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Edelreben-Raub in Deidesheim

Traubendiebe plündern eine der besten Weinlagen Deutschlands

Von Ludger Fittkau

Weinstöcke in Herbstfärbung (D. Wulf)
Weinstöcke in Herbstfärbung (D. Wulf)

Das pfälzische Deidesheim liegt inmitten einer der besten Weinlagen Deutschlands. Riesling und Spätburgunder reifen hier zu großen Gewächsen - und genau das hat offenbar Diebe veranlasst, Reben im Wert von 100.000 Euro zu stehlen. Für die Winzer nicht nur ein finanzieller Schaden.

Das Wasser plätschert im Brunnen eines idyllischen Innenhofs im pfälzischen Weinort Deidesheim. Im Hof des Weinguts von Winning sind die Esstische gut besetzt, solange das schöne Herbstwetter es möglich macht. Vor Kurzem speiste hier noch Bundespräsident Christian Wulff mit 180 Diplomaten. Dabei wurden auch die Spitzenweine des Gutes verkostet, das bundesweit zu den Renommierten zählt. Im nächsten Jahrgang werden jedoch viele Flaschen Spätburgunder vom Weingut von Winning fehlen. Denn vor wenigen Tagen haben Diebe mitten in der Nacht 2500 Kilo Trauben abgeerntet und unbeobachtet davongeschafft. Der Schaden: 100.000 Euro.

Stephan Attmann, der Geschäftsführer des geschädigten Weingutes, hat 10.000 Euro Belohnung für die Überführung der Täter ausgesetzt:

"Das wäre auch ganz arg wichtig für alle ehrlichen Kollegen, dass man zeigt, es lohnt sich nicht, wenn man so eine Schweinerei macht."

Für den Rebenraub brauchten die bisher unbekannten Diebe weniger als eine Stunde. Denn sie benutzten eine Erntemaschine, einen sogenannten Voll-Ernter. Winzer Stephan Attmann deutet am Tatort auf die Rebstöcke:

"Hier haben wir mit der Hand gelesen, da sehen sie ganz klar unsere Arbeit mit der Rebschere. So liest man wertvolle Weinberge, mit der Hand und selektiert, die guten Trauben links, die nicht so Schönen rechts. Oder man lässt die Unreifen noch ein bisschen weiterhängen. Wenn wir jetzt ein bisschen weitergehen ... Hier haben sie hier den Voll-Ernter eingeschaltet. Also das Stilgerüst lässt der Voll-Ernter dran, er schüttelt durch ganz gezielt eingestellte Vibrationen vom Stilgerüst runter."

Durch Gipsabdrücke von Reifenspuren konnte inzwischen schon das Fabrikat der Erntemaschine bestimmt werden. Die Polizei untersucht jetzt rund 20 Maschinen, die an der pfälzischen Weinstraße als Tatwerkzeug infrage kommen. Das kann noch einige Tage dauern, so die zuständigen Ermittler der Polizei im pfälzischen Hassloch.

In der Gegend um Deidesheim hat es einen solch spektakulären Fall von Rebenklau noch nicht gegeben. Walter Widmer, einer der Restaurantgäste auf dem Weingut von Winning, kann sich nur an Fälle erinnern, bei denen ortsfremde Fahrer von Erntemaschinen versehentlich den falschen Weinberg bearbeiteten:

"Und dann ist das schon mal passiert, das der irrtümlich ins Falsche fuhr – aber das da, das war Absicht."

Diese kriminelle Absicht trübt nun erst einmal das kollegiale Klima, das die Winzer an der Weinstraße pflegen. Möglicherweise ging es den Tätern gar nicht um den materiellen Vorteil, vermuten die Ermittler. Vielleicht ging es ihnen einfach darum, einen zurzeit besonders erfolgreichen Winzer zu schädigen. Stephan Attmann, der Geschäftsführer des bestohlenen Weingutes von Winning, will ein solches Szenario nicht glauben:

"Ich schätze meine Kollegen, ich vertraue ihnen, ich habe Respekt vor ihnen und ich denke, das ist zu 99,9 Prozent auch umgekehrt so. Entweder die Verzweiflungstat eines Dummen oder die brutale Tat eines Ausnahmewinzers im negativen Sinne."

Fast mehr als die materielle Schädigung fürchtet Stephan Attmann eine nachhaltige Vergiftung des nachbarschaftlichen Vertrauens an der Weinstraße. Und außerdem: Es fehlt in Deidesheim im nächsten Jahr eine Menge Spitzenwein, den nicht nur der Bundespräsident schätzt. Auch Altkanzler Helmut Kohl ist nach wie vor regelmäßiger Gast in dem beliebten Weinort. Stephan Attmann sieht aber die Existenz seines Betriebes durch den Diebstahl nicht gefährdet.

"Man kann schon irgendwie versuchen, Umsatzausfälle auszugleichen. Wir sind ja gewohnt, dass die Menge schwankt. Wir hatten zum Beispiel im Jahr 2010 aufgrund der Jahrgangscharakteristik und aufgrund unserer strengen Auslese, hatten wir nur ne halbe Ernte. Das ist ja dieses Jahr schon mal besser. Aber der ideelle Wert, die Menschen haben hier gearbeitet, der Weinberg hat uns Minimum die dreifache Arbeit abverlangt wie wenn wir einen gewöhnlichen Weinbau machen würden. Das ist, wie gesagt unser Spitzenweinberg für Rotwein. Somit sind uns 70 -80 Prozent dieses Pinot Noir, also ein Spätburgunder, verloren gegangen."

Eines will Stephan Attmann auf keinen Fall: nun Zäune bauen oder gar Überwachungskameras installieren. Das würde die zwei Jahrtausende alte, offene Weinbaukultur an der pfälzischen Weinstraße seiner Meinung nach mit Füßen treten:

"Eine der teuersten, wenn nicht gar die teuerste Lage in Deutschland ist das Forster Kirchenstück, das sind gerade 500 Meter von hier. Da kann ich auch drin rumlaufen. Dieser Weinberg ist mit das Beste, was der Riesling erleben darf, dieser Boden. Und wir wollen das nicht einzäunen. Wir leben davon, dass die Menschen hier herkommen, dass sie diese Region erleben, dass sie die Weine lieben, dass sie das auch irgendwie anfassen und sehen können. Es wäre eine Schande, wenn wir wegen solchen Menschen einen Weinberg einzäunen oder irgendwie überwachen müssten. Nein, wir sollten den Täter überführen. Das wäre das Beste."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:44 Uhr

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