Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Erdogan provoziert neue Proteste

Wieder Demonstrationen in Ankara und Istanbul

Erdogan während seines Staatsbesuchs in Tunesien (picture alliance / ZUMA Press / Chokri Mahjoub)
Erdogan während seines Staatsbesuchs in Tunesien (picture alliance / ZUMA Press / Chokri Mahjoub)

Die Proteste in der Türkei könnten wieder aufflammen. Grund sind Äußerungen von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Kurz vor seiner Rückkehr von einem Staatsbesuch griff er die Demonstranten im eigenen Land verbal an und machte erneut klar: Das Einkaufszentrum in Istanbul, an dessen Bau sich die Proteste entzündet hatten, wird kommen.

Am Abend versammelten sich in Ankara und Istanbul wieder viele Demonstranten. Alleine auf dem Taksim-Platz in Istanbul sind es mehrere Tausend. In der türkischen Hauptstadt Ankara riefen Hunderte: "Diktator tritt zurück!" Die Polizei ging gegen die Protestler mit Wasserwerfern und Tränengas vor. In Ankara wird Ministerpräsident Erdogans Flugzeug erwartet.

Ausschreitungen durch "Extremisten"

Nicht zum ersten Mal hatte Erdogan heute bei seinem Staatsbesuch in Tunesien gegen die Demonstranten gewettert. Laut tunesischen Medienberichten sagte er dort: "Unter den Demonstranten gibt es Extremisten, einige sind mit dem Terrorismus verbunden." Und im gleichen Atemzug verteidigte er noch einmal den geplanten Bau eines Einkaufszentrums in Istanbul. Im Gezi-Park ist der Nachbau einer osmanischen Kaserne geplant. Darin soll es auch Geschäfte und Wohnungen geben. Seine Regierung werde den "zu Ende bringen", so Erdogan. Es werde nicht hingenommen, dass eine Minderheit die Mehrheit tyrannisiere. Im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur berichtet der in Istanbul wohnende Architekt Erdogan Altindisz von einem völlig intransparenten Verfahren und einer nie da gewesenen Stimmung im Land.

Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul (picture alliance / dpa / Romain Beurrier / Wostok Press)Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul (picture alliance / dpa / Romain Beurrier / Wostok Press)Beobachter gehen davon aus, dass diese Äußerungen wieder mehr Menschen auf die Straßen bringen könnten, um gegen die türkische Regierung zu demonstrieren. Dabei hatte es Vize-Regierungschef Bülent Arinç, in Erdogans Abwesenheit, mit versöhnlichen Tönen versucht und sich im Gespräch mit Demonstranten verhandlungsbereit gezeigt. Davon ist jetzt nicht mehr viel übrig.

Deutscher festgenommen

Die türkische Regierung macht außerdem Ausländer mitverantwortlich für die Proteste. Sieben Touristen wurden in Ankara und Istanbul festgenommen, darunter ist auch ein Deutscher. Sie hatten sich an Demonstrationen beteiligt. Nach türkischen Medienberichten sollen der Deutsche und drei weitere der Touristen jetzt des Landes verwiesen werden.

Die gestern festgenommenen türkischen Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter sind mittlerweile wieder frei. Die Polizei hatte die mehr als 25 zumeist Jugendlichen festgenommen, weil sie die Demonstrationen gegen die Regierung durch Falschmeldungen bei Twitter angeheizt haben sollen.

Polizist stirbt bei Einsatz

Bei den Protesten in der Türkei sind nach Angaben des Innenministeriums bisher mehr als 900 Menschen verletzt worden. Am Donnerstag starb nach Zeitungsberichten ein Polizist, der bei einem Einsatz gegen Demonstranten von einer Brücke gestürzt war. Insgesamt kamen damit bisher vier Menschen ums Leben. Den Schaden durch die Ausschreitungen in der Türkei beziffern die Behörden mit umgerechnet 28 Millionen Euro.

Tweets zur Lage in Istanbul:





Mehr zum Thema auf dradio.de:

Brutale Repression bietet "weiteren Anlass für die Proteste" - Friedensforscher Jonas Wolff über die Demonstrationen in der Türkei

Zitronen gegen Tränengas - Straßenschlachten in Istanbul

"Eine interessante Koalition, die heute auf der Straße ist" - Der Schriftsteller Zafer Senocak über die Proteste in Istanbul und Ankara

Die Demonstranten "wollen eine moderne offene Türkei" - CDU-Europaabgeordneter bemängelt die undemokratischen Züge des Systems Erdogans

Claudia Roth: Erdogan führt sich auf wie ein "absolutistischer Herrscher" - Grünen-Vorsitzende kritisiert Polizeigewalt gegen Demonstranten in der Türkei

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:12 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Deutschlandfunk Radionacht

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 03:05 Uhr Tonart

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Vinyl-Box: "The Beatles: The Christmas Records"Weihnachtsgrüße der Beatles

Die Beatles 1967 (imago/ZUMA/Keystone)

Von 1963 bis 1969 verschickten die Beatles an die Mitglieder ihres Fanclubs Weihnachtsbotschaften, die die Bandgeschichte erzählen: vier junge Musiker starten voller Elan, haben überraschend Erfolg und werden sich schließlich fremd.

Radikalisierung in DeutschlandWenn aus Nazis Islamisten werden

Der Angeklagte Sascha L. kommt am 20.09.2017 in Handschellen zum Prozessauftakt in die Staatsschutzkammer des Landgerichts Braunschweig (Niedersachsen). Dem Hauptangeklagten wird die Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat sowie der unerlaubte Umgang mit explosionsgefährlichen Stoffen vorgeworfen. Die drei weiteren Angeklagten sind wegen Beihilfe angeklagt. (Angeklagte auf Anweisung des Gerichts unkenntlich gemacht)  (dpa / Swen Pförtner)

Im Hass vereint: Die Radikalisierung von Islamisten und Rechtsextremen scheint ähnlichen Mustern zu folgen. Ein Fall in Braunschweig lässt aufhorchen: Dort ist ein mutmaßlicher Islamist angeklagt, der vor drei Jahren noch zur rechtsextremen Szene gehört haben soll.

Anita Rée-Ausstellung in Hamburg Die Menschen-, die Frauen-Malerin

"Selbstbildnis" der Malerin Anita Rée  (picture alliance/dpa/Foto: Georg Wendt)

Die Künstlerin Anita Rée stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, zeitlebens wehrte sie sich aber dagegen, dass ihre Arbeiten als jüdische Kunst gelte. Ihre sensiblen Portraits sind noch bis Februar in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

Germanistin Sandra Richter"Deutschsprachige Literatur wird global wahrgenommen"

Eine junge Frau betrachtet im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar eine Porträtbüste von Johann Wolfgang Goethe. (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)

Rockstars und Jeansdesigner nutzen Rilke-Verse als Kontext. Und es gibt viele weitere Bespiele für den weltweiten Einfluss deutscher Literatur. Die Germanistin Sandra Richter hat ein Buch über deren Weltgeschichte veröffentlicht – "eine Geschichte des kulturellen Austauschs".

Antisemitismus in Deutschland"Wir brauchen eine gesellschaftspolitische Offensive"

Volker Beck (Grüne) spricht am 03.06.2016 im Deutschen Bundestag in Berlin. (dpa)

Auf Demonstrationen in Berlin wurden kürzlich israelische Flaggen verbrannt. Volker Beck von den Grünen fordert deswegen mehr Aufklärung über Antisemitismus. Allein mit ordnungspolitischen Maßnahmen ließe sich das Problem nicht lösen, sagte er im Dlf.

80 Jahre Bunker in WünsdorfNazis, Russen und Touristen

Ein Bunker im Wald nahe dem brandenburgischen Ort Wünsdorf. (Philipp Buder/Thomas Klug)

1937 wurde im brandenburgischen Wünsdorf mit dem Bau streng geheimer Bunker begonnen – das Oberkommando der Wehrmacht sollte von dort den Zweiten Weltkrieg dirigieren. Die Bunkeranlagen sind mittlerweile ein Mahnmal und locken viele Touristen an.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

US-Steuerreform  Republikaner gehen auf Kritiker zu - Erleichterungen für Familien | mehr

Kulturnachrichten

Peter Jackson gibt Interview zum Fall Weinstein | mehr

 

| mehr