Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Enttäuschung in Rio

Der Umweltgipfel Rio+20 ist zu Ende

Von Jule Reimer

Gestrandet unterm Zuckerhut: Fische aus Plastikflaschen am Strand in Rio de Janeiro (picture alliance / dpa / Antonio Lacerda)
Gestrandet unterm Zuckerhut: Fische aus Plastikflaschen am Strand in Rio de Janeiro (picture alliance / dpa / Antonio Lacerda)

Eine durchwachsene Bilanz ziehen die Teilnehmer des Mammutumweltgipfels von Rio. Wo Vertreter von Regierungen und UNO von Erfolgen sprechen, klagen Umweltorganisationen über zu viel Unverbindlichkeiten. Beobachter sehen im Abschlussdokument nicht nur keinen Fortschritt, sondern auch einen gravierenden Rückschritt.

Der UN-Gipfel Rio+20 für nachhaltige Entwicklung neigte sich schon dem Ende zu, da appellierte eine Gruppe von Kindern im Kongresszentrum im Namen künftiger Generationen an die Staatschefs und Minister. Es sei nicht alles entschieden worden, was sich die EU gewünscht hätte noch was für die Welt notwendig sei, sagte EU-Umweltkommissar Janez Potocnik. Dennoch ist er trotz der ruppigen Verhandlungsführung der Brasilianer zufrieden:

"Green Economy wurde hier als wichtige Antriebskraft für nachhaltige Entwicklung anerkannt. Das war vor einem Jahr in meinen Gesprächen mit den anderen Staaten überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Und wir haben die Richtung festgelegt, wie wir die globalen Nachhaltigkeitsziele definieren werden."


Auf seiner Habenseite verbucht Potocnik das Bekenntnis zum Recht auf Trinkwasser und eine würdige Abwasserentsorgung, den Kampf gegen die Bodenerosion, die Aufforderung, börsennotierten Unternehmen umweltorientierte Berichtspflichten aufzuerlegen sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bruttoinlandsprodukt als irreführendes Maß aller Dinge. Und die Aufwertung des UN-Umweltprogramms, bei dem künftig alle UN-Staaten Mitglied sein müssen sind. Jetzt gelte es, Verbündete für die wirkungsvolle Umsetzung zu finden. Allianzen zu schmieden empfiehlt auch Christoph Bals, Geschäftsführer der entwicklungspolitischen Lobbyorganisation Germanwatch:

"Wir brauchen jetzt eine Fokussierung auf einige Kernbereiche: Einmal ist das der Bereich Energie und Klima, zweitens ist das der Bereich Landwirtschaft und Ernährungssicherung und drittens ist das der Bereich Schutz der Ozeane und Verhinderung der Überfischung der Meere."

Insbesondere die unverbindlichen Vereinbarungen zum Meeresschutz hatten die Nichtregierungsorganisationen kritisiert. Hauptverhinderer waren die USA. Der Direktor des UN-Umweltprogramms Achim Steiner:

"Hier in Rio haben mehr Staaten als jemals zuvor in harter Arbeit deutlich gemacht, dass es dringend einer übernationalen Gesetzgebung bedarf. Und dass die Zahl der Länder, die handeln möchten, höher denn je ist. Aber es reicht in der UNO nun mal ein Land aus, um mehr als 190 daran zu hindern, voranzugehen. Das ist die Realität im Multilateralismus."


Nach Angaben der UNO hat der Gipfel verbindliche Zusagen über 500 Milliarden US-Dollar für Initiativen nachhaltiger Entwicklung mobilisiert. Die Abschlusserklärung der Rio+20-Konferenz trägt in vielen Punkten die Handschrift von Staaten, die wie Brasilien eher die Armutsbekämpfung als den Umweltschutz in den Vordergrund stellen. Gro Harlem Brundtland, ehemalige Ministerpräsidentin Norwegens, zeigte sich enttäuscht. 1987 war unter ihrer Leitung der erste Weltumweltbericht zustande gekommen, der die Vorlage für den Erdgipfel 1992 geliefert hatte. Bei aller Bedeutung der Armutsbekämpfung sei zu bedenken:


"Unsere Vision muss sein: Armut zu bekämpfen, die Gleichberechtigung zu fördern, Wachstum allen zugute kommen zu lassen, nachhaltigen Konsum und nachhaltige Produktion zu fördern, den Klimawandeln zu bekämpfen, und die Grenzen des Planeten zu respektieren. Aber diese letzte entscheidende Erkenntnis hat aus irgendeinem Grund keinen Eingang in die Abschlusserklärung gefunden."

Das Gipfeldokument stärkt in einigen Punkten die Gleichberechtigung der Frauen und beinhaltet gleichzeitig einen gravierenden Rückschritt. Das sogenannte Recht auf reproduktive Gesundheit - eine Klausel für den Zugang zu Verhütungsmitteln und adäquate medizinische Versorgung bei einer Abtreibung im gegebenen Rechtsrahmen - war auf Druck von Ägypten und des Vatikans durch eine unverbindliche Formulierung ersetzt worden. Doch die ganze Riege der anwesenden Staatspräsidentinnen und Chefinnen der UN-Sonderorganisationen machte schnell klar, dass dieses Recht nicht verhandelbar sei.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:54 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:35 Uhr Wirtschaft am Mittag

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:30 Uhr Länderreport

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Röttgen zu Trump "Der Westen kommt in seinem Denken nicht vor"

Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages (CDU).  (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)

Der CDU-Politiker Norbert Röttgen erkennt in den Interview-Äußerungen des künftigen US-Präsidenten Donald Trump vor allem eines: Protektionismus. Darin liege eine Gefahr, sagte Röttgen im DLF. Denn ein Resultat sei außenpolitischer Rückzug. Die gegen deutsche Unternehemen ausgesprochenen Drohungen seien durchaus ernstzunehmen.

Philosoph Carlo StrengerFreiheit ist ein Abenteuer, das auch weh tut

Blick auf die Freiheitsstatue vor dunklen Wolken. (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)

Der Psychologe und Philosoph Carlo Strenger wirft immer wieder einen kritischen Blick auf die westliche Welt. Seine Überzeugung: Wir sind zu satt und zu bequem. Seine Antwort: das Leben in seiner "tragischen Struktur" begreifen - und bewusst gestalten.

Wohntrend "Hygge"Die neue Gemütlichkeit

In Köln startet die Internationale Möbelmesse imm. Der Blick in die Kristallkugel der Wohntrends zeigt: Angesagt ist gerade vor allem ein ganz bestimmtes Wohnkonzept aus Dänemark: Hygge (sprich: Hühge).      

DGB im Wahljahr"Der soziale Zusammenhalt steht auf dem Spiel"

Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann (Imago)

DGB-Chef Reiner Hoffmann hat eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer und höhere Steuern auf große Einkommen gefordert. "Arm bleibt arm, reich wird reicher" - gegen diesen Trend müsse etwas getan werden, sagte Hoffmann im Deutschlandfunk.

Kongress europäischer RechtspopulistenIm Abwehrkampf gegen die freie Presse

Beatrix von Storch beugt zu Marcus Pretzell herüber. (dpa / EPA / Patrick Seeger)

Von einer Konferenz der europäischen Rechtspopulisten sollen nur ausgesuchte Journalisten berichten, kritischen Geistern wird der Zutritt verweigert. Das habe mit Demokratie und freier Presse nicht mehr viel zu tun, kritisiert der SWR-Journalist Georg Link.

25 Jahre Friedensschluss in El SalvadorEin Vertrag ohne Versöhnung

Flagge von El Salvador, 30.01.2007 - EPA/RPBERTO ESCOBAR (picture alliance / dpa / EPA/RPBERTO ESCOBAR)

Über zehn Jahre lang kämpfte in El Savador die linksgerichtete Guerilla-Bewegung FMLN gegen das Militär-Regime. 1992 beendete ein Friedensvertrag die Kämpfe, die Ursachen der Gewalt aber beseitigte er nicht.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Trump-Interview  Bundesregierung reagiert zurückhaltend | mehr

Kulturnachrichten

Faire Social Media: Journalistenschule für Jedermann  | mehr

Wissensnachrichten

Fruchtfliegen  Alkohol ist kein Problem - nur warum? | mehr