Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Einflussreicher Denker

Der Philosoph Jürgen Habermas wird 80

Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas (AP)
Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas (AP)

Sein Name reicht weit über die Grenzen der Wissenschaft hinaus: Jürgen Habermas, der Frankfurter Soziologe und Philosoph, ist seit den 50er-Jahren eine feste Größe in den gesellschaftlichen Debatten der Deutschen. Heute feiert der emeritierte Philosophie-Professor seinen 80. Geburtstag.

Keine Angst vor Thronen und Altären - das war seit jeher die Maxime des bekanntesten deutschen Sozialwissenschaftlers. Jürgen Habermas lieferte sich bereits in den 50er-Jahren als 23-jähriger Student einen Schlagabtausch mit der damaligen Philosophie-Ikone Martin Heidegger über dessen NS-Vergangenheit. Es war der Beginn einer beruflichen Laufbahn, die Habermas zu einem der einflussreichsten öffentlichen Denker in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit gemacht hat.

"Eine intellektuelle und moralische Autorität"

Er war sich nie zu schade, tatsächlich die Auseinandersetzung, die demokratisch-politische Auseinandersetzung öffentlich zu suchen, erklärte der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer in Deutschlandradio Kultur. "Die Republik wäre eine andere geworden, ohne seine intellektuellen Beiträge", sagte Fischer im Deutschlandradio Kultur.

Nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Wolfgang Kraushaar hat Habermas es wie kein Zweiter in der Geschichte der Bundesrepublik geschafft, philosophische Traditionen und politische Gegenwartsreflexionen aufeinander zu beziehen. Habermas habe sich jedoch mit der Kritik des Stalinismus schwer getan, so Kraushaar im Deutschlandfunk.

Streitbar zeigte sich der am 18. Juni 1929 geborene Habermas in vielen Debatten, die das Land bewegten, etwa im Historikerstreit der 80er-Jahre und in jüngeren Debatten um Bioethik und Eugenik. In den 60er-Jahren galt er zunächst als intellektueller Vordenker der 68er-Bewegung. Später distanzierte sich Habermas vom "Aktionismus" und "linken Faschismus" unter den Studenten. Sein Einfluss innerhalb der politischen Linken blieb davon unberührt.

"Das Prestige, was Habermas als Angehöriger der Frankfurter Schule in dieser Tradition Adornos, Horkheimer usw. hatte, hat dazu geführt, dass von ihm das angenommen werden konnte, was man sich von anderen nicht sagen ließ", sagte Sibylle Tönnies, Juristin und Soziologin an der Universität Potsdam, in Deutschlandradio Kultur.

Habermas habe eine "ausgeprägte Anschmiegsamkeit gegenüber intellektuellen Moden" konstatiert Tönnies in einem Essay im Deutschlandfunk. "Dabei lag er häufig im Mainstream, bekam im passenden Moment noch die Kurve", so Tönnies. Einen Teil seines Erfolges führt sie auf die "Schwerverständlichkeit seiner hochkomplexen Texte" zurück. Tönnies: "Wer wollte dann wagen, sie zu kritisieren, wo sie doch kaum zu packen sind."

"Strukturwandel der Öffentlichkeit" lautete der Titel seiner Habilitationsschrift, mit der Habermas einem breiteren Publikum Anfang der 60er-Jahre bekannt wurde. Als Schüler von Theodor W. Adorno und Wolfgang Abendroth etablierte er sich als junger Vertreter der "Frankfurter Schule", deren "Kritische Theorie" er weiterentwickelte.

1981 legte er mit der "Theorie des kommunikativen Handelns" sein Hauptwerk vor. Habermas verbindet darin die Tradition der kritischen Gesellschaftstheorie mit der Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Die Zukunft von Demokratie und Nationalstaat in Zeiten der Globalisierung und rechtsphilosophischen Fragen sind Gegenstand jüngerer Arbeiten Habermas'.

In Deutschlandradio Kultur würdigte Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, den emeritierten Philosophie-Professor. Er sei der gesamtdeutsche Philosoph, der sich "in einer Weise für das politische Zusammenleben von Menschen interessiert, dass er immer auch die im Blick hat, die kein Philosophiestudium absolviert haben," sagte Bahr.

Programmhinweis:
Zum 80. Geburtstag von Jürgen Habermas: "Forschung und Gesellschaft" (DKultur, 19.30 Uhr): "Der zwanglose Zwang der besseren Philosophie" - Jürgen Habermas zum 80. Geburtstag. Ein Gespräch mit Seyla Benhabib und Axel Honneth.
Im Deutschlandfunk widmen sich der "Büchermarkt" (16.10 Uhr) und die "Studiozeit" (20.10 Uhr) dem Geburtstag Habermas'.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:33 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 22:50 Uhr Sport aktuell

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 19:05 Uhr Oper

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 19:00 Uhr Club der Republik

Aus unseren drei Programmen

PolitikerPlötzlich Populist

Wo kommen auf einmal die vielen Populisten her? In den USA hat sich Donald Trump mit seinen extremen Positionen durchgesetzt. In Frankreich bringt sich Marine Le Pen in Stellung für den Präsidentschaftswahlkampf 2017. Geert Wilders macht die Niederlande unsicher und in Ungarn hat sich der selbstbewusste Viktor Orbán festgesetzt.

Referendum in Italien"Diese Unsicherheit ist es, die Europa bewegt"

Die Flagge der Europäischen Union weht vor wolkenverhangenem Himmel. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Wenn Italien nein sagt zur Verfassungsreform, wären die Folgen für die EU nicht absehbar, sagte Florian Eder vom Onlinemagazin "Politico" im DLF. Die größte Sorge sei die Frage, wie die Märkte reagieren. Die schlimmste Furcht wäre, wenn die Eurokrise mit aller Macht zurückkäme.

Hackerangriff auf die Telekom Raus aus der digitalen Unmündigkeit

Ein Passwort wird auf einem Laptop über die Tastatur eingegeben. Die Hände auf der Tastatur tragen schwarze Stulpen. Auf dem Monitor sind die Worte "Enter Password" zu lesen. Im Hintergrund erkennt man verschwommen weitere Bildschirme.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Der Hackerangriff auf die Telekom-Router war ein Warnschuss. Er zeigt: Wir müssen uns besser wappnen gegen die Bedrohung durch Cyber-Kriminelle und Spionage. Dazu braucht es mehr digitale Bildung und mehr Haftung von Herstellern, meint Philip Banse.

Ruth Klüger über Österreich"Entsetzlich, dass es so weit gekommen ist"

Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger spricht am 27.01.2016 in Berlin im Bundestag bei der Gedenkveranstaltung. (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)

Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger betrachtet den Aufstieg der Rechtspopulisten in ihrem Geburtsland Österreich mit Sorge. Auch Jahrzehnte nach ihrer Emigration sei ihr die Entwicklung dort noch wichtig, sagte sie mit Blick auf die morgige Präsidentenwahl im DLF. Für gefährlicher hält Klüger jedoch die Lage in ihrer Wahlheimat: den USA.

Carmen Maja-Antoni über Gisela May"Ich habe immer ihre Haltung bewundert"

Gisela May, Schauspielerin und berühmte Brechtinterpretin zu Gast im Studentenkeller "Zur Rosen" in Jena (dpa / picture alliance / Universität Jena )

Beim Singen auch die Geschichte eines Liedes zu erzählen - diese Lektion habe sie von Gisela May gelernt, so die Schauspielerin Carmen Maja-Antoni. May sei eine große Frauenfigur des Berliner Ensembles gewesen: "Und eine Haltung hatte sie immer".

Trump und die Deutsche BankEin juristisches Minenfeld

Hochhaus der Deutschen Bank in Frankfurt (dpa - Wolfram Steinberg )

Sechs Wochen vor dem Amtsantritt des Immobilienunternehmers Donald Trump als US-Präsident ist noch unklar, wie mögliche Interessenskonflikte vermieden werden sollen. Das ist auch für die Deutsche Bank ein Problem: Sie ist Gläubiger von Trump - dessen Regierung bald über ein milliardenschweres Bußgeld gegen das Geldinstitut entscheiden wird.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Aleppo  Syrische Armee kontrolliert weitere Stadt-Viertel | mehr

Kulturnachrichten

Teheran-Sammlung wohl Anfang 2017 in Berlin  | mehr

Wissensnachrichten

Steigende Nachfrage  Der Kirche fehlen die Exorzisten | mehr