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Ein Bundespräsident mit Ecken und Kanten

Vor 100 Tagen wurde Joachim Gauck vereidigt

Von Burkhard Birke

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Antrittsrede im Bundestag (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Antrittsrede im Bundestag (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Er hasst politische Sprechblasen und er bleibt sich treu: Seit 100 Tagen ist Joachim Gauck Bundespräsident. Auch im Amt praktiziert er die Freiheit, die er in seinen Reden so hochhält - und das gefällt einer großen Mehrheit der Deutschen.

"Ich kann Sie nur bitten, die ersten Fehler gütig zu verzeihen und von mir nicht zu erwarten, dass ich ein Supermann und fehlerloser Mensch bin."

Allzu viel verzeihen musste man dem Präsidenten in den ersten 100 Tagen nicht. Gauck ist nun einmal Gauck und sich selbst treu geblieben: Eine emotionale und nahbare Person, ein Intellektueller, ein Mensch mit viel Einfühlungsvermögen, in der Lage Gefühle zu zeigen wie beim Besuch der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem.

Gauck, und das wurde am Rande seines Israelbesuches auch deutlich, ist aber eine Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, einer, der mit seiner Meinung keineswegs hinter dem Berg hält, auch wenn er damit gegen den Strom schwimmt:

"Ich will mir nicht jedes Szenario ausdenken, welches die Bundeskanzlerin in enorme Schwierigkeiten bringt, ihren Satz, dass die Sicherheit Israels deutsche Staatsraison ist, politisch umzusetzen."

Er sei in einem Prozess, sich selbst zu definieren, und er hoffe, dass am Ende noch ein bisschen Gauck übrig bleibt, hat der höchste politische Würdenträger im Land kürzlich zu Protokoll gegeben.

Es dürfte eher viel Gauck, viel von demjenigen übrig bleiben, der Sprechblasen hasst, und dann gelegentlich seine Emotionen in nicht immer ganz passende Worte fasst.

"Noch viel weniger gerne denken wir daran, dass es wieder deutsche Gefallene gibt, das ist für unsere glücksüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen",

sagte Joachim Gauck unlängst vor den Führungskräften der Bundeswehr. War da der frühere Pfarrer bei der Predigt zu seinem Thema, der Freiheit, vom Redemanuskript abgewichen?

"Freiheit, so haben wir gelernt, ist ohne Verantwortung nicht zu haben. Hier in der Bundeswehr treffe ich überall auf Menschen mit der Bereitschaft, sich für etwas einzusetzen, gewissermaßen treffe ich auf Mutbürger in Uniform."

Mutbürger als Gegensatz zu Wutbürger? Und war da nicht etwas von Planwirtschaft bei der Energiewende? Kreativität bei der Wahl kritischer, mahnender, versöhnender Worte: Europa, die Beziehungen zu Polen und Holland gelten ihm als Herzensangelegenheit. Er lobt, wenn andere durch Schweigen tadeln, etwa bei der Entlassung des Umweltministers Röttgen, und zeigt Souveränität im Amt, wenn er offenbar ohne Rücksprache mit der Kanzlerin ankündigen lässt, die Unterschrift unter den Fiskalpakt auf Wunsch des Verfassungsgerichtes hinauszuzögern.

Souveränität zeichnet Gauck aus. Dieser Präsident praktiziert die Freiheit, die er in seinen Reden so hochhält und die Leute schätzen das an ihm. Laut einer Forsa-Umfrage sind 78 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden mit seiner Amtsführung – auch die meisten unserer Hörer:

Ich erwarte von ihm, dass er einfach so weitermacht wie bisher. Was ich so wunderbar finde ist, da ist nichts Gekünsteltes in der Rhetorik.

Im Unterschied zu seinem Vorgänger bin ich schon der Meinung, dass er viele Problem, die in Deutschland ruhen, mithelfen kann zu lösen.

So richtig tolle Reden hat er bisher nicht gehalten, aber das kann auch noch kommen.


Für eine Ruck- oder Berlinerrede, die seiner Präsidentschaft den Stempel aufdrückt, bleiben Gauck noch 1726 Tage Zeit, es sei denn, ihm widerfährt das Schicksal seiner Vorgänger.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:54 Uhr

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