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Energiewende ja, aber bitte nicht vor der Haustür

Umsteigerland berichtet über Widerstand gegen Windkraft in Sachsen

Von Thielko Grieß

Erneuerbare Energie mit Hilfe von Windrädern (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Erneuerbare Energie mit Hilfe von Windrädern (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Im Zuge der Energiewende will man in Sachsen künftig auf Windenergie setzen und neue Windkraftanlagen bauen. Doch gegen die Ausbau-Ideen gibt es in Nordwestsachsen Widerstand – und der kommt ausgerechnet von Umweltschützern.

Ein Trecker fährt Futter zu den Kuhställen. Milchwirtschaft und Getreideanbau, das waren einmal die beiden wichtigsten Standbeine der Agrargenossenschaft Krippehna. Sie hat ihren Sitz seit Jahren in einem unauffälligen Flachbau. Aber die Zeiten haben sich geändert.

Marion Appmeier ist Genossenschaftlerin seit der Gründung – für den Betrieb mit 1200 Hektar Anbaufläche macht sie die Bilanzbuchhaltung. Sie sagt, aus einigen Stücken Land könnte mehr gemacht werden, sie könnten mehr abwerfen.

"Hier ist ein Windgebiet, ich sag so, wie es ist, wenn wir aus’m Urlaub kommen im Gebirge ist es schön, und da ist nicht so viel Wind. Und wenn wir dann hier herkommen: alles flach und windig."

Vom Gelände der Agrargenossenschaft Krippehna aus sind die Flächen zu sehen, um die es geht. Auf ihnen kommen gerade kleine Pflanzen aus der Erde, zum Beispiel Mais. Investoren möchten dort lieber Windkraftanlagen errichten: mindestens zehn Stück mit einer Leistung von je drei Megawatt. Bis zur Flügelspitze sollen sie 200 Meter hoch sein. Einige der Flurstücke gehören Appmeier – und etwa 30 weiteren Eigentümern. Die Investoren haben mit ihnen bereits über Verträge gesprochen.

"Es ist für uns absolutes Neuland, möchte ich mal sagen. Wir haben uns noch nie mit Windrädern und Windenergienutzung befasst."

Aber alle wissen: Die sächsische Staatsregierung hat ein Energiewende-Ziel formuliert, das in etwa darauf hinausläuft, aus Windenergie doppelt so viel wie bisher herauszuholen. Also werden die Planungsbehörden in absehbarer Zeit neue Flächen ausweisen – so wie die von Appmeier: Hier weht Wind, die Besiedlung ist ländlich, es ist kein Naturschutzgebiet.

Appmeier hat es für die anderen Eigentümer übernommen, sich in die Vertragstexte einzuarbeiten. Es geht zum Beispiel darum, welchen Profit sie durch die Windräder haben: Branchenüblich ist eine feste Pacht plus Anteile aus dem Stromverkauf.

"Ich sage mal, die Entschädigung ist schon ganz ordentlich, aber es muss auch genau hingeguckt werden, damit es dann am Ende auch ordentlich läuft."

In der Summe kommen jährliche Beträge jenseits von 15000 Euro zusammen. Pro Windrad.

Doch die Pläne rufen heftigen Protest hervor. Die Regionalgruppe des Umweltverbands BUND will das Projekt verhindern – für deren Sprecherin Martina Schneider sind die Windräder das letzte Glied in einer langen Reihe von Zumutungen.

"Da wird ja eine ganze Landschaft zerteilt, zerstückelt und kaputtgemacht. Und von oben kommen dann noch die Flugzeuge, Einzugsgebiet zum Flughafen Leipzig/Halle. Unten stinkt es, da wird Gülle ausgefahren noch und nöcher. Eine Schweinemastanlage haben wir schon. Also, was soll denn noch alles hier passieren. Wir wollen einfach nur in Ruhe hier wohnen bleiben und die schöne Landschaft genießen."

Als Naturschützerin begrüßt sie die Energiewende, aber Windräder sollten ihrer Meinung nach dort gebaut werden, wo sie möglichst wenig stören. Zum Beispiel seien Industriebrachen besser geeignet – würden die 200-Meter-Generatoren dort gebaut, müsste nicht Ackerfläche versiegelt werden. Die Befürworter des Windparks bei Krippehna hingegen argumentieren: Wir wollen unsere Energie an Ort und Stelle produzieren – der Wind ist dafür nur eine Möglichkeit.

"Von unserer Seite ist es so: Wir sehen den Sinn, die Ressourcen zu nutzen, die wir haben. Bei den Biogasanlagen sind es die nachwachsenden Rohstoffe. Und beim Wind, der Wind ist da! Warum soll ich ihn nicht nutzen?"

Mit ihrer Biogasanlage versorgt die Agrargenossenschaft rund 1000 Haushalte mit Strom und 40 mit Wärme. Demnächst soll eine zweite gebaut werden – sie sorgt für stetige Einnahmen und einige Arbeitsplätze. Diese Haltung erzürnt die Umweltschützer: Den Profit aus all diesen Investitionen haben wenige, aber die Folgen müssen alle tragen, etwa den Anblick großer Windräder, sagt Martina Schneider.

"Was eben das Schlimme ist an der heutigen Zeit, dass die Belange der Bürger, es viel zu wenig um die Belange der Bürger geht, sondern immer mehr politische Entscheidungen getroffen werden, die irgendwelchen Investoren dienen und die Belange des Menschen dabei gar nicht genug beachtet werden."

Schneider selbst besitzt kein Flurstück, das für die Investoren interessant wäre. Doch selbst in der BUND-Regionalgruppe gibt es einen, der von den Windrädern profitieren könnte, wenn er wollte. Winfried Prantzsch:

"Ich habe ein Randgebiet. Es ist nicht im Kern, es ist nicht in der Zone, aber auch ich habe einen Pachtvertrag gekriegt."

Er will der Verlockung des Profits widerstehen, kündigt er an. Zu wichtig ist es ihm, die Landschaft so zu erhalten, wie sie ist. Allerdings glaubt er, dass er sich gegen die Mehrheit der anderen Eigentümer nicht durchsetzen kann. Durch die Dörfer rund um Krippehna geht ein Riss. Gemeindebürgermeisterin Roswitha Berkes beschwichtigt – alle würden gehört, und am Ende entscheide die Mehrheit.

"Es gibt einige Menschen, die sagen, die haben gegen das was und gegen das was. Das ist doch auch ihr Recht. Entschieden ist von der Gemeinde noch gar nichts."

Aber bald wird entschieden. Die verbleibenden Wochen wollen die BUNDler für ihre Sache nutzen – erst neulich haben sie an die Haushalte Flugblätter verteilt. Darin warnen sie vor "Monsterwindrädern". Das hält Marion Appmeier, die Grundeigentümerin, für Panikmache.

"Ich kann nicht immer davon ausgehen: Ja, ich bin dafür, aber bloß nicht vor meiner Haustür. Wer diese Ideologie betreibt, sage ich mal, hat die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt."

Der Gemeinderat will im Sommer darüber entscheiden, ob die Energiewende den Menschen rund um Krippehna Windräder mit 200 Metern Höhe beschert oder nicht.

Mehr zum Thema:
"Umsteigerland": Auf der Suche nach der Energiewende

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr

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