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Ein makaberes Touristen-Ziel

Reisen in die Sperrzone von Tschernobyl

Von Robert Baag

Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl. (AP)
Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl. (AP)

Hals über Kopf mussten vor 25 Jahren 50.000 Einwohner die Stadt Pripjat verlassen. Fast alle waren Angestellte des Kernkraftwerks in Tschernobyl. Heute kann man die Geisterstadt besichtigen. Vereinzelte Strahlungsherde soll es dort jedoch noch immer geben.

"Achtung, Achtung! - Verehrte Genossen! - Der Stadtrat teilt mit, dass sich im Zusammenhang mit einer Havarie im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Stadt Pripjat ein ungünstiger radioaktiver Zustand ergeben hat. Die sowjetischen Organe unternehmen bereits Maßnahmen dagegen. Um jedoch eine völlige Sicherheit der Menschen, in erster Linie der Kinder, zu gewährleisten, ergibt sich die Notwendigkeit, eine zeitweilige Evakuierung der Einwohner in nahegelegene Siedlungspunkte des Gebiets Kiew durchzuführen."

Wer vor 25 Jahren diese gespensterhafte Frauenstimme und ihr fürchterliches sowjetisches Bürokratenrussisch im Radio gehört hat, wird dies nie mehr vergessen. Fast anderthalb Tage sind jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits vergangen, seit der Reaktor Nummer vier des nahe gelegenen Kernkraftwerks explodiert ist, die Menschen also längst im Fallout stehen, der Strahlung ausgesetzt sind. Nun verlassen sie Hals über Kopf die damals 50.000 Einwohner zählende Stadt Pripjat, gut 130 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Fast alle sind Angestellte des Kernkraftwerks mitsamt ihren Familien.

Ivan Vitkovskij ist einer von ihnen. Der Elektromonteur gehört zu den ersten so genannten "Liquidatoren", einer von mehreren Tausend freiwilligen, später auch zwangsverpflichteten Helfern, die unter Einsatz ihres Lebens den Schaden begrenzen sollen. Die meisten Kameraden Vitkovskijs leben inzwischen nicht mehr. Er selbst ist schon lange Invalide der dritten Kategorie, leidet schwer unter den Folgen seiner Verstrahlung.

"Diese Radio-Durchsage damals - ein einziger Hohn","

lacht er laut und hektisch. Was passiert ist, wissen er und seine Kollegen nach diesen anderthalb Tagen doch schon längst. - Kurze Zeit später darf Vitkovskij noch einmal kurz hinein in die eigene Wohnung. Der Anblick hat sich in seinem Gedächtnis festgefressen:

""Die Lebensmittel - sie waren völlig verwest! Innerhalb von 36 Stunden! Auf unserm Balkon hatten wir zum Dörren einen Fisch aufgehängt. Der sah jetzt aus wie aufgegangene Hefe! War richtig aufgebläht, verdammt noch mal. So hat die Strahlung sogar noch auf tote Materie gewirkt."

Nur das Nötigste haben die Pripjater mitnehmen können. Der Rest des Hausrats bleibt in ihren Wohnungen innerhalb der seit damals gesperrten 3o-Kilometer-Zone. Bis heute darf sie nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden. Aus
der "zeitweiligen Umsiedlung" ist "für immer" geworden.

"130 Mikro-Röntgen pro Stunde. Hier an dieser Stelle ist die Strahlung zehnmal höher als - sagen wir - in Kiew. Als gefährlich wäre die Dosis wohl anzusehen, wenn sie eine Million Mal höher wäre."

Der gelernte Historiker Jurij Tatarczuk von der Kiewer Agentur "Tschernobyl-Interinform" blickt aufmunternd. Im Auftrag des ukrainischen Katastrophenschutz-Ministeriums soll der 38-Jährige dafür werben, dass jeder, der die Geisterstadt Pripjat besuchen möchte, dies gefahrlos tun kann - gegen entsprechendes Entgelt, versteht sich.

Auf manchen der bis zu zehnstöckigen betongrauen Plattenbauten thront immer noch der so genannte "Kohlkopf", das Staatsemblem der untergegangenen Sowjetunion: Hammer und Sichel umkränzt von Getreide-Ähren. Tatarczuks braun-olivfarbene Tarnfleck-Jacke öffnet sich leicht. Er trägt ein schwarzes T-Shirt. Auf der Brust eine rot-weiße Aufschrift auf gelbem Grund "Hard Rock Café Tschernobyl". Das mutet umso bizarrer an, als er jetzt noch einen weiteren Grund nennt, Pripjat zu besuchen:

"Das ist ja auch was für Leute, die sich für die Geschichte der Sowjetunion interessieren. Wahrscheinlich ist das hier der einzige Ort auf Erden, wo man die Reste dieser Kultur besichtigen kann. Ja, sicher, auch wenn wir wissen, dass die UdSSR ein totalitäres System gewesen ist, aber eine eigene Kultur war sie. Das darf man doch nicht negieren. Hier also: Immerhin die letzten Reste dieses Imperiums."

Mit jeder neuen Technik müsse man vorsichtig und verantwortungsbewusst umgehen. Aber Angst?

"So viele Menschen haben sich inzwischen hier schon aufgehalten, haben hier gearbeitet, waren hier auf Besuch. Angst zu haben, gibt es keinen Grund. All das hier zu sehen - losgelöst von der Realität, mitten im Zentrum Europas, plötzlich so eine Zivilisationslandschaft, die heute völlig verwildert, sich selbst überlassen ist. Das zu sehen, wird beim ersten Mal nie etwas Typisches sein. Das berührt sehr emotional."

"Tschernobyl, das ist doch mit einem Denkmal gleichzusetzen","

meint dagegen Artur Denisenko. Der 27-jährige Politologe ist im Vorstand der ukrainischen Nichtregierungsorganisation "Nationales Ökologie-Zentrum der Ukraine". Es könne nicht sein, dass man Gott weiß wen zu Spritztouren dorthin fährt.

""In der Zone","

warnt er,

""gibt es nämlich immer noch vereinzelte Strahlungsherde, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Dorthin Touristen zu bringen, heißt, sie einer gesundheitlichen Gefahr auszusetzen. Wenn aus der schon sehr porösen Betondecke des 'Sarkophags', dieser Schutzhülle über dem Unglücksreaktor, etwas nach unten fällt - und das ist absolut wirklichkeitsnah! - , dann wird Staub aufgewirbelt. Der aber gelangt in die Umwelt. Denn der Sarkophag ist nicht längst mehr hermetisch dicht. Das verheißt auf gar keinen Fall etwas Gutes für die Umgebung und für die Menschen, die dort leben oder sich dort aufhalten."

Der neue Sarkophag, der einmal über die alte Schutzhülle gezogen werden soll und für dessen Bau die Weltgemeinschaft der Ukraine erst in der vergangenen Woche weit über eine halbe Milliarde Euro Finanzhilfe versprochen hat, werde an der prinzipiellen Gefahr für die Umwelt nichts ändern. Davon ist Denisenko fest überzeugt:

"Die Frage bleibt auf der Tagesordnung, solange sich im Inneren des vierten Reaktors noch Kernbrennstoff befindet. Denn bis heute gibt es keine Technologien, die es möglich machen, ihn von dort zu entfernen. Der nukleare Brennstoff bleibt dort als ständige Gefahrenquelle. Wie lange dieser Zustand noch andauern wird, das dürfte für einen Menschen realistischerweise kaum vorstellbar sein."



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:41 Uhr

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