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Die Wahl der Verantwortung

Eindrücke von der russischen Präsidentschaftswahl

Von Gesine Dornblüth

Mann in einem Wahllokal in Podolsk, 20 Kilometer südlich von Moskau (picture alliance / dpa / Maxim Shipenkov)
Mann in einem Wahllokal in Podolsk, 20 Kilometer südlich von Moskau (picture alliance / dpa / Maxim Shipenkov)

Die russische Gesellschaft ist aufgewacht, mancher ringt sich zu ganz neuen Entschlüssen durch - und unterstützt die Opposition. Vor allem in Moskau ist die Wahlbeteiligung deutlich höher als bei der Dumawahl im Dezember. Diese Abstimmung ist den Russen so wichtig wie noch nie.

Alexander und Natalja sind beide 62 Jahre alt und gleich nach dem Frühstück wählen gegangen.

"Wir haben wie sehr viele unserer Freunde und Bekannten gesagt: Diese Wahl lassen wir nicht aus. Besonders die jungen Leute haben wir bearbeitet: dass sie nicht schlafen oder faulenzen sollen, sondern wählen gehen sollen, damit ihre Stimme nicht dorthin geht, wo sie nicht hingehört."

"Die Wahlen sind besonders. Das ganze Land hat sich über die unehrliche Stimmauszählung bei der Dumawahl erregt. Wir auch. Und wir hoffen, dass diesmal alles ordentlich verläuft."

Die beiden haben für Kandidaten der Opposition gestimmt. In Moskau ist Putin besonders unbeliebt. Dennoch gilt er als der klare Favorit dieser Wahl. Umso wichtiger sei es, ein Zeichen zu setzen, meint ein junger Informatiker. Er war 16 Jahre nicht wählen, auch er hat heute gegen Putin gestimmt:

"Ich denke, auf den Wählern lastet dieses Mal eine so große Verantwortung, dass jeder wählen gehen muss. Wahrscheinlich wird das Ergebnis nichts an unserem Leben ändern. Aber ich denke, es ist ein Signal für denjenigen, der gewählt wird: Dass die Menschen ihre Haltung zur Macht geändert haben und dass der Präsident daraus Schlüsse ziehen muss."

Die Gesellschaft ist aufgewacht, mancher ringt sich zu ganz neuen Entschlüssen durch. Ein Rentner:

"Ich habe mein Leben lang die Kommunisten gewählt. Aber heute habe ich Prochorow gewählt. Die anderen sind mir einfach über."

Michail Prochorow gilt als der drittreichste Mann Russlands. Wieder andere stimmen mit Leidenschaft für Putin. Die staatlich gelenkten Medien haben ihn in den vergangen Wochen als starken Mann präsentiert, der Russland verteidigen müsse - das hat offenbar gewirkt. Ein Designer:

"Ich habe erst im letzten Moment entschieden, dass ich wählen muss, und zwar Putin. Wir wollen kein Blutvergießen, wir wollen keine Unruhen. Einige Medien haben so viel Schmutz über Putin ausgegossen. Wenn er wirklich ein Dieb wäre, wie viele sagen, dann hätte er sich doch nicht als Premierminister halten können."

Damit sich die Manipulationen vom Dezember nicht wiederholen, beobachten heute mehrere tausend Freiwillige das Geschehen in den Wahllokalen. Sie meldeten schon am Vormittag die ersten Verstöße. In Irkutsk zum Beispiel sollen in drei Wahllokalen Wahlwerbespots im Fernsehen gezeigt worden sein. In St. Petersburg soll der Vorsitzende der Wahlkommission einem Mitglied der Kommission vorgeschlagen haben, das Protokoll blanko zu unterschreiben. In Moskau sollen Busse gesehen worden sein, die Wähler in Scharen zur mehrfachen Stimmabgabe fuhren.

Die Wahlbeobachterorganisation "Golos" hat, wie schon bei der Parlamentswahl, eine geographische Karte mit Verstößen gegen das Wahlgesetz ins Netz gestellt, die sie laufend aktualisiert. Im Dezember wurde die Seite am Wahltag blockiert. Das war heute nicht der Fall. Ungehindert arbeiten können sie aber auch nicht, sagt die Chefin von Golos, Lilija Schibanowa:

"Der Druck auf Golos setzt sich fort. Seit heute morgen sind die Mobiltelefone der meisten unserer Mitarbeiter blockiert. Und wir mussten unsere Skype-Zugänge erneuern. Also: Es läuft wie immer."

An Putins Wahlsieg bestehen indes kaum Zweifel. Interessant bleibt, ob er eventuell in einen zweiten Wahlgang muss.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:48 Uhr

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