Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Die Revolution hat gerade erst begonnen"

Zehntausende Menschen demonstrieren in Köln gegen türkische Regierung

Proteste gegen Erdogan auf dem Heumarkt in Köln. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Proteste gegen Erdogan auf dem Heumarkt in Köln. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

In Köln haben mehrere Zehntausend Menschen ihre Unterstützung für die Protestbewegung in der Türkei bekundet. Sie forderten den Rücktritt von Regierungschef Recep Tayyip Erdogan.

«Erdogan geh' - dann wird alles besser»; «Europa weiß, was Sache ist - in Ankara regiert ein Faschist»; «Die Revolution hat gerade erst begonnen» - solche Transparente waren am Samstag in Köln zu lesen. Mehrere Zehntausend Mitglieder der alevitischen Gemeinde versammelten sich, um gegen das gewaltsame Vorgehen der türkischen Regierung gegen Demonstranten in ihrer Heimat zu protestieren. Sie warfen der Regierung in Ankara vor, mit ihrem Vorgehen gegen Oppositionelle die Menschenrechte zu verletzen. Redner forderten Erdogans Rücktritt und sofortige Neuwahlen. Die Kölner Polizei sprach von einem "erfreulich friedlichen Verlauf" der Kundgebung.

Erneuter Protest in Istanbul

Auch auf dem Taksim-Platz in Istanbul kamen wieder mehrere Tausend Menschen zusammen, um gegen die türkische Regierung zu protestieren. Die Polizei ging wieder gewaltsam gegen Demonstranten vor und räumte den Platz mit Tränengas und Wasserwerfern. Die Zusammenstöße fielen jedoch nicht so schwer aus wie bei früheren Aktionen der türkischen Polizei.

Gegen weitere 31 festgenommene Demonstranten wurde Untersuchungshaft verhängt. Wie die Zeitung "Hürriyet" berichtet, wird ihnen Anstachelung zur Gewalt vorgeworfen, einigen von ihnen auch Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation.

Deutschland und Türkei schlagen wieder ruhigere Töne an

Es sei eine freundschaftliche Atmosphäre gewesen, so das Auswärtige Amt in Berlin. (picture alliance / dpa / Raphael Huenerfauth)Es sei eine freundschaftliche Atmosphäre gewesen, so das Auswärtige Amt in Berlin. (picture alliance / dpa / Raphael Huenerfauth) Derweil bemühen sich nach dem verbalen Schlagabtausch zwischen Berlin und Ankara die Außenminister beider Länder um Entspannung. Zuletzt war es zu Verstimmungen wegen des harten Vorgehens der türkischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten gekommen. Die Verhandlungen über den EU-Beitritt der Türkei geraten nun in den Fokus.

Am Rande der Beratung der Syrien-Kontaktgruppe in Doha kam der türkische Außenminister Ahmet Davutolgu mit Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) zusammen. Anscheinend versuchten beide, die Situation zu beruhigen. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin hieß es, beide hätten in konstruktiver und freundschaftlicher Atmosphäre aktuelle Fragen erörtert. Die Minister hätten einen "intensiven Meinungsaustausch im Geiste von Partnern und Freunden" gehabt, darunter auch zu "aktuellen Fragen der Beziehungen" zwischen der EU und der Türkei.

Botschafter einbestellt

Am Freitag war bekannt geworden, dass die EU voraussichtlich nicht wie geplant am kommenden Mittwoch ein neues Kapitel in den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei eröffnen werde. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unterstützte dies. Der türkische Europaminister Egemen Bagis forderte Merkel daraufhin auf, ihren "Fehler zu verbessern", anderenfalls werde das Folgen haben. Nach Angaben aus dem Auswärtigen Amt sagte Bagis sinngemäß, Merkel solle wissen, dass diejenigen, die sich mit der Türkei anlegten, "kein gutes Ende" nähmen. Daraufhin hatte das Auswärtige Amt den türkischen Botschafter einbestellt. Im Gegenzug bestellte das türkische Außenministerium den deutschen Botschafter ein. Die Einbestellung eines Botschafters gilt in Diplomatenkreisen als ein Instrument demonstrativer Kritik an einem Land.

Merkel "erschrocken" über Vorgehen der Sicherheitskräfte

Ausgangspunkt der Debatten ist das harte Durchgreifen des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan gegen die anhaltenden Demonstrationen in seinem Land. Die Kanzlerin hatte am Montag erklärt, sie sei "erschrocken" über die "viel zu harten" Einsätze der Sicherheitskräfte gegen die Protestler. Noch im Februar hatte Merkel nach einem Treffen mit Erdogan in Ankara ihre Vorbehalte gegen einen EU-Beitritt der Türkei bekräftigt und sich stattdessen erneut für eine sogenannte "privilegierte Partnerschaft" des Landes starkgemacht, die keiner regulären EU-Mitgliedschaft gleichkommt.

Ob die Beitrittsgespräche mit der Türkei in eine neue Runde gehen, entscheidet die Europäische Union in der kommenden Woche. Bisher konnten sich die EU-Botschafter nicht auf die Fortführung der Verhandlungen einigen. Sollte die Annäherung endgültig ins Stocken geraten, rechnen Beobachter mit einer schweren Belastungsprobe für die Beziehungen zwischen EU und Türkei.

SPD-Politiker Özoguz warnt vor Abbruch der Beitrittsverhandlungen

Die SPD-Abgeordnete Aydan Özoguz griff die Kritik der türkischen Regierung auf. Auch sie warf Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, die Krise in der Türkei für ihren eigenen Wahlkampf zu nutzen. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende sagte im Deutschlandradio Kultur, selbst der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu solle bereits an Merkel geschrieben haben, dass sie das Thema nicht für den Wahlkampf missbrauchen möge. Zudem betonte sie, man dürfe die Tür für einen EU-Beitritt jetzt nicht zuzuschlagen.

Posselt (CSU): Türkei kein europäisches Land

Der außenpolitische Sprecher der CSU im Europaparlament, Bernd Posselt, forderte indes im Deutschlandfunk, die Verhandlungen mit der Türkei über einen EU-Beitritt zu stoppen. Die Türkei sei kein europäisches Land, sagte er. Sie werde niemals der EU beitreten. Man müsse endlich mit dieser "Lebenslüge" Schluss machen. Zugleich plädierte Posselt dafür, nach dem Vorbild Norwegens (das nicht Mitglied der EU ist) eine besondere Partnerschaft mit der Türkei zu installieren.

Programmhinweis: In der Sendung Kontroversgeht es am Montag auch um das Thema "Europa, Erdogan und die Protestbewegung"

Mehr zum Thema auf dradio.de

Trittin: In der Türkei "scheint vielfach nicht Europa das Vorbild zu sein" - Grünen-Fraktionschef kritisiert Vorgehen gegen Demonstranten
Erdogan spaltet die Türkei- Premierminister treibt einen Keil zwischen seine Wählerschaft und die Protestbewegung
Europas Außenministerin ohne Einfluss- Gemeinsame Außenpolitik ist eine Farce

Weitere Informationen zum Thema:

Streit mit Ankara - Auswärtiges Amt bestellt türkischen Botschafter ein (Spiegel Online)

Online-Ausgabe Hürriyet - 31 Festnahmen

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:13 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 05:07 Uhr Studio 9

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

James-Bond-DarstellerRoger Moore ist tot

Roger Moore 1983 als James Bond in dem Film "Octopussy" (dpa / picture alliance / Goldschmidt)

Bekannt wurde Roger Moore als James-Bond-Darsteller. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben. In Erinnerung bleiben auch Fernsehserien wie "Maverick" und vor allem "The Saint", in der er als Superheld Simon Templar die Welt rettete.

Neue TheorieWiege des Menschen könnte in Europa liegen

Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen hält am 22.05.2017 in Tübingen (Baden-Württemberg) bei der Präsentation zweier Funde des Hominiden Graecopithecus freybergi, einen der beiden Funde, einen Unterkiefer, in der Hand.  (picture alliance / dpa - Marijan Murat)

Schon vor mehr als 150 Jahren vermutete der britische Naturforscher Charles Darwin die Wiege der Menschheit in Afrika. Zwar gab es seitdem auch einige Frühmenschenfunde in Asien, jedoch kamen die wichtigen Fossilien früher Menschen überwiegend aus Afrika. 

PilzeBloß nicht kochen oder frittieren

Grillen, frittieren, kochen oder dampfgaren - es gibt zig Möglichkeiten, Pilze zuzubereiten. Dabei geht es nicht nur um den Geschmack. Die Art der Zubereitung hat auch Einfluss auf den Nährstoffgehalt.

Nahost-Konflikt"Was Trump anbietet, ist oberflächlich"

Moshe Zimmermann im Gespräch. (dpa / Martin Schutt)

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann setzt wenig Hoffnungen in den Vorstoß des US-Präsidenten, im Nahost-Konflikt zu vermitteln. Donald Trump denke immer, Dinge seien einfach, und entdecke dann die Schwierigkeiten, sagte Zimmermann im DLF. Unerwartet sei allerdings Trumps Kompromissbereitschaft gegenüber den Palästinensern.

Debatte um die deutsche LeitkulturDas Grundgesetz ist kein Götze

Eine Ausgabe des Grundgesetzes, fotografiert am 04.11.2015 in Berlin. Foto: Jens Kalaene/dpa (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

"Es gilt das Grundgesetz!" - Mit diesem Verweis wollen Kritiker die manchmal etwas ermüdende Debatte um die Leitkulturthesen von Thomas de Maizière auf dem kurzen Dienstweg beenden. So einfach ist das aber nicht, meint unser Autor Boris Kalbheim.

PriesternachwuchsBeten bringt mehr Klicks als Sex

Die Berliner Journalistin Valerie Schönian und der Priester Franziskus von Boeselager stehen am 08.12.2016 in der St. Pantaleon Kirche in Münster-Roxel. (Bild: dpa / Guido Kirchner) (dpa / Guido Kirchner)

Eine junge Atheistin begleitet ein ganzes Jahr lang einen katholischen Pfarrer durch seinen Alltag und bloggt darüber. Jetzt ist das Projekt "Valerie und der Priester" zu Ende. Die Medienresonanz war groß, Pfarrer Franziskus hat viele neue Fans - und blieb doch in einer katholischen Sonderwelt.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

China-Besuch  Gabriel besorgt über Lage in Nordkorea | mehr

Kulturnachrichten

Durchsuchungen bei Regisseur Serebrennikow  | mehr

 

| mehr