Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Die Täter aus der Kirche

Bischofskonferenz stellt Gutachten zu sexuellem Missbrauch vor

Von Claudia van Laak

Messdiener in der Kirche - bis in die 80er-Jahre waren es ausschließlich Jungen. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Messdiener in der Kirche - bis in die 80er-Jahre waren es ausschließlich Jungen. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)

Eine neue Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche hat 78 Tätergutachten untersucht. Bei knapp der Hälfte der Geistlichen hatten die Gutachter keine Bedenken gegen eine weitere Beschäftigung in der Gemeinde.

Vor zehn Jahren hat sich die Deutsche Bischofskonferenz Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch gegeben. Diese sehen unter anderem vor, dass sich mutmaßliche Täter einer psychiatrischen Begutachtung unterziehen müssen. 78 dieser Tätergutachten wurden jetzt zusammenfassend untersucht.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, äußerte sich dazu in der Sendung "Religionen" im Deutschlandradio Kultur. Einen Aspekt findet er besonders bemerkenswert:

"Zu sehen, Priester sind normale Menschen. Das klingt jetzt irgendwie trivial, für einen Bischof vielleicht auch ein bisschen enttäuschend, und auch für viele Menschen, die erwarten, dass Priester Vorbilder sind, dass sie doch irgendwie bessere Menschen sind. Aber die Studie zeigt im Vergleich zur normalen männlichen Bevölkerung, dass das irgendwie im Spektrum des Normalen liegt."

Wichtige Ergebnisse dieser nicht repräsentativen Studie: Fast jeder zweite Täter verfügte mutmaßlich über kinderpornografisches Material. Jeder fünfte Täter gibt an, in seiner Kindheit und Jugend selber Gewalt erfahren zu haben, ebenfalls jeder fünfte spricht von traumatischen Lebensereignissen in Kindheit und Jugend.

Die Psychiater untersuchten auch die sexuelle Orientierung der Geistlichen - in diesem Punkt weicht das Ergebnis deutlich von der Normalbevölkerung ab. Danach war jeder zehnte Untersuchte bisexuell, etwas mehr als jeder dritte homosexuell. Bischof Stephan Ackermann versucht eine Erklärung:

"Damals gab es - also bis in die 80er-Jahre - an vielen Stellen keine Ministrantinnen. Und wenn es darum gehen sollte, dass sexuelle Ersatzhandlungen vorgenommen worden sind, und Übergriffigkeiten, kann das auch damit zusammenhängen, dass da die Jungen waren, die männlichen Jugendlichen, die die Zielgruppen waren, die, mit denen die Priester am meisten in ihrem alltäglichen Dienst zu tun hatten."

Aufgabe der Psychiater war es auch, am Ende jedes Gutachtens eine Empfehlung abzugeben. Ist der Geistliche geeignet, weiter in der Gemeinde tätig zu sein, besonders in der Jugendarbeit? Bei knapp der Hälfte der Täter hatten die Gutachter keine Bedenken gegen eine weitere Beschäftigung in der Gemeinde.

"Wenn jemand ein Verbrechen begeht, sich schuldig macht - in der Sprache der Theologie gesprochen: sündigt - und es von Herzen bereut. Dann gibt es ja nach unserem Verständnis auch die Umkehr und eine Chance zum Neuanfang."

Die Deutsche Bischofskonferenz will Lehren aus dieser Studie ziehen und die Priesterausbildung verbessern. An einem Dogma wird dabei nicht gerüttelt: am Zölibat.

"Es gibt keinen Kausalzusammenhang zwischen zölibatärer Lebensweise und sexuellem Missbrauch."

Sagt der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz.



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:02 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 12:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Einwanderung"Bestehende Regelungen verbessern"

Jens Spahn im Deutschen Bundestag am Rednerpult. (picture alliance/dpa/Soeren Stache)

Den Vorschlag der SPD für ein Punktesystem zur Einwanderung lehnt der CDU-Politiker Jens Spahn ab. Eine Neuregelung hält Spahn, der Mitglied im CDU-Präsidium ist, aber grundsätzlich für notwendig. 

Charlie ChaplinRitterschlag für einen Humanisten

Aufnahme des englischen Schauspielers, Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Charlie Chaplin als "Tramp".  (picture alliance / dpa / UPI)

Seine Filmpremieren waren immer ein Ereignis, in den 20er-Jahren avancierte er zum berühmtesten Weltstar seiner Zeit: Charlie Chaplin. Doch die größte Ehre empfing er von der britischen Königin. 

IsraelEinschüchterung ist Netanjahus Kalkül

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach einer Rede beim American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) in Washington (afp / Nicholas Kamm )

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu spielt mit den Ängsten der Menschen, sagt der Schriftsteller Yiftach Ashkenazi. Er wolle damit profane Fragen nach hohen Mieten und dem kollabierenden Gesundheitssystem ersticken.

WarnstreikZwei Klassen im Lehrerzimmer

Schüler lernen im Geschichtsunterricht an einer Hauptschule in Arnsberg (Sauerland).  (dpa / picture alliance / Fabian Stratenschulte)

Lehrer sollten keine Staatsbeamten sein, kommentiert Christiane Habermalz im Deutschlandfunk. Die Vergabe von Zensuren sei kein hoheitlicher Akt. Der Lehrerberuf sollte anders als durch den Beamtenstatus aufgewertet werden.

Staatskrise in ArgentinienPräsidentin in der Defensive

Die argentinische Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner bei einer Rede am 1.3.2015 vor dem Parlament in Buenos Aires (picture-alliance / dpa / David Fernandez)

Der Tod des Staatsanwaltes Alberto Nisman hält Argentinien weiter in Atem. Südamerika-Korrespondent Julio Segador sagt: Die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner habe sich in der Affäre unsouverän verhalten.

Zuwanderung und Integration Diskussion um Einwanderungsgesetz

Zwei Menschen bei einem Integrationskurs in Berlin im September 2014 (dpa / picture-alliance / Jens Kalaene)

In der Berliner Großen Koalition wird diskutiert, ob es eines Einwanderungsgesetzes bedarf. Doch die Deutschen sind laut einer Umfrage im Auftrag der EU-Kommission besonders skeptisch.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Mindestens 32 Tote  durch Grubenunglück im Osten der Ukraine | mehr

Kulturnachrichten

Heute werden Grimme-Preise 2015 bekanntgegeben  | mehr

Wissensnachrichten

Daten  Sicherheitslücke "FREAK" auf Apple- und Android-Geräten | mehr