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"Eine immerwährende Verantwortung"

Gedenken an die Millionen Opfer des Holocausts

Endstation Auschwitz: Mehr als eine Million Juden wurden hierher, meist in Güterwaggons, deportiert und ermordet (picture alliance / dpa / CTK)
Endstation Auschwitz: Mehr als eine Million Juden wurden hierher, meist in Güterwaggons, deportiert und ermordet (picture alliance / dpa / CTK)

Weltweit wird in diesen Tagen der Opfer des Naziterrors gedacht. Anlass sind die Jahrestage der sogenannten Machtergreifung Hitlers vor 80 Jahren und der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 68 Jahren. Für die Millionen Morde der Nationalsozialisten tragen die Deutschen nach den Worten von Kanzlerin Merkel eine immerwährende Verantwortung.

In diesen Tagen rückt die Erinnerung an die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten wieder verstärkt in das Bewusstsein. Heute ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts; am Mittwoch der 80. Jahrestag der sogenannten Machtergreifung Adolf Hitlers. Holocaust-Überlebende zeigten sich empört über einen grassierenden Antisemitismus in Deutschland. Politiker riefen zu entschlossenem Widerstand gegen Rechtsextremismus auf. Vor allem jungen Generationen müssten besser über die Grausamkeiten aufgeklärt werden, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.

In Auschwitz gedachten Holocaust-Überlebende, Politiker und Jugendliche der Opfer. "Auschwitz ist der schrecklichste Ort in der Geschichte der Menschheit", sagte Israels Botschafter in Polen, Zvi Raf-Ner, vor der so genannten Todeswand. Dort waren Tausende Widerstandshäftlinge erschossen worden. Raf-Ner rief dazu auf, nicht nur der von den Nationalsozialisten ermordeten Menschen zu gedenken, sondern auch der Helfer, die oft unter Einsatz des eigenen Lebens Menschen gerettet hätten.

Die ehemalige Lager-Insassin Xenia Olchowa forderte Engagement gegen diejenigen, die die Verbrechen des Nationalsozialismus leugnen. "Bis heute sind Stimmen zu hören, die die Verbrechen der Nazis zu rechtfertigen versuchen", klagte sie. Gleichgültigkeit und Vergessen könnten zu neuen Verbrechen führen.

Antisemitismus "immer öfter salonfähig"

Überlebende von Auschwitz beobachten mit Sorge, dass sich ausegerechnet in Deutschland der Antisemitismus weiter ausbreitet. "Es ist beunruhigend und neu, dass der Antisemitismus in die Mitte der Gesellschaft wächst, dass er immer öfter salonfähig wird", sagte Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. "Wenn 30 Prozent der Befragten in einer kürzlich in Deutschland vorgelegten Studie meinen, dass 'die Juden die Erinnerung an den Holocaust heute für ihren eigenen Vorteil ausnutzen', ist das ein Angriff auf die Würde und ein Schlag ins Gesicht jedes Menschen, der Auschwitz und andere deutsche Konzentrationslager überlebt hat."

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, hatte erst am Freitag auf weitverbreitete antisemitische Einstellungen in Deutschland verwiesen. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung sei resistent gegen Aufklärung, sagte er dem Radiosender SWR2: "Und ich glaube, da werden wir wenig erreichen können".

Kölner Beschneidungsurteil "typisch deutsch"

Der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Michael Blumenthal, glaubt indes, dass Deutschland kein gravierendes Antisemitismus-Problem hat. Unter Deutschen gebe es nicht mehr Judenfeindlichkeit als in seiner Wahlheimat USA, sagte Blumenthal dem Magazin "Focus". Mit Blick auf die Beschneidungsdebatte im vergangenen Jahr meinte der 87-Jährige, dieser Streit hätte nicht so hohe Wellen geschlagen, wäre nicht der Fall eines muslimischen Jungen verhandelt worden. "Das Verbot von Beschneidung jüdischer Jungen hätte man nicht gewagt, nicht in Deutschland", sagte Blumenthal. Es sei "typisch deutsch, dass nach Tausenden von Jahren ein Kölner Richter diesen Ritus zur Körperverletzung erklärt".

Bundeskanzlerin Angela Merkel (dapd / Maja Hitij)Bundeskanzlerin Angela Merkel (dapd / Maja Hitij)Bundeskanzlerin Angela Merkel rief anlässlich der Gedenktage zu Wachsamkeit gegenüber Fremdenfeindlichkeit und Extremismus auf. "Mit Mut, mit Zivilcourage kann auch jeder Einzelne einen Beitrag dazu leisten, dass Rassismus und Antisemitismus keine Chance haben", sagte die CDU-Vorsitzende in ihrer wöchentlichen Videobotschaft im Internet. Wichtig sei, dass auch nach dem Tod der letzten Zeitzeugen des Nationalsozialismus die Erinnerung wach bleibe. "Wir stellen uns unserer Geschichte, wir vertuschen nichts, wir verdrängen nichts", sagte Merkel. Freunden und Partnern in der Welt wolle man zeigen, dass Deutschland aus der Geschichte gelernt habe. "Natürlich haben wir auch eine immerwährende Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus, für die Opfer des Zweiten Weltkrieges und vor allen Dingen auch für den Holocaust."

Eine Lehre aus dieser Zeit sei auch, dass Deutschland einschreite, wenn es in anderen Ländern der Welt Unrecht gebe und beispielsweise Minderheiten aus religiösen Gründen verfolgt würden. "Denn die Menschenrechte werden heute an vielen Stellen nicht geachtet", sagte die Kanzlerin.

Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki steht in Berlin vor einem Kreuz. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Der katholische Berliner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, mahnte ebenfalls zum Gedenken der nationalsozialistischen Verbrechen, "auch oder gerade, wenn es schmerzt". Berlin sei vor Hitlers Vereidigung als Reichskanzler eine lebendige Stadt gewesen. Dann wurde "das gesellschaftliche Leben gleichgeschaltet". Es habe danach lange gedauert, an diese Traditionen der Vielfalt wieder anzuknüpfen, so Woelki. Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs sagte, selbst Begriffe wie Völkermord und Staatsterrorismus blieben "stets weit hinter der bestialischen Realität von KZ, Gestapo, Folterschrei und Friedhofstille zurück".

Am 27. Januar 1945 ist das Konzentrationslager Auschwitz mit seinen Lagern Monowitz, dem Stammlager und dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von sowjetischen Truppen befreit worden. Auschwitz steht symbolhaft für den Völkermord der Nationalsozialisten an den Juden. Von 5,6 Millionen Opfern des Holocausts wurden 1,1 Millionen Menschen dort ermordet.

Nach einem UNO-Beschluss gibt es den Internationalen Gedenktag seit 2006; in Deutschland wird er seit 1996 als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Auch der Bundestag erinnert jährlich daran. In diesem Jahr werden die Abgeordneten dazu am 30. Januar zusammenkommen. Dann wird unter anderem die Schriftstellerin und Zeitzeugin Inge Deutschkron, inzwischen 90 Jahre alt, eine Rede halten.

Hindenburg der "Steigbügelhalter der NS-Diktatur"

Der 30. Januar 1933 ist ein weiterer Stichtag für die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. An diesem Tag ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler und ebnete ihm und seinen Anhängern damit den Weg zur Machtübernahme. Hindenburg selbst ist dadurch als historische Figur nicht unumstritten. Bundeskanzlerin Merkel sprach von einem "Versagen einer demokratischen Ordnung".

Bundespräsident Gauck und ein Holocaust-Überlebender (dpa / Michael Kappeler)Bundespräsident Gauck und ein Holocaust-Überlebender (dpa / Michael Kappeler)Vom Hindenburgdamm bei Sylt bis zur Hindenburgstraße in Konstanz am Bodensee: Bis heute wird in diversen Kommunen darüber gestritten, ob man weiterhin Straßen und Plätze nach dem "Steigbügelhalter der NS-Diktatur" benennen sollte - so sieht ihn die Landeschefin der Grünen in Hamburg, Katharina Fegebank. "Dieser Mann war ein Militarist und erklärter Antidemokrat. Es ist an der Zeit, dass Hamburg seine Ehrenbürgerliste entrümpelt und Hindenburg da rausstreicht." So sind die Tage der dortigen Hindenburgstraße vermutlich gezählt. Den Beschluss zur Umbenennung will die zuständige Bezirksversammlung jedenfalls nach Angaben der Grünen im Februar fassen. SPD, Linke und FDP hätten ihre Zustimmung bereits versichert.


Weiterführende Informationen:

Wenn die Zeitzeugen gehen - Das Gedenken an den Holocaust wandelt sich
In Auschwitz zuhause- Eine Ortsbestimmung zwischen Erinnerung und Alltag
Gedenken an den Holocaust im Wandel- "Das Unbehagen an der Erinnerung" und "Das umstrittene Gedächtnis"
Podium: Holocaust-Gedenktag
"Wie der Wahnsinn begann" - Hitlers Machtantritt vor 80 Jahren - Ein Beitrag aus "Kakadu", dem Radio-Programm für alle Kinder in Deutschland

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:05 Uhr

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