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Die Tage und Wochen danach

Mauerstücke – August '61, vor 50 Jahren wurde die Mauer gebaut (Teil 12)

Von Jörg Hafkemeyer

Zwischen Bangen und Hoffen - Mädchen auf Rollschuhen im Schatten der Berliner Mauer (ullsteinbild)
Zwischen Bangen und Hoffen - Mädchen auf Rollschuhen im Schatten der Berliner Mauer (ullsteinbild)

Als der erste Schock überwunden ist, beginnt die Zeit der größeren und kleineren Hoffnungen. Die Menschen in Ost und West versuchen, die Lage nach dem Mauerbau einzuschätzen. Der Ostteil der Stadt und die DDR aber bleiben abgeschlossen. Auf Jahre hinaus.

Berlin nach dem 13. August. Die zunächst provisorische Sperranlage rund um den Westteil der Stadt verfestigt sich zu einer Mauer. Und es verfestigt sich die politische Situation. Die US-Regierung will für Berlin nicht das Risiko eines Krieges mit der UdSSR eingehen. Das steht in dem Brief von Präsident Kennedy, den sein Stellvertreter Johnson nach Berlin gebracht hat.

"Der amerikanische Präsident schrieb, diese Mauer ist nur durch Krieg zu beseitigen und Krieg will niemand. Sie auch nicht. Aber im Übrigen ist es eine Niederlage des Ostens. Denn, zunächst einmal, eine Idee, die auf Weltgeltung eingestellt wird, kann nicht ihre eigenen Leute einmauern."

Egon Bahr, der engste Berater des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt. Der Berliner Senat ist enttäuscht, aber nach außen dringt nichts. Die Menschen in der eingeschlossenen Stadt sind begeistert, dass Johnson gekommen ist.

"Und zum anderen werden die das noch bereuen. Das haben wir als graue Salbe betrachtet, aber haben dann später festgestellt, im Prinzip hatte der Kennedy recht, aber unmittelbar war bei uns natürlich nicht nur der Schock, sondern der Schmerz."

"Durch Gerüchte erfuhr die D. ihre Lage zuverlässiger als aus den Zeitungen ihres Staates."

In "Zwei Ansichten", der Erzählung von Uwe Johnson, muss sich die weibliche Hauptfigur, eine Ostberliner Krankenschwester, mit der neuen Situation auseinandersetzen:

"Fasslicher noch als eine Rundfunkstimme aus der Weststadt trug ein Blickwechsel zwischen Tür und Angel der Schwesternzimmer in ihrem Bewusstsein die Veränderungen nach der Grenze nach, wo Straßen aufgerissen wurden, vermauert, verbreitet, verstellt, mit Hunden bewacht. Die Grenze war in die Erde gesenkt: die Stationen der Untergrundbahnstrecken, die mit der Weststadt Verbindung hatten, wurden verschlossen."

Einigen in der DDR macht das Hoffnung. Der störende Kapitalismus ist ausgesperrt, verbreitet die SED. Jetzt kann der Sozialismus ungestört aufgebaut werden. Günter Kunert glaubt nicht daran.

"Jetzt können wir unter uns viel offener reden. Wir haben jetzt innerhalb der DDR mehr Freiheiten, weil niemand mehr von außen eingreifen kann. Das habe ich keine Minute lang geglaubt. Sondern mir war klar: dass, was vorher an Repressionen vorhanden war, würde sich verstärken. Das war mir auch klar. Es würde schwieriger werden, nicht zu schreiben, sondern zu veröffentlichen."

Erich Loest, damals politischer Gefangener in Bautzen II, hat noch vier Jahre Haft vor sich. Er macht sich Hoffnungen:

"Weihnachten muss die große Amnestie kommen. Weihnachten sind wir alle zu Hause weil, so, dann findet die große Konferenz nicht statt. Ne Weile denkt der Häftling, Scheiße und dann denkt der das ist ja noch viel besser als vorher: Weihnachten."

Und auch im Zuchthaus Bautzen wird die Idee verbreitet, die Gefahr ist vorbei, die DDR wird ruhiger und stabiler werden, die Spionagegefahr ist beseitigt, also kommt Weihnachten die Amnestie.

"Das haben ja manche Intellektuelle draußen auch gedacht. Jetzt können wir in aller Ruhe den Sozialismus aufbauen und so was. Das war dann unsere Meinung."

Für Egon Bahr hat die DDR alle Kontakte abbrechen wollen.

"Ja, natürlich war das so. Das war ja auch der Sinn der Sache. Es sollte alles kontrolliert werden und nichts mehr passieren. Und das war ja der Punkt an dem wir nun im Rathaus gezwungen waren, nachzudenken. Wenn uns niemand hilft, dieses Ding weg zu kriegen, dann müssen wir doch wenigstens versuchen, Risse hinein zu kriegen. Es durchlässig zu machen und sei es nur für Stunden und sei es nur für wenige, die ihre Angehörigen wieder auf der anderen Seite besuchen wollten."

Aus einer improvisierten Grenzschließung wurde eine dauerhafte, unpassierbare Sperre mitten durch eine Großstadt, eine Festungsanlage ohne historisches Vorbild - das Fazit des englischen Historikers Frederick Taylor.

"Und das wiederum führte natürlich zu dem ersten Tabubruch. Wir mussten mit denen verhandeln, die Passierscheine geben können."

Willy Brandts und Egon Bahrs vorsichtiger Beginn der neuen Ostpolitik.


Links bei dradio.de:

Mauerstücke - Die Reihe in der "Ortszeit" zum Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren

50 Jahre Berliner Mauerbau - Beiträge, Interviews, Reportagen

Sammelportal 50 Jahre Mauerbau

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

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