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Ein Roadmovie der etwas anderen Art

Dokumentarfilm "Winternomaden" über Schäfer in der Schweiz ist in ausgewählten Kinos zu sehen

Von Jörg Taszman

Szene aus dem Dokumentarfilm "Winternomaden" (Verleih Neue Visionen)
Szene aus dem Dokumentarfilm "Winternomaden" (Verleih Neue Visionen)

Die Kamera begleitet in "Winternomaden" einen Schweizer Schäfer, der seine Herde auch in den kalten Monaten übers Land führt. An seiner Seite ist eine junge Frau, die mit ihm die unwirtliche Reise unternimmt. Der Dokumentarfilm wurde mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet.

Seit 32 Jahren zieht Pascal mit Schafen in den vier Wintermonaten über die Dörfer. Dort grasen die Tiere das Gras der Wiesen ab und setzen Gewicht an. Gelernt hat der Industriellensohn dieses alte Handwerk von Schäfern aus Bergamo. Mit 800 Schafen, vier Hunden und drei Eseln begibt sich Pascal auf seinen alljährlichen Weg. Mit dabei ist Carole, eine junge Frau, die Einzige in der Schweiz, die als Schäferin die Winterreise mit den Tieren unternimmt. Beide verzichten auf moderne Technik und nutzen Esel ganz traditionell als Lasttiere. Nicht immer sind sie willkommen. Es gibt stark reglementierte Routen und einige Bauern verweigern der Schafherde die Durchreise. Sie befürchten, dass die Tiere den Boden zertrampeln oder Krankheiten übertragen.

Der Musiker Manuel von Stürler stammt aus Lausanne, lebt aber etwas ländlich von der Stadt entfernt und traf Pascal vor einigen Jahren eher zufällig. Er tauchte mit seiner Schafherde einfach auf. Dieses plötzliche Erscheinen von Pascal mit seinen Schafen wirkte auf Manuel von Stürler wie Magie. Nachdem er ihn dann zwei Jahre lang ab und zu auf seiner Wanderung besuchte, entstand die Idee zu einem Filmprojekt. Dabei hatte der Regisseur klare ästhetische Vorstellungen für seinen ersten Film:

"Es gab zwei sehr wichtige Auswahlkriterien. Wir benutzen Objektive mit einer festen Brennweite, also keinen Zoom. Das schafft eine Homogenität der Ästhetik. Es ging aber auch um eine echte Beziehung zwischen dem Kameramann und den Protagonisten, weil sich die Kamera so dauernd vor und zurückbewegt. Wir wollten auch keine Bildstabilisatoren verwenden wie eine Steadycam. Man sollte auch in den Bildern das Verhältnis zum Boden, zum Land spüren. Ich wollte keine Bilder, die zu sehr schweben."

Die Kameraführung ist schlicht, allein durch die vielen Totalen mit den Hunderten von Schafen entstehen in der Landschaft der Südostschweiz beeindruckende Bilder für die große Leinwand. So schafft der Regisseur eine ganz einfache Form von Sinnlichkeit, sein Film lädt zum Nachdenken und Staunen ein. Manuel von Stürler verzichtet auf Interviews mit den Protagonisten oder einen Off-Kommentar. Wenn sich Pascal und Carole abends Feuer machen, ein Zelt aufbauen und mitten in der Natur leben, arbeiten und schlafen ist "Winternomaden" auch fern jeglicher Naturromantik. Dennoch spürt man eine Verbundenheit mit der Natur, die in der Schweiz noch besonders stark erscheint.

Manuel von Stürler: "In einem kleinen Land wie der Schweiz sind die Regionen sehr wichtig. Wenn ich aus dem Ausland zurückkehre, fällt mir immer wieder auf, wie wichtig den Schweizern die Berge, die Natur und die Traditionen sind. Ich sehe aber auch, nachdem ich mit meinem Film auf über 25 internationalen Filmfestivals war, dass 'Winternomaden' kein Film nur über eine Schweizer Tradition ist. Ich wurde nie danach gefragt: Spielt die Handlung in der Schweiz? Es ist mehr eine universelle Geschichte über das Nomadentum, das uns an unsere Wurzeln erinnert."

Es geht in "Winternomaden" nicht plakativ um den Kampf zwischen Mensch und Natur oder die Verherrlichung einer quasi archaischen Lebensweise. Es ist auch von Anfang an klar, dass die Schafe zum Verzehr bestimmt sind oder wie es der Chef der beiden Schäfer direkter ausdrückt: "im Kochtopf landen". Manuel von Stürler beobachtet 90 Minuten lang völlig unaufgeregt den Alltag von Pascal und Carole, die mit ihrer roten Mütze mitten in der imposanten Landschaft immer wieder auffällt.

Völlig zu Recht wurde dieser schöne Dokumentarfilm mit dem "Europäischen Filmpreis" ausgezeichnet und erreichte allein in der kleinen Schweiz sensationelle 40.000 Zuschauer. Der sympathische Regisseur, der mit seinem Film auch einen anderen Lebensentwurf feiert, hat mit seinem Erstlingswerk einen ganz anderen, besinnlichen Weihnachtsfilm geschaffen.

Dokumentarfilm, Deutschland/Schweiz/Österreich 2012, 90 Minuten

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

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