Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Eine Schande für unser Land"

Kanzlerin Merkel bittet Neonazi-Opfer bei Gedenkfeier um Verzeihung

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte bei dem Staatsakt mehr Zivilcourage. (picture alliance / dpa / Hannibal)
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte bei dem Staatsakt mehr Zivilcourage. (picture alliance / dpa / Hannibal)

Mit einem Staatsakt in Berlin und einer bundesweiten Schweigeminute ist an die Opfer der Neonazi-Mordserie erinnert worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die Anschlagserie als "kaltblütigen Mord". Angehörige der Opfer forderten ein gemeinsames Eintreten gegen Fremdenhass.

Die Morde an neun Kleinunternehmern griechischer und türkischer Herkunft und einer Polizistin, die zwischen 2000 und 2006 von Mitgliedern einer Neonazi-Zelle ermordet wurden, seien "ein Anschlag auf unser Land, sie sind eine Schande für unser Land", sagte Merkel. Es werde alles getan, um die Morde aufzuklären, "damit sich so etwas nie wieder wiederholen kann", versprach die Kanzlerin den Angehörigen. "Wir können Ihnen alle heute zeigen, Sie stehen nicht länger allein mit ihrer Trauer. Wir fühlen mit Ihnen, wir trauern mit Ihnen." Merkel bat die Angehörigen um Verzeihung für einen "Albtraum", den sie durchlitten hätten, weil Sicherheitsbehörden sie jahrelang zu Unrecht verdächtigten.

"Zehn ausgelöschte Leben"

Schüler trugen zum Auftakt des Staatsaktes Kerzen in das Konzerthaus am Gendarmenmarkt. "Zehn brennende Kerzen, zehn ausgelöschte Leben", sagte Merkel sichtlich bewegt und fügte hinzu: "Ausgelöscht durch kaltblütigen Mord". Eine weitere Kerze brannte für die unbekannten Opfer rechtsextremer Gewalt. Eine zwölfte Kerze symbolisiert laut Merkel "Hoffnung und Zuversicht für eine gute Zukunft". "Wir vergessen zu schnell, viel zu schnell, wir verdrängen, was mitten unter uns geschieht ", warnte Merkel. Gleichgültigkeit habe eine schleichende, aber verheerende Wirkung. Gleichgültigkeit hinterlasse die Opfer ohne Namen.

Die Bundeskanzlerin nannte die Namen der Opfer und erzählte aus deren Leben. Merkel will bei der Aufklärung der Mordserie aber auch den Blick auf die Täter lenken. "Wir müssen alles tun, damit nicht auch andere junge Männer und Frauen zu solcher Menschenverachtung heranwachsen." Um Hass und Gewalt zu besiegen, müssten die Bürger "nicht wegsehen, sondern hinsehen" für ein Zusammenleben in Freiheit und Vielfalt, sagte Merkel. "Seinen Wohlstand verdankt Deutschland zu einem guten Teil seiner Weltoffenheit und seiner Neugier auf andere."

Die Rede der Bundeskanzlerin im Wortlaut auf der Internetseite des Bundeskanzleramtes.

Angehörige fordern Eintreten gegen Fremdenhass

Jugendliche stellen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin Kerzen für die Opfer rechtsextremer Gewalt auf. (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)Jugendliche stellen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin Kerzen für die Opfer rechtsextremer Gewalt auf. (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)Die Angehörigen der Opfer forderten einen gemeinsamen Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit. "Die Politik, die Justiz, jeder einzelne von uns ist gefordert", sagte Semiya Simsek, deren Vater im Jahr 2000 in Nürnberg von der Zwickauer Terrorzelle getötet worden war: "In unserem Land, in meinem Land muss sich jeder frei entfalten können." Gamze Kubasik, Tochter des 2006 ermordeten Dortmunder Kioskbetreibers Mehmet Kubasik, hofft eine Zukunft in Deutschland, die von mehr Zusammenhalt geprägt ist.

Rund 1200 Gäste und Angehörige nahmen an dem Staatsakt teil, darunter auch der voraussichtlich nächste Bundespräsident Joachim Gauck. Er sprach auf Einladung des türkischen Botschafters bei einem Mittagessen mit den Angehörigen. Gauck sagte, er sei als "Bürger Gauck" eingeladen worden, da er mit seinem Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie" ein Deutschland repräsentiere, "das aufsteht, wenn sich die Rechten zusammenrotten".

Mit der Gedenkfeier will die Politik ein Zeichen gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit und Gewalt setzen. Der am Freitag zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff hatte die Idee, mit dieser Geste Zusammenhalt und Einheit im Kampf gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Deutschlands, Aiman Mazyek, sagte im Deutschlandfunk, man habe in der Vergangenheit Rassismus einfach unterschätzt. "Rassismus ist leider Gottes kein Randproblem in unserer Gesellschaft." Es müsse endlich die Frage geklärt werden, wer die politische Verantwortung für die jahrlang unaufgeklärten rechtsextremistischen Morde übernehme.

Um 12 Uhr brachten viele Menschen mit einer bundesweiten Schweigeminute ihre Anteilnahme zum Ausdruck. An Bundesgebäuden wehten die Flaggen auf Halbmast, Busse und Straßenbahnen stoppten an Haltestellen. Auch bei großen Unternehmen wie Daimler, Porsche und Bosch standen um 12 Uhr die Bänder für eine Minute still. Die Aktionen stießen auf ein großes Medienecho in der Türkei, wo einige Opfer geboren wurden.

Türkische Gemeinde fordert Rassismus-Debatte

Fahndungsfotos der Mitglieder der sog. Zwickauer Zelle: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (v.l.). (picture alliance / dpa /Frank Doebert)Fahndungsfotos der Mitglieder der sog. Zwickauer Zelle: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (v.l.). (picture alliance / dpa /Frank Doebert)Vertreter der Angehörigen befürchten ein Ende der Debatte über Rechtsextremismus. Die Veranstaltung dürfe nicht "als eine Art Schlusspunkt" missverstanden werden, sagte die Ombudsfrau für die Angehörigen der Opfer der Zwickauer Terrorzelle, Barbara John. Sie forderte in Deutschlandradio Kultur neue Maßstäbe für die Polizeiarbeit in einem modernen Integrationsland. "Das Land muss sich ändern."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:47 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 19:05 Uhr Kommentar

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 19:00 Uhr Nachrichten

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 18:15 Uhr Redaktionskonferenz

Aus unseren drei Programmen

Drucker-KaufVorsicht vor Zusatzkosten

Farbpatrone in einem Drucker (dpa/picture alliance/Heiko Wolfraum)

Bei der Wahl des Druckers spielt die Frage der Betriebskosten die entscheidende Rolle. Passable Drucker gibt es schon für 70 Euro zu kaufen, aber die wirklichen Kosten treten oft erst danach auf, zum Beispiel beim Kauf der Tintenpatronen oder Tonerkartuschen auf. Es kommt auf das eigene Nutzungsverhalten an, welcher Drucker dann der richtige ist.

IntegrationRekordwert junger Migranten bei der Berliner Polizei

Heidi, Berliner Polizistin mit türkischem Migrationshintergrund, posiert mit Kollegen. (dpa / picture-alliance / Rolf Kremming)

Der Anteil junger Migranten ist in der Berliner Polizei größer als in der Gesamtbevölkerung - ein Rekord. Ihre Fremdsprachenkenntnisse und das Wissen über andere Kulturen können bei der Arbeit hilfreich sein. In der Ausbildung lernen sie auch, wie sie ihre Körpersprache einsetzen.

KEGELBALLSMuschi-Hanteln für besseren Sex

Kegelballs gelten als Doping für die Muschi. Mit ihnen können Frauen ihre Beckenbodenmuskulatur trainieren und dadurch auch bessere und längere Orgasmen haben. Ob's stimmt? Wir haben den Langzeittest gemacht.

Frankreich-Wahl"Macron als Sozialliberaler genau der Richtige"

Emmanuel Macron nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses der ersten Wahlrunde um die französische Präsidentschaft. (Daniel Fouray/MAXPPP/dpa)

Der Ausgang der ersten Wahlrunde zur französischen Präsidentschaft sei eine gute Nachricht, sagte Alexander Graf Lambsdorff (FDP, Vize-Präsident des Europaparlaments. Er sei sich sehr sicher, dass Emmanuel Macron es schaffen und zum nächsten französischen Präsidenten gewählt werde. Macron stehe für eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs und habe gleichzeitig den sozialen Ausgleich im Blick.

Frankreich hat gewähltZwei Kandidaten, ein Schock

Unterstützer des französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron bejubeln in Paris mit französischen Flaggen die ersten Hochrechnungen.   (dpa Bildfunk / AP / Thibault Camus )

Emmanuel Macron und Marine Le Pen haben es bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich in den zweiten Wahlgang geschafft. Der Erfolg Le Pens heißt für den Geografen und Sozialwissenschaftler Boris Grésillon: Frankreich geht es schlecht.

Emanzipation und FeminismusGleichberechtigung - nicht nur Frauensache

Mit Plakaten und in historischen Gewändern erinnern Frauen der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) an die Wahlrechtsdemonstrationen der Suffragetten vor 100 Jahren. (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)

Es gibt kein Übel, an dem der Feminismus nicht schuld ist. So sehen das zumindest dessen Kritiker. Das Gegenteil ist richtig: Gleichberechtigung zielt auf eine menschenfreundliche Kultur - und davon profitieren auch die Männer.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Loveparade-Veranstalter  "Strafprozess wird Klarheit bringen" | mehr

Kulturnachrichten

Journalist Del Grande in Türkei wieder frei  | mehr

 

| mehr