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Die Mitte erobert die Welt

Der deutsche Mittelstand als Gewinner der Globalisierung

Von Verena Herb

Auch der Mittelstand muss sich der Globalisierung stellen.  (AP)
Auch der Mittelstand muss sich der Globalisierung stellen. (AP)

Längst sind es nicht mehr nur die großen Unternehmen, die sich international ausrichten, exportieren, Filialen im Ausland gründen oder sogar Produktionen nach Fernost verlagern. Immer mehr der rund drei Millionen mittelständischen Unternehmen in Deutschland versuchen, die Chancen der Globalisierung zu nutzen.

"Nur wenn es uns gelingt, durch Leistungen uns auf dem Weltmarkt auszuzeichnen, wird es uns möglich sein, auf ihm zu bestehen….

Wir können, und auch da sind wir uns einig, aus diesem Prozess der Globalisierung nicht aussteigen. Selbst, wenn wir wollten…

Die Bundesregierung wird es sich besonders am Herzen liegen lassen, den Mittelstand mit allen seinen Erscheinungsformen zu festigen. "

Der Mittelstand und der Weltmarkt – Das Wort Globalisierung war noch nicht vorhanden im deutschen Duktus, als Bundeskanzler Konrad Adenauer im September 1949 seine erste Regierungserklärung verlas.

"Wir sind durchdrungen von der Überzeugung, dass dasjenige Volk, das sicherste, ruhigste und beste Leben führen wird, das möglichst viele mittlere kleinere unabhängige Existenzen in sich birgt."

Rund drei Millionen mittelständische Unternehmen gibt es in Deutschland, so das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. Die Gustav Wiegard Maschinenfabrik in Witten ist eines davon. Gemeinsam mit Bruder Alexander leitet Gustav Wiegard junior den Betrieb.

"Hier im Standort Witten haben wir 12 Hallen. Wir gucken jetzt hier auf die termische Beschichtung. Das ist eine der Technologien, die weltweit nur von einem Dutzend Unternehmen beherrscht werden. "

Rund 120 Mitarbeiter sind bei Wiegard in Witten beschäftigt. Außerdem wird in Ägypten und in den USA produziert. Ihre Produkte: Rollen und Walzen, Zahnräder und Sondergetriebe, kurz: Waren, die die Stahlindustrie zur Verarbeitung benötigt.

Die große stählerne Eisenwalze dreht sich geruhsam, während bei einer Temperatur von über 1500 Grad die patentgeschützte Hitzelegierung aufgetragen wird.

Wiegard ist ein Weltmeister. Ihre qualitativ hochwertige Hitzelegierung für große Stahlwalzen das modernste, was es derzeit auf dem Markt gibt – und deshalb patentgeschützt. Die Brüder verkaufen ihre Waren in alle Länder der Welt. Schon lange sind es nicht mehr nur die Daimlers und Thyssens, die sich international ausrichten, die exportieren, Filialen im Ausland gründen, Kooperationen über Grenzen hinweg eingehen oder sogar Produktionen nach Fernost verlagern. Die Globalisierung wird – Klein. Und die Mitte erobert die Welt.

"Die Exportquote hat sich seit 2000 auf über 50 Prozent gesteigert. Und seit 2007 haben wir, um auch da die Glob. als aktive Chance zu nutzen, dann auch den Weg ins Ausland mit unseren Kunden gesucht um jetzt auch vor Ort im Ausland zu produzieren."

Die Globalisierung als Chance nutzen

"Deutschland hat alle Chancen"

dieser Meinung ist nicht nur Bundespräsident Horst Köhler.

"Entweder, man verändert sich selber, und versucht auch, Globalisierung aktiv als Chance zu nutzen. Oder der Markt verändert einen, ohne dass man was dazu tut. Und diese zweite Alternative wollten wir nicht realisiert haben wollen von außen."

Musik: Gehen sie mit der Konjunktur…pinke, pinke, pinke

Der deutsche Mittelstand beherrscht zwischenzeitlich die Klaviatur der Globalisierung. Ein Großteil des deutschen Exportbooms geht auf das Konto des Mittelstands: Rund 98 Prozent aller Exporteure sind mittelständische Unternehmen. Das sind insgesamt, so die Forscher des Instituts für Mittelstandsforschung aus Bonn, über 330 Tausend deutsche Firmen. Und nicht selten sind sie es, die mit ihren Produkten den Weltmarkt anführen.

Bernd Venohr, der an der Berliner Fachhochschule für Wirtschaft lehrt kennt sich aus mit den deutschen Wirtschaftschampions. in seiner Datenbank sammelt er mittelständisch organisierte Unternehmen, die auf ihrem Gebiet zu den Top 3 der Welt gehören und den Großteil ihres Umsatzes im Ausland erzielen. Derzeit finden sich rund 1300 dieser Weltmarktführer in Venohrs Archiv. Das Geheimnis ihres Erfolgs leuchtet ein:

"Zum einen dominieren diese Unternehmen Marktnischen weltweit. D.h. sie konzentrieren sich auf einen ganz speziellen Bereich. Diese Firmen sind im Vergleich mit ihren Wettbewerbern aus anderen Ländern extrem innovativ."

Und Innovation bedeutet nicht nur neue Produkte, sondern auch neue Prozesse. Deshalb sind die Summen, die in Unternehmen für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden, gemessen an den anderen Ausgaben, mit die höchsten. Ein weiterer Aspekt ist, so Venohr

"… dass viele dieser Firmen eben im Verborgenen arbeiten. Das heißt, sie produzieren Produkte, sie stellen Dienstleistungen zur Verfügung, die man als Laie oder als Konsument so nicht wahrnimmt."

"Was machen Sie da genau?
Knebel!
Ja, für Schränke, Türen. Kann man auch Schlösschen für sagen."

Monika Doll arbeitet seit sieben Jahren für die Firma EMKA in Velbert. Tagtäglich schraubt sie bis zu 2000 dieser kleinen Schlösschen zusammen, die sich an Schalt- und Stromkästen in jedem Haushalt finden. EMKA ist ebenfalls Weltmarktführer: Die Produktpalette der Firma riesig: 50 Tausend verschiedene Scharniere, Schlösser und Schließsysteme. Die meisten werden maschinell hergestellt, in Deutschland. Aber nicht nur: Auch in Frankreich und insbesondere Bosnien stehen EMKA-Fabriken:

"Uns war klar, dass wir ein Lohnbilligland brauchten. In Deutschland, bei diesen Löhnen lohnintensive Produkte zu fertigen, geht nicht. "

Erklärt Geschäftsführer Friedhelm Runge, der ebenfalls Vizepräsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft ist. Der gebürtige Wuppertaler leitet die Firma seit 1973. Export und Expansion waren damals seine Visionen, und sind es auch heute noch. Dass aufgrund der Verlagerung einiger Produktionszweige ins Billiglohnland Bosnien Arbeitsplätze verloren gingen, kann er nur verneinen:

"Aufgrund dieses Preismixes ist es uns überhaupt nur gelungen, auf dem Weltmarkt weiterzuliefern, bzw. so weit Fuß zu fassen, bis wir Weltmarktführer wurden. "

Die Produktion in Bosnien sichert den Standort Deutschland, so Runge:

"Es gehen keine Arbeitsplätze verloren, sondern es wurden in Zentraleuropa – also hier in Velbert, Wuppertal erhebliche Arbeitsplätze geschaffen."

Sowohl Friedhelm Runge als auch Maschinenbauer Wiegard setzen auf China und Indien. Weniger als Produktionsstandort, sondern vielmehr als Absatzmarkt.

"Wir stellen das her, was China braucht "

…fasst Professor Venohr die Lage zusammen. Danach

"…kann man eben auch die Marktchancen nutzen. Das ist das Spannende. Das heißt wenn sie plötzlich zwei bis drei Milliarden potentielle Kunden haben, sind das natürlich tolle Geschäftspotentiale. Und das ist die positive Seite."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:29 Uhr

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