Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Die Meinungsvielfalt, sie geht dahin"

Reaktionen der Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau auf die Insolvenz der Zeitung

Von Ludger Fittkau

Die Frankfurter Rundschau ist wahrscheinlich bald Geschichte (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Die Frankfurter Rundschau ist wahrscheinlich bald Geschichte (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)

Trauer und Sprachlosigkeit in Frankfurt-Bockenheim: Bei der Belegschaftsversammlung der Mitarbeiter der "Frankfurter Rundschau" herscht Betroffenheit. Die Zeitung steht vor dem Aus, und das obwohl der Verlag erst im vergangenen Jahr weiter verschlankt worden war.

"Na, Sie werden das mitbekommen haben, dass ich heute Morgen Insolvenzantrag gestellt habe beim Amtsgericht in Frankfurt."

Karlheinz Kroke, der Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau – heute Nachmittag vor Beginn der Belegschaftsversammlung der Rundschau-Mitarbeiter in Frankfurt am Main. Von der Insolvenz betroffen sind rund 500 Mitarbeiter, auch am Berliner Standort der Frankfurter Rundschau, die eine Redaktionsgemeinschaft mit der Berliner Zeitung hat. Der Schock bei vielen Mitarbeitern ist groß. Volker Lipinksi befürchtete schon seit gestern das Schlimmste. Er arbeitet in der Druckerei der Frankfurter Rundschau als Fertigungsleiter:

"Absolut deprimierend. Wir haben also gestern erfahren, dass heute eine Versammlung ist. Ungewöhnlich für die Rundschau, es hat alles dicht gehalten. Von daher haben wir schon das Schlimmste befürchtet."

Karlheinz Kroke, Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau, gibt am 13.11.2012 in Frankfurt am Main vor dem Redaktionsgebäude die Insolvenz der Zeitung bekannt. (picture-alliance/ dpa / Frank Rumpenhorst)Karlheinz Kroke, Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau, gibt die Insolvenz der Zeitung bekannt. (picture-alliance/ dpa / Frank Rumpenhorst)Dennoch macht die Insolvenz der traditionsreichen Frankfurter Rundschau heute viele Mitarbeiter sprachlos, die zur Betriebsversammlung in das alte Straßenbahndepot nach Frankfurt- Bockenheim gekommen sind, in der noch ein Teil der Verlagsräume untergebracht sind. Ein Großteil der Redaktion ist ohnehin bereits in Berlin. Für Volker Lipinksi war gerade dies eigentlich ein Hoffungsschimmer:

"Es waren in der letzten Zeit durchaus positive Meldungen angesagt im Haus. Wir haben ja letztes Jahr diese Sanierung gemacht, dass die Redaktion nach Berlin gegangen ist und dadurch uns Kostenersparnisse erzählt wurden - oder wie immer man das ausdrücken soll. Von daher haben wir gedacht, dass sich das Blatt noch mal zum Guten wendet."

Einige Leser sind spontan zur Betriebsversammlung nach Bockenheim gekommen, als sie im Radio von der Insolvenz ihrer Rundschau gehört haben. Einige haben Tränen in den Augen:

"Es ist traurig. Es ist eine Zeitung, die wenn sie nicht mehr sein soll, sie wird fehlen. Auf jeden Fall. Die Frankfurter Rundschau, die gehört zum Leben dazu, die muss morgens im Briefkasten sein. Ich kann's auch noch gar nicht glauben."

"Endzeitstimmung."

Volker Lipiniski hat immerhin noch die Hoffnung, dass durch das Insolvenzverfahren die Druckerei mit mehreren hundert Mitarbeitern gerettet werden kann:

"Was man hört ist die Druckerei, in Neu-Isenburg profitabel, Durch Lohndruck-Aufträge und so weiter, keine Ahnung was da jetzt passiert."

Frankfurt am Main künftig ohne die Rundschau- für viele in der Stadt ist das kaum vorstellbar:

"Die Frankfurter Rundschau hat ja hier die die öffentliche Meinung über 60 Jahre geprägt, es ist eine sehr anerkannte Zeitung gewesen von vielen Frankfurtern auch gemocht, teilweise sogar geliebt. Es wird sicher ein großer Verlust sein. Es ist auch ein Zeichen, wie schlecht es generell um die Tageszeitungen im Augenblick steht. Die ganze Medienbranche im Printbereich ist stark unter Druck. Und damit stirbt natürlich hier- auch gerade im Rhein-Main-Gebiet - ein Stück Meinungsvielfalt, die ja das Rhein-Main-Gebiet immer ausgezeichnet hat. Ein trauriger Tag, auf jeden Fall."

"Die Meinungsvielfalt, sie geht dahin. Die geht dahin."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:01 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 16:30 Uhr Forschung aktuell

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 16:05 Uhr Echtzeit

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Nemzow-Mord"Unter dem Motto: Wir kriegen Euch alle"

Die russische Menschenrechtlerin Irina Scherbakowa (dpa/picture alliance/Ingo Wagner)

Die russische Menschenrechtlerin Irina Sherbakowa geht von einem politischen Mord an Kremlkritiker Boris Nemzow aus, der in erster Linie der Abschreckung dienen solle. Daran bestehe "überhaupt kein Zweifel", sagte Sherbakowa im DLF.

Berliner Schaubühne in IndienAbrechnung mit westlichem Lebensstil

Szenenbild der Ostermeier-Inszenierung  von Henrik Ibsens "Ein Volksfeind"  (Deutschlandradio Kultur / Susanne Burkhardt)

Polit-Debatten mit dem Publikum, Schauspieler im Hipster-Outfit: Die Klassiker-Inszenierungen von Thomas Ostermeier sind eine ganz eigene Marke. Jetzt reiste der Schaubühne-Regisseur mit seiner Truppe nach Indien.

BilderbuchDie Schönklangpoeten

Trotz starker Konkurrenz aus eigenen Landen, gilt Bilderbuch als die Band der Stunde in der Alpenrepublik. Mit uns haben sie über Musik, Kaffee, Wiener Flair und Pegida in Österreich gesprochen.

Zum Tod von Boris Nemzow"Ich möchte, dass Russland frei wird"

Boris Nemzow (Picture Alliance / DPA / Andrei Aleksandrov)

Der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow hatte keine Angst, das System Putin offen zu kritisieren. Heute Nacht wurde er auf offener Straße in Moskau erschossen. Seine Worte aber bleiben.

Freiwillige für FlüchtlingeWo staatliche Hilfe endet

Flüchtlinge in einer Kirche in Berlin-Kreuzberg (imago/Christian Mang)

Immer mehr Flüchtlinge versuchen weltweit, Krieg, Krisen und Hunger zu entkommen, und ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar. Politik und Behörden sind überfordert. Um so wichtiger wird der Einsatz von freiwilligen Bürgern.

Wagyu-RinderFett im Geschäft

Wagyu-Rinder werden so richtig verwöhnt. Sie schlafen weich, bekommen bestes Futter, regelmäßige Bürstenmassagen, dazu Chillout-Musik. Immer schön ruhig und bloß kein Stress! Schließlich sollen die guten Tiere richtig schön fett werden.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Nach Mord an Nemzow:  Moskau erlaubt Trauermarsch mit 50.000 Teilnehmern | mehr

Kulturnachrichten

Preußen-Stiftung  bietet Hilfe für zerstörte Kulturschätze im Irak an | mehr

Wissensnachrichten

Weltall  Überraschende Entdeckung: Sternengeburt am Rande der Milchstraße | mehr