Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Ethisch problematisch

US-Forschungsergebnisse lassen Klon-Debatte wieder aufflammen

Eine Eizelle wird "entkernt" (picture alliance / dpa / OHSU Handout)
Eine Eizelle wird "entkernt" (picture alliance / dpa / OHSU Handout)

Wissenschaftler aus den USA haben erstmals menschliche embryonale Stammzellen durch Klonen erzeugt - die Reaktionen darauf sind so lebhaft wie unterschiedlich. Kritiker nennen die Experimente "äußerst problematisch", Genforscher sprechen von Fortschritten.

Es dürfte niemanden überraschen, dass diese Nachricht aus den Vereinigten Staaten dafür gesorgt hat, dass wieder über das Klonen gestritten wird: Die Forscher der Universität Oregon haben erfolgreich versucht, embryonale Stammzellen durch das Klon-Verfahren herzustellen. Ausdrücklich weisen sie darauf hin, dass ihnen nur am therapeutischen Klonen für medizinische Zwecke gelegen ist - und keinesfalls am reproduktiven Klonen von Menschen (für das ihre Experimente im übrigen nach Darstellung der Forscher ohnehin nicht taugen).

Bedenken der Kirche

Der Fakt der Forschungsergebnisse wurde schon nach kurzer Zeit von den internationalen Reaktionen übertönt. Besonders vehement fällt die Kritik der Kirche aus. Die amerikanische "Conference of Catholic Bishops" machte starke Bedenken geltend: Die Forschungsergebnisse könnten nun von jenen weiterverwendet werden, die darauf aus seien, geklonte Kinder als Kopien anderer Menschen herzustellen. In der Pressemitteilung heißt es denn auch:

"Whether used for one purpose or the other, human cloning treats human beings as products, manufactured to order to suit other people's wishes. It is inconsistent with our moral responsibility to treat each member of the human family as a unique gift of God, as a person with his or her own inherent dignity. A technical advance in human cloning is not progress for humanity but its opposite."

Sprich: Das Klonen behandelt nach Auffassung der Bischöfe Menschen wie Ware und steht der moralischen Verantwortung entgegen, jeden Menschen als Geschenk Gottes zu behandeln.

Keine "Verzweckung" des Menschen

Auch aus Deutschland gab es viele Reaktionen in diese Richtung. Der Vorsitzende des Rats der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, verurteilte das Klonen menschlicher Embryos scharf. Die Menschenwürde verbiete es, Embryonen ausschließlich "als Mittel den Zwecken anderer Menschen zu unterwerfen", sagte er der Zeitung "Die Welt". Der katholische Augsburger Weihbischof Anton Losinger warnte auf katholisch.de ebenfalls vor einer "Verzweckung" des Menschen.

Auch in der Politik gab es ablehnende Stimmen. Der forschungs- und der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion erklärten gemeinsam, dass es viele Chancen für die Forschung gebe, ohne dass an menschlichem Leben herumgebastelt werden müsse. SPD-Forschungsexperte Rene Röspel betonte, Deutschland sei auch ohne Klon-Experimente einer der weltweit führenden Standorte für die Stammzellforschung.

Philosoph Siep: "Die Forschung ist jetzt ein Stück weiter"

Die Bekanntgabe der neuen Ergebnisse hat denn auch die Ethik-Debatte wieder in Gang gebracht. Heute etwa äußerte sich der Philosoph und ehemalige Vorsitzende der Ethikkommission zur Stammzellforschung, Ludwig Siep. Er sagte im Deutschlandradio Kultur, natürlich sei man mit den neuen Erkenntnissen jetzt einen Schritt weiter. Dennoch: Ein sehr großer Schritt dahingehend, einen Menschen zu klonen, sei das Ganze aber nicht.

Ganz allgemein, so Siep, sei der Vorgang für viele ethische Positionen ein Problem. Entscheidend sei die Frage nach dem Status der Zelle: Wenn man - so wie im deutschen Gesetz - sage: Jede "totipotente" (noch nicht festgelegte) Zelle, die sich zu einem Menschen entwickeln könnte, ist schon ein Mensch mit Menschenrechten und moralischem Status: Dann sei das Ganze problematisch. Wenn man das nicht so sehe und argumentiere, dass die frühen Stadien der Zellen noch nicht diesen vollen Anspruch hätten, dann sei das weniger problematisch.

Brüstle: "Fortschritt für Grundlagenforschung"

Zurückhaltend zeigte sich auch der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle. Er sprach in der Wochenzeitung "Die Zeit" zwar von Fortschritten für die Grundlagenforschung. Er wies aber auch darauf hin, dass man schon deshalb nicht ganz unkritisch von "Erfolg" sprechen könne, weil das die ethische Problematik ausblende.

Das undatierte Foto zeigt den Forschungsleiter Shoukhrat Mitalipov der Oregon Health & Science Universität. Mitalipovs Forschungsteam ist es in den USA gelungen, Klon-Embryonen herzustellen und Stammzellen daraus zu gewinnen. H (OHSU / picture alliance / dpa)Forschungsleiter Shoukhrat Mitalipov der Oregon Health & Science Universität. (OHSU / picture alliance / dpa)Die Forscher aus dem Bundesstaat Oregon erhoffen sich von ihren Experimenten vor allem Fortschritte bei der Behandlung von Herzkrankheiten, Parkinson und Querschnittslähmung. Im Fachblatt "Cell", das als besonders seriös gilt, heißt es über die Methode, aus einer Hautzelle werde das genetische Material entnommen und in eine menschliche Eizelle eingepflanzt. Deren Zellkern wurde zuvor entfernt. Damit handele es sich bei den neu geschaffenen Zellen um echte embyonale Stammzellen, die sich zu Leber-, Herz- oder Nervenzellen ausdifferenzieren können.

Regelung in Deutschland zu embryonalen Stammzellen

Seit dem 1. Juli 2002 gibt es das deutsche Stammzellengesetz: Seitdem dürfen deutsche Wissenschaftler rechtmäßig mit bestimmten embryonalen Stammzellen des Menschen forschen.

Bei dem Gesetz handelte es sich um einen Kompromiss, um den lange gerungen worden war: Demnach dürfen in Deutschland embryonale Stammzellen nicht neu gewonnen werden, aber der Import der umstrittenen Zellen ist unter strengen Auflagen in Einzelfällen erlaubt. Nur solche Zelllinien kommen in Frage, die bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes hergestellt und im Labor gezüchtet worden sind.

Mehr zum Thema:

Organe aus dem Baukasten

Embryonale Stammzellen zwischen Forschung und Klinik

Es ist ein Klon! Wie ein Schaf namens Dolly die Welt veränderte

Von Mendel zu Dolly Ernst Peter Fischer: "GENial! Was Klonschaf Dolly den Erbsen verdankt", Herbig, München 2012, 352 Seiten

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:11 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Fazit

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Klangkunst

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Sechs Monate Donald Trump"Er hat nichts auf die Reihe gekriegt"

Die Journalistin und Publizistin Evelyn Roll. (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)

Seit vielen Jahren schaut Evelyn Roll, Leitende Redakteurin bei der "Süddeutschen Zeitung", kritisch auf das Tun von Politikern. Über Donald Trump sagt sie: Er sei ein Demokratieverächter und eine Schande für sein Land. Und auch sonst fällt ihre Einschätzung verheerend aus.

Journalismus-Studie"Die überregionalen Medien haben die Bevölkerung vergessen"

Drei junge Frauen stehen mit einem Begrüßungsplakat mit der Aufschrift "Refugees Welcome" für Flüchtlinge an den Gleisen. (dpa / Frank Rumpenhorst)

Während der Flüchtlingskrise sei zu unkritisch über die Zuwanderung berichtet worden - das ist das Ergebnis einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Die Medien hätten sich mit den Ansichten der politischen Eliten gemein gemacht, sagte der Leiter der Studie, Michael Haller, im Deutschlandfunk.

Aktuelle Karikaturen in der Türkei"Erdogan als Hitler darstellen? Kein Problem!"

"Wir zeichnen weiter" - heißt es auf dem Cover des Ausstellungskatalogs "Schluss mit lustig". (Avant Verlag)

"Die Satire in der Türkei ist ungebrochen und besonders kreativ", sagte Korrespondentin Sabine Küper-Büsch im Dlf. Sie hat in der Caricatura-Galerie in Kassel eine Ausstellung mit aktueller Satire aus dem Land kuratiert. Doch die Selbstzensur und der Druck auf die Zeichner nähmen zu.

Vorwürfe gegen NGOs im Mittelmeer"Das ist gelogen"

Ein Rettungsboot der privaten Hilfsinitiative "Sea Eye", an der unter anderem der deutsche Journalist Hans-Peter Buschheuer beteiligt ist. "Sea Eye" versucht, das Elend der Flüchtlinge auf maroden Booten durch Erstversorgung zu lindern. (Sea Eye e.V.)

Arbeiten private Rettungsschiffe im Mittelmeer Hand in Hand mit den Schleppern? Den Vorwurf weist Hans-Peter Buschheuer von der Organisation "Sea Eye" zurück. Rettungsorgsanisationen für die Flüchtlingskrise verantwortlich zu machen, sei eine Umkehrung der Verhältnisse, sagte er im Dlf.

Schlimme UrlaubserlebnisseTouristen ohne jeden Stil und Kultur

Zahlreiche Strandbesucher und Urlauber sind am 13.06.2017 in Palma de Mallorca (Spanien) am Strand Strand von Es Portixol zu sehen. Die spanische Insel erwartet in diesem Jahr einen gewaltigen Touristenansturm.  (picture-alliance / Jens Kalaene / dpa-Zentralbild / ZB)

Mehr als 1,2 Milliarden Menschen machen sich nach UN-Angaben jährlich auf, um irgendwo einen schönen Urlaub zu verbringen. Tolle Sache, weil völkerverbindend und wirtschaftsfördernd. Die stetig wachsende Reiselust hat allerdings auch Schattenseiten.

Polen"Die Justizreform ist notwendig"

Demonstranten protestieren am 16.07.2017 vor dem Parlamentsgebäude in Warschau (Polen) gegen eine umstrittene Justizreform der nationalkonservativen polnischen Regierung. (dpa-Bildfunk / AP / Czarek Sokolowski)

Das polnische Parlament wird heute voraussichtlich die umstrittene Justizreform verabschieden - allen Protesten zum Trotz. Die polnische Journalistin Aleksandra Rybinska verteidigt die Pläne der Regierung. Die Richter seien korrupt und genössen kein Vertrauen bei den Menschen, sagte sie im Dlf.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Venezuela  Ein Toter bei Unruhen während des Generalstreiks | mehr

Kulturnachrichten

Linkin Park-Sänger Chester Bennington ist tot  | mehr

 

| mehr