Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Eskalation der Gewalt nach Koranverbrennung in Afghanistan

Beobachter fürchten Zuspitzung nach traditionellem Freitagsgebet

Proteste gegen die Koranverbrennung in Afghanistan (dpa / picture alliance / S. Sabawoon)
Proteste gegen die Koranverbrennung in Afghanistan (dpa / picture alliance / S. Sabawoon)

In Afghanistan sind bei Protesten gegen die Verbrennung von Koran-Exemplaren zahlreiche Menschen ums Leben gekommen, darunter zwei Nato-Soldaten. Zuvor hatten die Taliban dazu aufgerufen, Ausländer zu töten.

Nach Angaben aus Militärkreisen eröffnete ein Mann in afghanischer Uniform in der östlichen Provinz Nangahar das Feuer auf eine Gruppe von Nato-Soldaten und erschoss zwei von ihnen. Über die Nationalität der Opfer wurde nichts mitgeteilt. Der Täter habe sich gewaltsamen Protesten gegen die Verbrennung von Koran-Exemplaren auf dem US-Stützpunkt Bagram angeschlossen, hieß es. Medienberichten zufolge sollen landesweit mehr als zehn Menschen bei gewaltsamen Zusammenstößen ums Leben gekommen sein.

Die Verbrennung von Koran-Schriften auf einem US-Stützpunkt löste in Afghanistan eine Welle der Empörung aus. Am dritten Tag in Folge gingen Tausende Menschen auf die Straße. Die Proteste begannen zunächst friedlich, doch schon nach einigen Stunden kam es zu Eskalationen. Präsident Karsai rief das Parlament zu einer Eilsitzung zusammen, in der er über die Lage im Land beraten wolle. Zugleich warb er für Ruhe und Besonnenheit. Beobachter befürchten hingegen, dass die Proteste am Freitag nach dem traditionellen Gebet in den Moscheen zunehmen könnten.

Taliban rufen zur Tötung von Ausländern auf

Die Taliban nutzten den Vorfall, um in mehreren Mitteilungen zu Angriffen auf Ausländer aufzurufen. In einem der Schreiben hieß es "tapfere afghanische Muslime" müssten Stützpunkte und Konvois der internationalen Militärs angreifen. Afghanen sollten Ausländer schlagen, fangen und töten, damit diese lernten, den Koran nie wieder zu schänden.

US-Präsident Obama verspricht Aufklärung

US-Präsident Barack Obama nach seiner Rede an die Nation (picture alliance / dpa / Consolidated News Photos)US-Präsident Barack Obama entschuldigt sich (picture alliance / dpa / Consolidated News Photos)US-Präsident Barack Obama entschuldigte sich beim afghanischen Staatschef Hamid Karzai für die Verbrennung von Koran-Ausgaben durch US-Soldaten. Der amerikanische Botschafter in Kabul überreichte Karzai einen Brief von Obama. Nach Angaben des Präsidentenamtes hieß es in dem Schreiben: "Ich übermittele Ihnen und dem afghanischen Volk meine aufrichtige Entschuldigung. Der Fehler war unbeabsichtigt. Ich versichere Ihnen, dass wir geeignete Schritte unternehmen, um jede Wiederholung zu vermeiden."

Zuvor hatte bereits US-Verteidigungsminister Leon Panetta erklärt, es handele sich um einen höchst bedauerlichen Zwischenfall, den er auf das Schärfste verurteile. Diese Aktionen spiegelten nicht die Ansichten des US-Militärs wider. Der Minister betonte, die USA ehrten und respektierten die religiösen Praktiken des afghanischen Volkes.

Auch die Internationale Schutztruppe Isaf entschuldigte sich für die versehentliche Verbrennung von Koran-Exemplaren. Der Oberkommandeur der NATO-geführten Afghanistantruppe ISAF, General John Allen, entschuldigte sich ebenfalls für den Vorfall entschuldigt und ordnete eine Untersuchung an.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle erklärte, er bedauere die Todesopfer zutiefst. Er rief alle Beteiligten zu Mäßigung, Zurückhaltung und Gewaltlosigkeit auf. Die Bundesregierung sei bestürzt, dass durch die Verbrennung religiöser Texte die Gefühle vieler Menschen in Afghanistan verletzt wurden. Deutschland und alle seine Vertreter in Afghanistan empfänden tiefen Respekt für den Islam, seine Anhänger und seine Schriften, betonte Westerwelle.

"Der Zorn ist ziemlich groß"

Der Afghanistankenner Thomas Ruttig warf den westlichen Akteuren in Afghanistan Ignoranz vor. "Der Zorn ist denn doch schon ziemlich groß," sagte Ruttig im Deutschlandfunk über die Reaktion des Landes auf die Koranverbrennungen. "Man weiß nicht, ob, wenn in den nächsten Tagen eben organisierte Proteste stattfinden, so was nicht dann außer Kontrolle geraten kann und es dann wieder zu Unruhen kommt, bei denen auch Büros ausländischer Organisationen angegriffen werden können."

Auch der deutsch-iranische Philosoph Hamid Reza Yousefi kritisierte die Koranverbrennung in Afghanistan. Er bezeichnet das Vorgehen als "pietätslos" und vermutet einen politischen Hintergrund. "Es ist kaum vorstellbar, dass es sich hier um ein Versehen gehandelt hat, oder dass die Soldaten, die diese Bücher verbrannt haben, aus Unwissenheit gehandelt haben, sagte Yousefi im Deutschlandradio Kultur. "Meine Vermutung ist, dass das Ganze auch einen politischen Hintergrund haben kann, dass diejenigen, die das gemacht haben, auch andere Ziele erreichen wollen."

Wenig Verständnis in der nationalen Presse

Für die Koran-Verbrennungen gibt es in der nationalen Presse nur wenig Verständnis. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt dazu: "Die Entschuldigungen, die General Allen direkt an das Volk richtete, klangen demütig, ja sogar glaubhaft. Nur war dies zu spät, der Schaden ist angerichtet. Es gibt einen Fehler, den viele Afghanen nicht verzeihen - wenn sie das Gefühl bekommen, mit ihrer Religion werde nicht respektvoll umgegangen. Auch wenn es eine Ausnahme ist, was sich auf dem US-Stützpunkt in Bagram abgespielt hat, erklärbar ist ein solcher Vorfall im elften Jahr des Krieges am Hindukusch nicht. Einmal mehr zeigt sich: Viele Soldaten der Isaf-Truppe wissen immer noch zu wenig über das Land, in dem sie ihren Dienst verrichten." Diesen und weitere Kommentare finden Sie in der Presseschau des Deutschlandfunks.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:48 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 20:30 Uhr Lesezeit

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr Konzert

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Walter Momper zur Deutschen Einheit"Ich dachte, es würde viel länger dauern"

Der SPD-Politiker Walter Momper (dpa / picture alliance / Johannes Eisele)

Das Tempo der Wiedervereinigung Deutschlands habe auch ihn überrascht, sagte der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, im DLF. Die Menschen in der DDR seien der Regierung einfach nicht mehr gefolgt. "Die da oben wollten was und die da unten machten nicht mehr mit." Die Fehler, die damals gemacht wurden, seien der Situation und der politischen Lage geschuldet gewesen.

Die Generation MitteHochzufrieden - bis auf die Work-Life-Balance

Zwei Jugendliche laufen Hand in Hand durch eine Unterführung. (imago/Westend61)

Die große Mehrheit der 30- bis 59-Jährigen stuft die eigene Lebenssituation als gut ein. Eine satte Generation, sagen manche. Glückforscher Karlheinz Ruckriegel sieht darin Potenzial - und auch Bereiche, in denen sich etwas tun soll.

Digitaler AlltagWohnen in der Bahn

Leonie ist 23, Studentin, und hatte keinen Bock mehr auf ihre Vermieterin. Deshalb hat sie ihre Wohnung gegen eine Bahncard 100 getauscht und wohnt jetzt im ICE. Was sie da so erlebt, schreibt sie in ihr Blog.

Flüchtlinge "Meilenweit entfernt von europäischer Solidarität"

Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach auf der Tribüne im Stadion von Bayer Leverkusen. (imago / Schueler / Eibner)

Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach hat den Umgang der ungarischen Regierung mit den Flüchtlingen kritisiert. Hier werde "mit Vorsatz europäisches Recht verletzt", sagte Bosbach im DLF. Statt die Flüchtlinge einfach nach Deutschland weiterreisen zu lassen, sollte Ungarn die Asylverfahren für die Menschen organisieren.

Flüchtlinge"Die EU macht es fast unmöglich, sicher Asyl zu suchen"

Flüchtlinge warten auf Möglichkeiten der Weiterreise und campieren am Busbahnhof in Belgrad. (picture alliance / dpa / Thomas Brey)

Die EU kümmere sich vor allem um die Abwehr von Flüchtlingen, kritisierte Ninja Taprogge von Care Deutschland im DLF. Ihre Hilfsorganisation betreut Vertriebene an der serbisch-ungarischen Grenze. Diese besäßen oft nur die Kleider, die sie am Leib trügen.

Verrohte SpracheWenn Gegner als "Mob" bezeichnet werden

Gabriel, Opitz und der sächsische Wirtschaftsminister Dulig sprechen in Mikrofone und sind von Journalisten umringt. (Rainer Jensen/dpa)

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat kürzlich die rechtsradikalen Randalierer im sächsischen Heidenau als "Pack" bezeichnet. Unserem Autor Eberhard Straub ist das übel aufgestoßen: Der Wirtschaftsminister diskriminiere willkürlich und mache es sich furchtbar einfach.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Flüchtlinge  Bundesinnenminister de Maizière will Kommunen besser unterstützen | mehr

Kulturnachrichten

Berliner Ensemble zeigt Solidarität mit Flüchtlingen  | mehr

Wissensnachrichten

Tiere  Männliche Seepferdchen übernehmen Schwangerschaft stärker als gedacht | mehr