Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Einzug ins Schloss Bellevue

Bundespräsident Gauck übernimmt Amtsgeschäfte

Bundespräsident Joachim Gauck neben seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Bundespräsident Joachim Gauck neben seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Einen Tag nach seiner Wahl hat das neue Staatsoberhaupt in Berlin seine Amtsgeschäfte aufgenommen. Gauck traf mit seiner Lebensgefährtin am Schloss Bellevue ein. Empfangen wurde er von seinem Vorgänger Christian Wulff sowie Bundesratspräsident Horst Seehofer und dessen Ehefrau.

Der bayerische Ministerpräsident hatte nach dem Rücktritt von Wulff die Amtsgeschäfte kommissarisch geführt. Im Bundespräsidialamt übernehmen nun die Beamten die Herrschaft über Gaucks Terminkalender. Der ehemalige Bürgerechtler arbeitet mit einem Stab von Referenten und Verwaltungsfachleuten zusammen. Auf großes Interesse stößt dabei die Auswahl seiner engsten Mitarbeiter. Die wichtigste Personalie im neuen Amt ist offenbar entschieden. Staatssekretär und damit Amtschef im Bundespräsidalamt soll David Gill werden, ein Weggefährte Gaucks aus den Tagen der frei gewählten DDR-Volkskammer.

Gauck kündigte an, an wichtige Themen seines Vorgängers anknüpfen zu wollen, etwa die Integration. Dabei werde er diejenigen kritisieren, die nicht integrationswillig seien. Es gehe darum, dass die Menschen, die hier lebten, die Grundlagen des Staates und seine Gesetze achteten.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) (AP)SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel (AP)Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel geht davon aus, dass sich der neue Bundespräsident auch sozialen Fragen widmet. Gauck setze sich für Freiheit und Verantwortung ein, was auch die soziale Gerechtigkeit beinhalte, sagte Gabriel im Deutschlandfunk. "Wir hatten in den vergangenen Jahren leider eine Gesellschaft, die im Wesentlichen vom Ellenbogen geprägt war. Das ist gewiss nicht seine Vorstellung", fügte Gabriel hinzu. Zugleich betonte er, Gaucks Wahl sei kein Zeichen für eine künftige Koalition auf Bundesebene.

Die Bundesversammlung hatte gestern den ostdeutschen Bürgerrechtler und Theologen gewählt. Auf den 72-Jährigen entfielen 991 der 1232 abgegebenen Stimmen, also rund 80 Prozent. Die nötige absolute Mehrheit von 621 Stimmen übertraf er damit deutlich. Jedoch hätte er auf 1100 Stimmen seiner Unterstützer von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen zählen können. Mehr als 100 Delegierte aus den eigenen Reihen versagten ihm damit die Stimme. "Mancher hat sich an manchem Wort gerieben", sagte Gauck im ARD-Interview. "Ich bin total glücklich, das wäre ja sonst in der Nähe von DDR-Wahlergebnissen gewesen."

Auf die Kandidatin der Linkspartei, Beate Klarsfeld, entfielen 126 Stimmen. Das sind zwei Stimmen mehr als aus dem eigenen Lager. Klarsfeld freute sich über die "Tatsache, dass das deutsche Volk heute meine Arbeit anerkannt hat". Die Linkspartei wollte mit der Nominierung Klarsfeld ins Gespräch für das Bundesverdienstkreuz bringen. Der NPD-Kandidat Olaf Rose erhielt drei Stimmen. Die Höhe der Enthaltungen überraschte: 108 Wahlmänner und -frauen konnten sich für keinen Kandidaten erwärmen.

Klare Visionen für das Amt

Bundespräsident Joachim Gauck im Kreis der Bundesversammlung (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)Bundespräsident Joachim Gauck im Kreis der Bundesversammlung (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)"Ich nehme die Wahl an", sagte der 1940 in Rostock geborene Kapitänssohn sichtlich bewegt und schritt zu seiner Dankesrede an das Rednerpult im Reichstag. "Was für ein schöner Sonntag", rief Gauck in das Plenum und erinnerte an die ersten und einzigen freien Wahlen zur DDR-Volkskammer auf den Tag genau vor 22 Jahren. "Zum ersten Mal in meinem Leben im Alter von 50 Jahren durfte ich in freier, gleicher und geheimer Wahl bestimmen, wer künftig regieren soll. (...) In jenem Moment war da in mir neben der Freude ein sicheres Wissen - ich werde niemals, niemals eine Wahl versäumen."

Er sei unendlich dankbar dafür, das "Glück der Mitgestaltung" nach den "politischen Wüsten des 20. Jahrhunderts" in Deutschland erhalten zu haben. Gleichzeitig mahnte Gauck, dass "aus dem Glück der Befreiung die Pflicht, aber auch das Glück der Verantwortung erwachsen muss".

Liebe zur Demokratie

Bundespräsident Joachim Gauck spricht vor der BundesversammlungDer frühere Beauftragte der Stasi-Unterlagenbehörde, die lange Zeit auch "Gauck-Behörde" hieß, pries die Möglichkeiten der Demokratie. "Sie haben heute einen Präsidenten gewählt, der sich selbst nicht denken kann ohne diese Freiheit, und der sich sein Land nicht vorstellen mag und kann ohne die Praxis der Verantwortung." Er wolle "mit all meinen Kräften und meinem Herzen 'Ja' sagen zur Verantwortung, die Sie mir heute übertragen haben".

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 21:05 Uhr Musik-Panorama

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr In Concert

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Historiker Paul Nolte"Wir stecken in einer Krise der Demokratie"

Paul Nolte ( Horst Galuschka / dpa)

"Demokratie heißt nicht, dass es egal ist, wer da oben sitzt", sagte der Zeithistoriker Paul Nolte im Dlf. Über die Auswahl von Führungspersonal müsse man diskutieren können.

GenerationengerechtigkeitWas schulden wir unseren Eltern?

Eine Familie im Sonnenuntergang auf der dänischen Ferieninsel Rømø, fotografiert am 05.08.2015. Foto: Patrick Pleul | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)

Zeit, Geld, Nerven. Eltern geben viel für ihren Nachwuchs. Aber sind die Kinder ihnen deshalb etwas schuldig? Auf keinen Fall, findet die schweizerische Philosophin Barbara Bleisch.

Politikwissenschaftler Yascha MounkDer Prophet des Untergangs der Demokratie

Der Politikwissenschaftler Yascha Mounk befürchtet, dass Populisten unser demokratisches System langfristig untergraben werden. (Droemer Verlag / Steffen Jänicke)

Der Zustand der Demokratien in den USA und Europa sei "sehr besorgniserregend", sagt Politikwissenschaftler Yascha Mounk. Er glaubt, dass der Populismus unser demokratisches System letztendlich untergraben könne.

PiS-KulturpolitikPolens Kulturkampf

Der polnische Vize-Regierungschef und Kulturminister Piotr Glinski ist erst wenige Tage im Amt, will aber bereits am Polnischen Theater in Breslau ein missliebiges Stück absetzen lassen. (picture alliance / dpa)

"Es gibt keinen Grund, dass Gruppen, die zum Abbau polnischer Kultur, Tradition und Identität beitragen, wie bisher favorisiert werden." So beschreibt der polnische Kulturminister Piotr Glinski ein Prinzip seiner Förder- und Personalpolitik.

Ausstellung "Pizza is god"Die Pizza als heilige Scheibe

Pizza Pavilion: The Pizza Is Ruined By Lorna Mills / Foto: Paul Barsch (Copyright Foto: Paul Barsch)

Die Band Antilopen Gang singt von der Pizza als "heilige Scheibe", die uns retten kann und die gesamte Welt besser macht. Ähnlich scheinen es die Macher der Kunstausstellung "Pizza is god" zu sehen, die im NRW Forum in Düsseldorf stattfindet.

Nach Yücel-Freilassung"Viele andere sind nach wie vor inhaftiert"

Ein Mann klebt ein Plakat mit der Aufschrift "#FreeThemAll" und "FreeTurkeyMedia" vor dem Start eines Autokorsos für den "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel an einen Pkw.  (PA/dpa/Bodo Marks)

Der Bochumer Politikwissenschaftler Ismail Küpeli mahnt trotz aller Freude über die Freilassung Deniz Yücels, die Lage der Menschenrechte in der Türkei nicht aus dem Blick zu verlieren. Er befürchte, dass andere in der Türkei Inhaftierte vergessen werden könnten, sagte er im Dlf.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Berlin  Merkel sieht EU-Finanzlage kritisch | mehr

Kulturnachrichten

Afrikanischer Filmemacher Ouédraogo gestorben | mehr

 

| mehr