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"Ein Fall letztlich wie viele andere"

Einer der Pflichtverteidiger von Beate Zschäpe im Porträt

Von Barbara Schmidt-Mattern

Seit neun Jahren arbeitet der Jurist als selbstständiger Strafverteidiger. (dapd)
Seit neun Jahren arbeitet der Jurist als selbstständiger Strafverteidiger. (dapd)

Wolfgang Heer ist einer der Pflichtverteidiger von Beate Zschäpe im NSU-Prozess am Oberlandesgericht in München. Zur Übernahme des Mandats haben den Kölner Anwalt weder finanzielle noch rechtsextremistische Beweggründe bewogen.

Jedes Wort ist sorgfältig gewählt: Langsam, manchmal sehr steif formuliert Wolfgang Heer jeden einzelnen Satz. Dieses Interview ist kein Gespräch, eher ein Herantasten an die richtige Antwort. Wolfgang Heer will, wenn überhaupt, nur soviel wie nötig preisgeben über seine Strategie, über seine Mandantin Beate Zschäpe, über sich selbst. Dass der 39-jährige Anwalt die derzeit prominenteste Angeklagte der Republik verteidigt, sei für ihn nicht außergewöhnlich:

"Es ist im Prinzip, auch wenn sich das vielleicht für Sie etwas merkwürdig anhören mag, ein Fall letztlich wie viele andere. Ich übernehme ein Mandat, ich analysiere die Ermittlungsakten, bespreche es mit der Mandantin, da gibt es eigentlich gar nichts Besonderes, außer dass die Akte natürlich außerordentlich umfangreich ist."

Heer spricht von mehreren hunderttausend Seiten, die er gelesen, analysiert und mit seiner Mandantin teils Zeile für Zeile besprochen hat. Allein die Anklageschrift umfasst etwa 500 Seiten. Der Generalbundesanwalt wirft Beate Zschäpe unter anderem den zehnfachen Mord an den Opfern des Nationalsozialistischen Untergrunds vor. Wolfgang Heer – auch das ist Teil seines Jobs – hält die Anklage für gewagt:

"In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Unschuldsvermutung natürlich mit Füßen getreten. Im Übrigen steht auch keineswegs fest, dass eine solche terroristische Vereinigung überhaupt existiert hat, denn dies wird Gegenstand der Beweisaufnahme sein."

Am Mittwoch beginnt das Strafverfahren vor dem Oberlandesgericht in München, es ist das größte seit den RAF-Prozessen in den 70er-Jahren. [Anmerkung d. Red.: Der Beginn des Strafverfahrens wurde am Montagmittag (15.04.2013) vom OLG München auf den 06.05.2013 verschoben.] Als Jurist meidet Wolfgang Heer jede politische Einordnung, und er mag den Prozess auch nicht als "historisch" bezeichnen. Doch Heer nutzt die Dimension dieses Verfahrens durchaus für seine Verteidigungslinie.

"In diesem konkreten Mandat treibt mich an, dass Frau Zschäpe einer ganz enormen Übermacht des Staates ausgesetzt war und ist. Ich habe den Medien entnommen, dass zeitweise bis zu 500 Ermittler der Bundesanwaltschaft, verschiedener Polizeibehörden und des Verfassungsschutzes an dieser Sache gearbeitet haben. Demgegenüber hatte die Bundesanwaltschaft, was ich massiv kritisieren musste und nach wie vor tue, meine alleinige Mitwirkung als Verteidiger in diesem außerordentlichen Umfangsverfahren für ausreichend gehalten."

Mittlerweile sind sie zu dritt. Neben Heer als Pflichtverteidiger wird Beate Zschäpe vom Koblenzer Anwalt Wolfgang Stahl und der Berliner Juristin Anja Sturm vertreten. Eine junge Anwaltsgeneration, alle drei sind um die 40 und kennen sich seit Jahren.

"Jetzt fragen Sie nach der Aufgabenverteilung des Teams – das lassen wir besser auch."

Kein Kommentar, also. Doch Kollege Stahl aus Koblenz ließ sich im "Spiegel" mit den Worten zitieren, Wolfgang Heer sei der "Kettenhund" im Team, er könne Richter und Staatsanwälte zur Weißglut treiben. Wer dem jungen Kölner in seiner penibel aufgeräumten Kanzlei gegenübersitzt, kann sich das gut vorstellen. Keine Emotionen, keine Sehnsucht nach Kameras und Mikrofonen, dafür eine kühle, aber nicht unfreundliche Ausstrahlung:

"Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Verteidiger mit der gebotenen Distanz zu den Tatvorwürfen und mitunter auch zu seinem Mandaten tätig werden sollte, um ihn optimal in dieser schweren Situation eines Angeklagten beizustehen."

Im Fall Zschäpe sind es weder finanzielle und schon gar nicht rechtsextremistische Beweggründe, die Wolfgang Heer zur Übernahme des Mandats bewogen haben. Seit neun Jahren arbeitet er als selbstständiger Strafverteidiger, er hat Drogendealer, korrupte Manager und einen Islamisten verteidigt. Dass Beate Zschäpe zu allen Vorwürfen schweigt, geschieht auf Heers ausdrücklichen Rat hin, trotz der öffentlichen Kritik. Erste Grundregel: Klappe halten, so drückt Wolfgang Heer es aus. Auf alle weiteren Nachfragen reagiert er jetzt abweisend:

"Über das Befinden und Denken meiner Mandantin möchte ich mich nicht äußern."

Seine private Sicht auf den Prozess und auf Beate Zschäpe sei völlig irrelevant, fügt Wolfgang Heer dann noch hinzu. Zweifel an der Übernahme des Mandats habe er bisher nie gehabt.

Beitrag wurde in den "Informationen am Morgen" des Deutschlandfunks gesendet

 

Letzte Änderung: 23.10.2013 23:11 Uhr

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