Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Es wird keine ehrlichen Wahlen geben"

Vor der Wahl in Russland: Kommunisten wenig zuversichtlich

Von Gesine Dornblüth

Gennadi Andrejewitsch Sjuganow, Kommunistenführer in Russland und einer von Putins Gegenkandidaten. (picture alliance / dpa - Maxim Blinov)
Gennadi Andrejewitsch Sjuganow, Kommunistenführer in Russland und einer von Putins Gegenkandidaten. (picture alliance / dpa - Maxim Blinov)

Die Kommunisten verfügen als einzige Partei neben Putins "Einiges Russland" über funktionierende Strukturen in den Regionen. In Uljanowsk sind sie besonders beliebt - weil hier Lenin geboren wurde. An einen Wahlerfolg glauben die Genossen dort aber nicht: "In Russland hat es noch nie einen Machtwechsel nach Wahlen gegeben."

Der Weg zum Sozialismus ist beschwerlich. In der Kranfabrik von Uljanowsk ist der Fahrstuhl ausgefallen, seit Langem schon, und wer zur Versammlung der Kommunistischen Partei möchte, muss zu Fuß in den siebten Stock. Die Treppenstufen haben Löcher.

Im Saal sitzen etwa 100 Genossen auf Klappstühlen. In Mänteln und Pelzmützen – denn auch die Heizung funktioniert nicht. Es sind vor allem Männer im Rentenalter. Eine rote Fahne verkündet: "Unsere Heimat ist die UdSSR". Daneben Lenin, in Gips gegossen. Zur Hymne stehen alle auf.

In der ersten Reihe sitzt Nairi Tschatinjan, um die 40 Jahre, grauer Pullover. Er ist der Direktor der Kranfabrik:

"In China gibt es doch auch Kommunisten, die gleichzeitig Milliardäre sind. Wir sind zwar keine Milliardäre. Aber unsere Fabrik läuft gut. Marktwirtschaft und Sozialismus sind kein Widerspruch."

Igor Konowalow sitzt mit Freunden in der letzten Reihe. Er ist Mitte 20 und erst seit wenigen Monaten in der Partei.

"Ich arbeite für die Regierung des Gebiets, als Sachbearbeiter in der Abteilung für Staatsvermögen. Mir gefällt, dass wir für die Verstaatlichung kämpfen. Als ich jung war, bin ich aus Dummheit in die Regierungspartei Einiges Russland eingetreten. Ich war ein Karrierist. Jetzt bin ich älter und klüger geworden. Viele denken ja, wir wollen zurück in die Vergangenheit. Aber das will niemand, im Gegenteil, wir wollen vorwärts in den Sozialismus."

Vom Podium herunter redet ein grauhaariger Mann auf die Genossen ein: Alexander Kruglikow, der Gebietsvorsitzende. Er spricht über Wahlfälschungen und fordert die Parteimitglieder auf, sich als Wahlbeobachter zu melden. Und Kruglikow klagt über ungleiche Bedingungen schon im Wahlkampf:

"Die Partei der Macht, Einiges Russland, stellt alles: Den Gouverneur, die absolute Mehrheit im Gebietsparlament, alle Bürgermeister und den leitenden Beamtenapparat. Sie kontrolliert auch die gesamte Presse, bis auf zwei, drei Zeitungen. Und die Macht hat gigantische finanzielle Möglichkeiten."

Im Nachbarraum packt Katja Koloskowa Parteizeitungen aus: Den "Linken Marsch". Sie will sie in der Stadt verteilen. Lange Haare gucken unter ihrer grüner Strickmütze hervor. Katja steckt auch einen Stapel Broschüren ein. Darauf das Wahlprogramm ihres Kandidaten und eine Foto des 67-jährigen Gennadij Sjuganow:

"Er besucht uns oft. Weil das hier die Heimatstadt von Wladimir Iljitsch Uljanow ist, von Lenin. Ich habe ihn auch schon vom Flughafen abgeholt. Er besucht dann Fabriken und Krankenhäuser."

Katja Koloskowa lächelt. Sie ist mit 22 Jahren die Jüngste der Kommunisten von Uljanowsk:

"Ich bin 2009 in die Partei eingetreten. Da war ich gerade mit der Schule fertig und hatte Probleme mit meinem Pass. Ich bin in der Gegend von Petersburg geboren und hatte keine Geburtsurkunde. Nach der hat nie jemand gefragt. Die Partei hat mir geholfen und eine Anfrage an die dortigen Behörden geschickt. Das hatte ich auch schon, aber Einzelpersonen antworten sie dort nicht. Solche Probleme gibt es in Russland! Diesen Sommer werde ich mich nun an der Universität einschreiben."

Sie will Politik studieren. Wenig später steht Katja Koloskowa an einer Straßenbahnhaltestelle vor dem Automobilwerk von Uljanowsk. Dick eingepackt warten dort Dutzende Menschen auf die Tram. Es sind minus 15 Grad. Beherzt geht die junge Frau auf die Gruppe zu.

Zwei Männer um die 50 greifen nach den Zeitungen. Sie kommen von der Arbeit:

"Wir sind Schlosser."

"Ich werde Putin wählen. Der war schon mal Präsident, der weiß, wie das geht. Sjuganow dagegen – da weiß man nicht, was wird."

Die junge Aktivistin lässt sich davon nicht entmutigen:

"Die Menschen in Russland leben nicht, sie hangeln sich von Lohn zu Lohn. Wir hoffen, dass Gennadij Andreewitsch Präsident wird. Dann ändert sich bald etwas zum Besseren."

In der Kranfabrik geht unterdessen die Parteiversammlung zu Ende. Die Genossen stehen im Flur, bedienen sich an den bereitgestellten Butterbroten und Keksen.

Nikolaj Bazanow trinkt noch einen Becher heißen Tee, bevor er sich auf den Heimweg macht. Er lebt in einer Kleinstadt, etwa 70 Kilometer von Uljanowsk entfernt, arbeitet dort im Kulturbereich. Bazanow ist seit 30 Jahren in der Kommunistischen Partei:

"Ich gebe keine Prognosen ab. Natürlich möchte ich, dass wir gewinnen. Aber es wird keine ehrlichen Wahlen geben. Und selbst wenn, dann werden sie die Macht nicht abgeben. In Russland hat es noch nie einen Machtwechsel nach Wahlen gegeben. Aber früher oder später wird das geschehen. Fragt sich nur, ob bereits im Jahr 2012."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:48 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 17:05 Uhr Wirtschaft und Gesellschaft

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 17:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Parteitag der KonservativenTheresa May unter Druck

Die neue britische Premierministerin Theresa May bei ihrer ersten Ansprache vor dem Regierungssitz Downing Street Nr. 10. (picture alliance / dpa / Andy Rain)

Maßvolles Vorgehen oder der radikale Schnitt? Der Brexit wird das zentrale Thema auf dem am Sonntag beginnenden Parteitag der konservativen Tories in Birmingham sein. Brexit-Befürworter Außenminister Boris Johnson forciert den Beginn der EU-Austrittsverhandlungen – und setzt so die Premierministerin und Parteivorsitzende Theresa May unter Druck.

Abtreibungsgesetz in PolenSelbstbestimmung der Frauen steht auf dem Spiel

Demonstration gegen eine Verschärfung des Abtreibungsrechts in Polen. (AFP / WOJTEK RADWANSKI )

In Polen sollen Abtreibungen weitestgehend verboten werden. Aktivistinnen laufen Sturm gegen diese Beschneidung ihrer Entscheidungsfreiheit und haben den "Schwarzen Protest" initiiert. Eine von ihnen ist Anna Krenz: Sie will mit anderen Frauen für ihre Rechte streiken.

Regierungsbericht zum Stand der Einheit"Mehrheit der Ostdeutschen ist nicht fremdenfeindlich"

Rund eine Million Menschen feierten in der Nacht zum 3.10.1990 in Berlin - wie hier vor dem Reichstagsgebäude - die wiedergewonnene deutsche Einheit. (Wolfgang Kumm, dpa picture-alliance)

Im Regierungsbericht zum Stand der deutschen Einheit ist von einer Zunahme der rechtsextremen Überfälle die Rede. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke, betonte, dass die Mehrheit der Ostdeutschen nicht ausländerfeindlich sei. Doch das sei leider "eine zum Teil schweigende Mehrheit."

Deutsche BankAmerika will sich offenbar "der letzten deutschen Bank entledigen"

Der Ökonom Max Otte (dpa / picture-alliance / Erwin Elsner)

Der Aktienkurs der Deutschen Bank ist erstmals in der Unternehmensgeschichte unter zehn Euro gerutscht. Der Finanzwissenschaftler Max Otte sagte im Deutschlandfunk, die Probleme der Bank seien zum Teil ein Ergebnis von internationalem Druck, vor allem aus den USA. Die Vereinigten Staaten übten "Erpressungsmacht" aus.

ESA-SONDE ROSETTAEin Weltraumabenteuer in drei Akten

Zwölf Jahre war Raumsonde Rosetta für uns im All. Endlich erreicht sie nach sieben Milliarden Kilometern den Kometen Tschuri - und wird ihre Arbeit für immer beenden. Aber bis zum letzten Moment, soll sie uns mit Bildern und Informationen versorgen.

Bestsellerautor Bernhard Schlink"Ich schreibe sogar gerne Einkaufszettel"

Bernhard Schlink am 16. Juni 2016 bei einer Lesung in Barcelona (dpa / picture alliance / Marta Perez)

Mit "Der Vorleser" wurde Bernhard Schlink vor über 20 Jahren auf einen Schlag berühmt. Der Bestsellerautor spricht mit uns über seine Liebe zum Schreiben und seine Zeit als Student während der 68er-Bewegung.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Flüchtlinge  2015 kamen 890.000 Asylsuchende nach Deutschland | mehr

Kulturnachrichten

Zeitungsverlage gewinnen Streit über Tagesschau-App  | mehr

Wissensnachrichten

Raumsonde  Rosettas letztes Bild | mehr