Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Empörung über Rassismusdebatte der FDP

Wirbel um Aussage von Hessens FDP-Chef über Rösler

FDP-Chef Rösler, Hessens Landesvorsitzender Hahn (dpa / Uli Deck)
FDP-Chef Rösler, Hessens Landesvorsitzender Hahn (dpa / Uli Deck)

Hessens FDP-Chef Hahn hat infrage gestellt, ob die Deutschen einen "asiatisch aussehenden Vizekanzler" akzeptieren und sich Rösler deshalb als Parteivorsitzender halten lässt. Die Opposition gibt sich empört und wirft Hahn Rassismus vor. Rösler selbst versteht die Aufregung nicht.

Die FDP hat nach Diskussionen über die Parteiführung und die Sexismusdebatte um Fraktionschef Brüderle einen neuen Aufreger: eine verkürzt wiedergegebene Äußerung über Rassismus in der Mitte der Gesellschaft. Den Anstoß dafür gab Hessens Landeschef Jörg-Uwe Hahn. "Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren", sagte der Vize-Ministerpräsident und Integrationsminister in Hessen in einem Interview mit der "Frankfurter Neuen Presse" auf die Ausgangsfrage, ob die Debatte um Rösler als FDP-Chef beendet sei.

"Rassismus in Reinkultur", "völlig inakzeptable Formulierung" und "allerunterste Schublade des politischen Machtkampfs", heißt es bei SPD, Grünen und Linken. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Linksparteichef Bernd Riexinger forderten Hahns Rücktritt.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der hessischen SPD-Landtagsfraktion, Günter Rudolph, sprach von einer "stillosen Entgleisung". Die Aussage unterstelle den Menschen eine fremdenfeindliche Neigung. "Sie zeigt auch, dass der Integrationsminister selbst offenbar rassistische Tendenzen hat." Ähnlich äußerten sich Vertreter der Grünen und der Linkspartei.

Mediale Skandalisierung?

Die "Frankfurter Neue Presse" sprach von einer medialen Skandalisierung der Aussage. "Einen rassistischen Zungenschlag hat die Redakteursrunde in diesen Sätzen nicht wahrgenommen", schreibt Chefredakteur Rainer M. Gefeller. "Andere wollten das Interview anders verstehen."

Der Vorsitzende der hessischen Ausländerbeiräte, Corrado Di Benedetto, will Hahns Äußerung richtig verstanden haben, und zwar "unmissverständlich positiv". Hahn sei kein Rassist. "Unsere Gesellschaft ist wohl noch nicht so weit, dass man es als selbstverständlich ansieht, dass Menschen mit Migrationshintergrund Führungspositionen besetzen", sagte Di Benedetto. Hahn habe dieses Thema angesprochen "und es ging dabei keineswegs um Rösler". Allein der Wahlkampf sei für die massive Entrüstung verantwortlich, die nun über Hahn hereinbreche.

Hahn verteidigt umstrittene Äußerung

Hahn versuchte, die offenbar missverstandenen Äußerungen zu erklären: "Ich habe darauf hinweisen wollen, dass es in unserer Gesellschaft einen weit verbreiteten, oft unterschwelligen Rassismus gibt". Dieses gesellschaftliche Problem dürfe man nicht totschweigen, sondern müsse es offen ansprechen, um es zu bekämpfen. "Wer in meine Äußerung etwas anderes als dies hineinliest, versteht mich falsch." Es sei ihm "keinesfalls" um einen Angriff auf Philipp Rösler gegangen, betonte er: "An seiner Kompetenz als Vizekanzler und Parteivorsitzender habe ich keine Zweifel."

Rösler: "Ich verstehe die Aufregung nicht"

Bundeswirtschaftsminister und Vize-Kanzler Philipp Rösler (FDP)Philipp Rösler (FDP)Der viel zitierte FDP-Chef Philipp Rösler nahm Hahn gegen den Vorwurf des Rassismus in Schutz. "Ich verstehe die Aufregung über die vielfach kritisierte Interview-Äußerung von Jörg-Uwe Hahn vom Donnerstag nicht", erklärte Rösler in Berlin. "Jörg-Uwe Hahn ist über jeden Verdacht des Rassismus erhaben." Rösler wurde in Vietnam geboren und als Kleinkind vom deutschen Ehepaar Rösler adoptiert.

Andere Freie Demokraten haben Hahns Aussage hingegen missverstanden. Der Vorsitzende der Jungen Liberalen, Lasse Becker, sprach im Deutschlandfunk von einer "blöden Wortwahl". Der Opposition "im linken Lager" warf Becker vor, die Äußerungen Hahns bewusst falsch zu verstehen. Hahn habe auf den "Alltagsrassismus" in Deutschland hinweisen wollen. Diesen müsse die Politik - wie auch Sexismus - "thematisieren, aber das hat nichts mit der FDP zu tun".

FDP-Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki empfand Hahns Aussage "zugegebenermaßen missverständlich", aber sein Parteikollege habe lediglich das Rassismusproblem im Umgang mit Rösler ansprechen wollen. Kubicki sagte der "Passauer Neuen Presse", er selbst erlebe dies häufig: "Ich bekomme am Wahlkampf-Stand in der Fußgängerzone zu hören: Ich würde Euch ja wählen, aber dafür müsste erst einmal der Chinese weg."

Grüne fühlen sich an Brüderles Bambus-Aussage erinnert

Tarek Al-Wazir, Fraktionsvorsitzender von Bündnis90/Die grünen im hessischen Landtag (Landesverband B'90/Die Grünen Hessen)Tarek Al-Wazir (Landesverband B'90/Die Grünen Hessen)Die Grünen erinnerten unterdessen an eine Entgleisung auf dem hessischen Landesparteitag im Mai 2012, berichtet unsere Korrespondentin Anke Petermann. Fraktionschef Rainer Brüderle hatte damals für Irritationen gesorgt, als er in Richtung Rösler bemerkte: "Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man nicht wie Bambusrohre hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche." Deswegen sei "die Eiche hier heimisch und nicht das Bambusrohr".

Der in Vietnam geborene und anschließend adoptierte Rösler hatte sich bei seiner Antrittsrede als Parteichef mit den Worten charakterisiert: "Der Bambus wiegt sich im Wind und biegt sich im Sturm, aber er bricht nicht." Der Grünen-Landespolitiker Tarek Al-Wazir mutmaßte nun: "Könnte es sein, dass ein Teil des Akzeptanzproblems von Philipp Rösler in der FDP auch seine vietnamesische Herkunft ist?"


Diskutieren Sie mit zu diesem Thema auf der Facebook-Seite des Deutschlandfunks.

Weiterführende Informationen:
Blick in die Zeitungen von morgen - erste Pressestimmen zum Thema
FDP und SPD vor der Schicksalswahl- Niedersachsen entscheidet über die Aufstellung zur Bundestagswahl
"Eine Distanz kann ich nicht erkennen"- Rösler sieht sich nicht im Wettbewerb mit Lindner und Kubicki



Mehr bei deutschlandradio.de

 

Externe Links:

Hahn in der "FNP" über Rösler

 

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:06 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 05:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Technikwunder am GotthardDer längste Bahntunnel der Welt

Eine Lok mit der Aufschrift "Flachbahn durch die Alpen Gotthard-Basistunnel 2016 Ceneri-Basistunnel 2016" fährt am 15.11.2012 bei Erstfeld bei der Loktaufe aus dem Gotthard-Basistunnel. (dpa-Bildfunk / AlpTransit Gotthard AG)

Es ist ein Ereignis von verkehrshistorischer Bedeutung: Am 1. Juni wird mit dem Gotthard-Basistunnel in der Schweiz nach 17 Jahren Bauzeit der längste Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Er soll die Verlagerung des Gütertransports von der Straße auf die Schiene fördern.

Bürgerrechtsbeauftragter in PolenHüter der Freiheit, Gegenspieler der Mächtigen

Porträt des polnischen Bürgerrechtsbeauftragten Adam Bodnar (picture alliance / dpa / Tomasz Gzell)

Der polnische Bürgerrechtsbeauftragte Adam Bodnar ist weitaus mächtiger als viele seiner Kollegen in den europäischen Nachbarstaaten. Er ist ein Mann der leisen Töne - unterschätzen sollte ihn die Regierung in Warschau deswegen aber besser nicht.

Ersatzteile zum SteckenBaustelle Smartphone

Weil es immer wieder ein neues, geileres Smartphone gibt, wechseln wir spätestens alle zwei Jahre das Gerät. Damit der Elektroschrotthaufen aber nicht unendlich weiter wächst, sollen Stecksysteme die Halbwertszeit verlängern.

Schwere Unwetter in Deutschland"Wir behalten diese gefährliche Unwetterlage"

Nach einem Unwetter mit starken Regenfällen ist am 29.05.2016 eine Straße in Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg) überschwemmt. (dpa / picture-alliance / Jonas Heilgeist)

Blitze, Hagel, Sturmböen und Starkregen: Ein Unwetter hat weite Teile im Süden des Landes verwüstet und auch im Westen und Norden sieht es ziemlich düster aus. Schuld daran ist das Tief "Elvira", das seit vielen Tagen über Deutschland liegt. Die Stagnation der Wetterlage sei deshalb besonders gefährlich, "weil wir ja anders als bei einer Badewanne keinen Abfluss haben", sagte die Meteorologin Katja Horneffer im DLF.

Philosoph Wolfram Eilenberger"Die integrative Kraft des Sports ist ein Mythos"

Die deutschen Spieler Torwart Bernd Leno (hinten, l-r), Sebastian Rudy, Jonas Hector, Mario Gomez, Antonio Rüdiger, Samy Khedira und Jerome Boateng sowie (vorne, l-r) Leroy Sane, Julian Draxler, Mario Götze und Joshua Kimmich. (dpa / Christian Charisius)

Der Philosoph Wolfram Eilenberger sieht in Deutschland ein hohes Maß an Alltagsrassismus. Die angebliche Boateng-Äußerung von AfD-Vize Alexander Gauland nannte er im Deutschlandfunk unverantwortlich. Die "integrative Kraft des Sports" bezeichnete Eilenberger allerdings als Mythos: "Wir bilden uns ein, dass der Sport eine sehr starke integrative Kraft hat, während das nur in zwei, drei Sportarten der Fall ist."

Hass auf Schwule in RusslandWas tun? Nicht aufgeben!

Zwei Männer küssen sich. (picture alliance / dpa)

Die Situation der Homosexuellen in Russland ist prekär, und Präsident Putin kümmert das wenig. Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband sieht die Diskriminierung in einem größeren Zusammenhang: als Teil einer antidemokratischen Entwicklung.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Nordkorea  Raketentest offenbar fehlgeschlagen | mehr

Kulturnachrichten

175. Jahre Hamburger St. Pauli Theater  | mehr

Wissensnachrichten

Sonne  Lichtphänomen in Manhattan | mehr