannt machen, sagte der Politologe Michael Dreyer im DLF. Sie werde weniger als Frau, sondern als erfolgreiche Politikerin wahrgenommen.

Darknet"Eine sinnvolle Zensur ist nicht realisierbar"

Sie sehen zwei Hände auf einer beleuchteten Tastatur im Dunklen. (picture-alliance / dpa / Silas Stein)

Netzaktivisten wehren sich gegen eine Verteufelung des anonymen Darknet als Hort für Drogen- und Waffenhandel. Das Darknet nur partiell zu zensieren, sei technisch jedoch nicht möglich, sagt Linus Neumann vom Chaos Computer Club.

Coaching und SingenMit Herbert Grönemeyer bei der Sommerakademie

Drei Männer mittleren Alters sitzen an einem Tisch mit Mikrofonen vor sich. Sie werden gleich eine Pressekonferenz geben. (Deutschlandfunk/Dirk Groß-Langenhoff)

Bei der Sommerakademie "Deine Stärken, Deine Zukunft" in Essen ging es darum, Schüler mit Förderbedarf und jugendliche Flüchtlinge beim fragilen Übergang zwischen Schule und Beruf zu unterstützen. "Da ist insgesamt viel Potenzial und das muss man nur auftauen", war das Fazit von Schirmherr Herbert Grönemeyer. Der studierte mit den Schülern auch ein Musical ein.

Digitalisieren für die Nachwelt"Aufnahmen für kommende Generationen erhalten"

Schallplattenspieler mit Langspielplatte  (imago stock&people)

Die Recording Preservation Foundation widmet sich dem Erhalt von amerikanischen Klangaufnahmen wie Radiosendungen, Musik und Reden. Stiftungsleiter Gerald Seligman erklärt die Idee.

SchnäppchenVerführungsfallen in Supermärkten

Kundin in einem Supermarkt (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)

In Supermärkten und Geschäften lauern überall Schnäppchen oder günstige Kurzzeitangebote. Um diesen Verführungsfallen zum Kaufen zu entgehen, sollte man zum Beispiel nicht hungrig den Supermarkt betreten und die Grundpreisangaben von unterschiedlichen Packungsgrößen vergleichen.

3-D-Drucker-Dining in LondonDie Molekularküche war gestern

Essbare, im 3-D-Drucker erstellte Form, gefüllt mit Rindertatar (Foodink)

In einem kleinen Londoner Restaurant wird versuchsweise nicht gekocht, sondern gedruckt. Auch Tische, Stühle und das Besteck kommen aus dem 3-D-Drucker. Die Gastgeber sind davon überzeugt, dass das die Zukunft der gehobenen Gastronomie sein wird.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Gewalttaten  Neue Erkenntnisse zu Tätern von München und Ansbach | mehr

Kulturnachrichten

Zwei geraubte Gemälde wieder aufgetaucht  | mehr

Wissensnachrichten

Südseestaat Tonga  Statt Sonnen lieber Skifahren bei Olympia | mehr