Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Die Retourkutsche der CIA

Historiker wundern sich über Geheimhaltungspraxis

Ein Korrespondentenbericht von Siegfried Buschschlüter

Die CIA hat freigegebene Dokumente wieder gesperrt. (AP Archiv)
Die CIA hat freigegebene Dokumente wieder gesperrt. (AP Archiv)

Zehntausende Geheimdokumente, die eigentlich seit Jahre freigegeben wurden, sind unter der Regierung Bush von der CIA und anderen Nachrichtendiensten wieder gesperrt worden. Historiker wundern sich, denn teilweise sind die veröffentlichten Papiere längst veröffentlicht und vervielfältigt worden.

Als Bill Clinton im April 1995 US-Regierungsbehörden anwies, alle Unterlagen, die 25 Jahre alt oder älter waren, freizugeben, wurden davon nur Dokumente ausgenommen, die Quellen und Methoden der Geheimdienste, Kryptologie oder Kriegspläne betrafen. Einige Ministerien, wie das State Department und das Energieministerium, gingen mit gutem Beispiel voran.

Das Außenministerium veröffentlichte eine viel gelobte Serie über die Auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten, eine Fundgrube für Historiker. Das Energieministerium gab eine Vielzahl von bis dahin der Geheimhaltung unterliegenden historischen Daten über das Atomarsenal der USA frei und so brisante Informationen wie Strahlen-Experimente an Menschen.

Das Verteidigungsministerium und die Geheimdienste hielten von Anfang an wenig von dieser Initiative und blockten ab. Wie weit ihre Verweigerungspolitik ging, wurde erst jetzt bekannt. Wie das National Security Archive, eine unabhängige Organisation der George Washington University, gestern mitteilte, haben die US-Nachrichtendienste in den letzten sieben Jahren rund 9.500 bereits freigegebene Dokumente im Umfang von mehr als 55.000 Seiten aus dem öffentlichen Bestand der Nationalarchive entnommen und sie erneut der Geheimhaltung unterworfen.

Es sei ein reiner Zufall, dass diese Reklassifizierungsaktion ans Licht gekommen sei, sagt der Historiker Matthew Aid.

Als er vor drei Monaten in den Nationalarchiven nach bestimmten Unterlagen des State Department fragte, wurde ihm gesagt, die seien schon vor sechs Jahren aussortiert worden und stünden nicht mehr zur Verfügung. Nach hartnäckigem Fragen - er kam sich dabei vor wie ein Kriminalbeamter erfuhr er, dass die 55 Boxen, an denen er interessiert war, auf Anordnung der CIA und des Pentagon in einen verschlossenen Lagerraum gebracht und ihre Freigabe rückgängig gemacht worden war. Im Herbst 1999 hatte die CIA erfahren, dass das State Department ohne Rücksprache eine Reihe von alten Unterlagen freigegeben hatte, in denen auch die CIA vorkam. Und die Unterlagen wollte die CIA wiederhaben.

Nicht, dass es dabei um Staatsgeheimnisse ging. Zum Teil waren es falsche Einschätzungen, wie den Eintritt Chinas in den Koreakrieg - die CIA hielt das auch dann noch für unwahrscheinlich, als chinesische Truppen bereits im Einsatz waren - oder ein Memorandum aus dem Jahre 1948 über den Plan der CIA, mit Luftballons über Länder hinter dem Eisernen Vorhang Propagandamaterial abzuwerfen. Diese Dokumente, sagt Matthew Aid, hätten zu keinem Zeitpunkt als geheim eingestuft werden sollen. Entweder seien sie so banal, dass es schon lächerlich sei, oder sie seien für die CIA peinlich.

In die zweite Kategorie könnte der Band des State Department fallen, der das Verhältnis zwischen den USA und der Bundesrepublik in den 50er Jahren beschreibt. Matthew Aid vermutet, dass der Band aus dem Regal genommen wurde, weil er Unterlagen über die Beziehungen zwischen der CIA und dem BND, bzw. der Organisation Gehlen enthält, konkret Angaben über die Beschäftigung von ehemaligen Kriegsverbrechern durch die Organisation Gehlen mit Wissen der CIA.

Zu dem Thema "US-Geheimdienste und die Nazis" erschien letztes Jahr ein Buch mehrerer US-Historiker. Ein für die CIA besonders peinliches Kapitel, recherchiert von Timothy Naftali, ist überschrieben "Die CIA und Eichmanns Helfershelfer". Die Veröffentlichung wurde möglich aufgrund des Gesetzes von 1998 über die Freigabe von Nazi-Kriegsverbrechen.

Da die erneute Klassifizierung der Unterlagen der Geheimhaltung unterliegt, kann über die offizielle Begründung dieser Aktion nur gemutmaßt werden. Matthew Aid meint, mit dem Amtsantritt der Bush-Administration Anfang 2001 habe die CIA ein offenes Ohr im Weißen Haus dafür gefunden, sich gegen das State Department durchzusetzen und die Freigabe der Dokumente durch Bill Clinton zumindest teilweise rückgängig zu machen und die Freigabe neuer Unterlagen ganz zu stoppen.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:14 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 21:05 Uhr Musik-Panorama

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 21:30 Uhr Kriminalhörspiel

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Debatte um europäische AnnäherungWelches Europa wollen wir?

Verschiedenfarbige Köpfe, im Hintergrund: Sterne der EU-Flagge. (imago/Ikon Images)

Während man sich in Deutschland noch in Sachen Regierungsbildung abmüht, macht Emanuel Macron Druck. Er will ein neues Kapitel in Europa aufmachen. Und das möglichst bald. Davon sollte man sich nicht beeinflussen lassen meint allerdings der Publizist und Historiker Klaus Rüdiger Mai.

Studie über KinderarmutEinmal arm, lange arm

Kinder stehen in einem Kindergarten in Hamburg. (dpa-Bildfunk / Christian Charisius)

Gut 20 Prozent aller Kinder in Deutschland leben laut einer Studie länger als fünf Jahre in armen Verhältnissen. Für weitere 10 Prozent sei Armut zumindest ein zwischenzeitliches Phänomen, heißt es in einer Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Fazit: Wer einmal arm sei, bleibe es in den meisten Fällen für lange Zeit.

Aus den FeuilletonsDer nächste US-Import: Polarisierung

Zwei Stiere verkeilt im Konflikt (imago stock&people / Copyright Marcus Butt)

Die "Welt" blickt mit Sorge auf die USA und würdigt einen Autor, der die Polarisierung des Landes beschreibt und analysiert. Die "Süddeutsche" diskutiert den aktuellen Tatort und die "FAZ" war auf einer Preisverleihung.

Asteroid in optimaler OppositionDer Iris-Planet im Widder

Der Asteroid Iris (roter Punkt) steht gerade im Sternbild Widder  (Stellarium)

Im Sommer 1847 entdeckte der Brite John Russell Hind den Himmelskörper Iris. Er war das siebte Objekt zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter – und galt in den ersten Jahren nach der Entdeckung noch als Planet.

Gelungene Opernpremiere in Stuttgart Halbe Inszenierung ohne Regisseur Kirill Serebrennikow

Die Opernsängerin Esther Dierker (Gretel) probt am 19.03.2017 im Opernhaus in Stuttgart (Baden-Württemberg) eine Neuinszenierung der Oper "Hänsel und Gretel". Die Inszenierung war von dem in Moskau in Hausarrest sitzenden Regisseur Kirill Serebrennikow geplant. Die Oper hielt trotzdem an der Neuinszenierung der Oper «Hänsel und Gretel» fest. Die Premiere der unvollendeten Arbeit ist am 22.10.2017. (zu dpa: "Oper "Hänsel und Gretel" vom 23.10.2017) Foto: Bernd Weißbrod/dpa | Verwendung weltweit (dpa)

Die Stuttgarter Oper hat die Märchenoper "Hänsel und Gretel" inszeniert. Weil aber der Regisseur der Inszenierung, Kirill Serebrennikow, in Russland unter Hausarrest steht, führte das Haus das Stück als eine Art Fragment auf und unterstützte damit die Forderung nach einer Freilassung des Künstlers.

Lage der Rohingyya in Myanmar Das Elend der Ungewollten

Das Bild zeigt muslimische Kinder im Lager Da Paing IDP bei Sittwe im Bundesstaat Rakhine.  (AFP / Hla Hla Htay)

Vor der Militärgewalt sind fast 600.000 Rohingya nach Bangladesh geflohen. Aber auch innerhalb Myanmars gibt es Flüchtlinge, die sich zu Tausenden in die Lager bei Sittwe gerettet haben. Hungernd, lethargisch und gehasst inzwischen auch von der buddhistischen Bevölkerung warten sie auf Hilfe.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Irak  US-Außenminister Tillerson dringt auf Dialog mit Kurden | mehr

Kulturnachrichten

Umstrittener Film "Matilda" erlebt Uraufführung | mehr

 

| mehr