Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Die Stimme Bismarcks

Tondokument von 1889 macht den früheren Reichskanzler hörbar

Otto Fürst von Bismarck (1815-1898) (AP)
Otto Fürst von Bismarck (1815-1898) (AP)

Es ist keine MP3 und auch keine Schellack-Platte, auf der Bismarcks Stimme ertönt. Es ist eine Wachswalze, wie sie von Thomas Alva Edison, dem Erfinder des Phonographen, verwendet wurde. Schon 1957 wurde die Bismarck-Walze entdeckt, aber erst 2011 wurde die Stimme entschlüsselt.

Dass wir heute die Stimme Bismarcks hören können, ist dem amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison (1847 - 1931) zu verdanken. Im Wettstreit mit anderen Entwicklern konstruierte er einen Phonographen, mit dem sich akustische Schwingungen mittels einer Nadel zunächst auf eine Zinnfolie, später auf eine Wachsschicht übertragen ließen. Von dort ließen sie sich mit einer Abtastnadel wieder "abspielen". Die Möglichkeit, Geräusche und Stimmen auf diese Weise hörbar zu machen, glich einer Sensation.

Die Wachswalzen, auf der Bismarcks Stimme verewigt wurde, waren bereits 1957 im Edison-Museum im US-Bundesstaat New Jersey entdeckt worden - jedoch wusste man lange Zeit nicht, was darauf zu hören war.

Erst im Jahr 2005 nahmen sich Mitarbeiter des Edison-Archivs die 21 Walzen wieder vor und versuchten, die darauf gespeicherten Informationen zu entschlüsseln. Offenbar handelte es sich um Aufnahmen, die Theo Wangemann, ein Mitarbeiter Edisons, auf einer Werbetournee durch Europa aufgenommen hatten, darunter die erste überlieferte Aufnahme eines Klavierkonzertes von Frédéric Chopin.

Deutscher Experte entschlüsselte Bismarcks Worte

Allerdings konnten die Experten nicht alles entschlüsseln. Mit der Walze, auf der eine deutsche Stimme zu hören war, wendeten sie sich daher an den Berliner Restaurator Stephan Puille, einen international anerkannten Experten für Tonaufnahmen.

Dieser entschlüsselte nach und nach die wenigen Verse und konnte sie schließlich in akribischer Kleinarbeit dem früheren Reichskanzler zuordnen. Dieser hatte die aus ganz verschiedenen Zusammenhängen stammenden Verse ganz offensichtlich aus dem Stegreif rezitiert, um einem Mitarbeiter Edisons eine verwertbare Testaufnahme zu liefern.

Hier die von Bismarck gesprochenen Verse im Wortlaut sowie die dazu gehörige Audio-Datei, die das Edison-Museum in New Jersey auf seiner Website veröffentlicht hat:


In good old colony times,
When we lived under the King,
Three roguish chaps fell into mishaps
Because they could not sing.

Kaiser Rotbart lobesam
Zum heil'gen Land gezogen kam,
Da mußt er mit dem frommen Heer
Durch ein Gebirge wüst und leer.

Gaudeamus igitur,
juvenes dum sumus.
Post jucundam juventutem,
post molestam senectutem
nos habebit humus.

Allons enfants de la Patrie
Le jour de gloire est arrivé
Contre nous de la tyrannie
L'étendard sanglant est levé.

Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen, und im Übrigen gerade auch das Trinken. Rat eines Vaters an seinen Sohn.


Euphorische Reaktionen in der Fachwelt

Die Reaktionen in der Fachwelt auf die Entschlüsselung der Ton-Dokumente sind begeistert bis euphorisch. Beim Querhören der Phonographen-Walze sei ihm sofort aufgefallen, dass als Aufnahmeort Friedrichsruh angegeben worden war, sagte der Berliner Ingenieur und Stimmen-Restaurator Puille im Deutschlandradio Kultur. Von parallelen Recherchen habe er gewusst, dass Bismarcks Stimme an diesem Ort aufgezeichnet worden war. Als es keinen Zweifel mehr gab, sei er völlig begeistert gewesen:

"Das war natürlich pure Euphorie. Das ist ein Traum, der da in Erfüllung ging, ein Traum, den ich im Grunde gar nicht geträumt hatte, denn ich habe wirklich nicht daran gedacht, dass so etwas passieren könnte. Als ich das Material bekommen habe, war es ja völlig ergebnisoffen. Niemand wusste vorher, dass sich dahinter Bismarck verbirgt. Es war also eine große Überraschung für alle Beteiligten."

Wie der Historiker Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, im Deutschlandfunk sagte, sei auch für die Stiftung ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen, denn man habe die Bismarck-Aufnahme lange Zeit vergeblich gesucht:

"Ich war völlig begeistert, zumal wir uns seit Jahren selbst darum bemüht haben, diese Tonaufnahme wieder ausfindig zu machen. Wir wussten ja um die Existenz, aber alle Bemühungen, diesen Zylinder, diese Kiste wieder aufzufinden, waren leider bisher vergeblich. Glücklicherweise ist nun die Suche zu einem glücklichen Ende geführt worden."


Links auf dradio.de:

"Eine Facette, die Bismarck durchaus bereichert" - Historiker Lappenküper begeistert über Fund der Bismarck-Aufnahmen

"Pure Euphorie" - Berliner Ingenieur entdeckt Stimme des früheren Reichskanzlers Otto von Bismarck

Infos im Web:

The Edison Phonograph in Europe, 1889-1890 - Audio-Dateien auf der Website des Edison-Museums

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:47 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:00 Uhr Nachrichten

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Brexit"Unter dem Strich wird es Großbritannien schlechter gehen"

Porträt des FDP-Politikers Alexander Graf Lambsdorff.  (imago / Metodi Popow )

60 Milliarden Euro muss Großbritannien für seinen Austritt aus der EU möglicherweise zahlen. Das sei keine Strafzahlung, sondern für Dinge wie Strukturhilfen oder Rentenzahlungen wichtig, sagte Alexander Graf Lambsdorff (FDP), Vizepräsident des Europäischen Parlaments im DLF. Der Brexit werde zudem zu bis zu 25 Prozent Handelsverlusten führen.

Register für SamenspenderKinder aus der Datenwolke

Eine medizinisch-technische Assistentin lagert Samenproben im Zentrum für Reproduktionsmedizin in Münster in einem Kühldepot bei ca. minus 170 Grad Celsius ein. (dpa / picture alliance / Friso Gentsch)

Mit der Einrichtung eines Registers für Samenspender sollen Kinder aus künstlicher Befruchtung künftig Auskunft über ihre Abstammung erhalten können. Das sei ein Gesetzesvorschlag, in den die Möglichkeit des Missbrauchs bereits angelegt ist, meint der Publizist Matthias Gronemeyer.

Yves-Klein-Ausstellung in Brüssel"Ein schierer Universalist"

Eine Besucherin der Ausstellung mit Werken von "Yves Klein" geht am Donnerstag (16.09.2004) in der Frankfurter Kunsthalle Schirn an dem Bild "Monochrom Blau" vorbei. Die Schau ist vom 17. September 2004 bis 9. Januar 2005 zu sehen. Foto: Frank May dpa | (dpa)

Monochrome Malerei, Anthropometrie, Feuerbilder: Die Brüsseler Ausstellung "Theater der Leere" zeigt das Werk Yves Kleins in zahlreichen Facetten. Unser Kunstkritiker Carsten Probst über einen Künstler, der gar keiner sein wollte.

Etappe 3 - Von Moulins nach Tain-l‘HermitageReporterglück

Tippgeber Gilbert Bouchet, Bürgermeister von Tain-l'Hermitage an der Nationalstraße 7, die er kulturell und wirtschaftlich wiederbeleben will. (Deutschlandradio / Andreas Noll)

Von der ersten Idee bis zum Reisebeginn sind viele Wochen vergangen, in denen Anne Reith und Andreas Noll Karten studiert, Themen recherchiert und Gesprächspartner angefragt haben. Planung ist wichtig - aber was dann wirklich vor Ort passiert, ist oft eine Frage des Glücks.

Patiententötungen im Krankenhaus"Es sind keine Einzelfälle"

Ein Patient wird künstlich beatmet.  (picture-alliance/ dpa / Oliver Berg)

Nils H., der 200 Patienten getötet haben soll: Es war der bisher spektakulärste Fall von Tötungsserien in Krankenhäusern. Wie oft Helfende zu Tätern werden, hat der Psychiater Karl H. Beine in einer Studie untersucht. Mit erstaunlichem Ergebnis.

Genom EditingMalaria, Mücken und Moral

Eine Welt ohne Malaria-Moskitos ist möglich - aber darf Mensch Gott spielen? (imago stock&people)

Wie stark darf der Mensch ins Erbgut von Lebewesen eingreifen? Das wird in den Weltreligionen unterschiedlich bewertet. Moskitos zum Beispiel könnten durch eine DNA-Veränderung DNA ausgerottet werden. Ein Problem? Nein, sagt eine jüdische Ethikerin. Doch, sagt ein katholischer Bischof. Es gibt Diskussionsbedarf, meint ein muslimischer Philosoph.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Brexit  Großbritannien rechnet sich gute Bedingungen für Brexit-Verhandlungen aus | mehr

Kulturnachrichten

Lolek und Bolek Comics neu aufgelegt  | mehr

 

| mehr