Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

EU besorgt um Italien ohne Monti

Regierungskrise belastet italienischen Finanzmarkt

Italiens Premier Mario Monti (picture alliance / dpa / Olivier Hoslet)
Italiens Premier Mario Monti (picture alliance / dpa / Olivier Hoslet)

Die Rücktrittsankündigung von Italiens Regierungschef Mario Monti versetzt Politik und Finanzmärkte in Aufruhr. Europäische Politiker warnen das Land vor einer Abkehr vom Reformkurs, italienische Aktien und Anleihen fielen deutlich.

"Die Reformpolitik muss fortgesetzt werden, denn sonst ist die Gefahr groß, dass Italien, aber auch Europa insgesamt wieder in einen Strudel hineingeraten können", sagte Außenminister Guido Westerwelle in Brüssel. Er ist einer von vielen Spitzenpolitikern in Europa, die nach der Rücktrittsankündigung von Italiens Regierungschef Mario Monti vor einer Abkehr des Landes vom Reformkurs warnen.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso forderte im italienischen Fernsehen, dass die anstehenden Neuwahlen kein Grund für einen Stopp der Reformpolitik sein dürften. Es gebe zudem "keine gute Alternative" zur aktuellen Konsolidierungspolitik. Auch der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM, Klaus Regling, sagte der Süddeutschen Zeitung, es sei für Italien wie für die gesamte Währungsunion wichtig, dass der Reformprozess fortgesetzt werde.

Van Rompuy: Monti hat gute Arbeit geleistet

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sagte der Nachrichtenagentur AFP, es sei bedauerlich, dass Monti seinen Weg nun nicht zu Ende gehen könne. Er sorge sich vor allem auch um die politische Stabilität Italiens. Am Rande der Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU erklärte Ratspräsident Herman Van Rompuy in Oslo, Monti habe als Ministerpräsident "gute Arbeit" geleistet. Er habe das "Vertrauen in Italien wieder hergestellt" und mit den angestoßenen Reformen erheblich zur Stabilität in der Eurozone beigetragen.

Gerät Italien ernsthaft in Schwierigkeiten, befürchten Experten eine neuerliche Verschärfung der Schuldenkrise. Der Leitindex der Mailänder Börse rutschte im Laufe des Tage um bis zu 3,8 Prozent nach unten und lag am Abend 2,2 Prozent im Minus bei 15.354 Zählern. Auch italienische Staatsanleihen gingen auf Talfahrt. Die übrigen europäischen Aktienbörsen standen zwar ebenfalls unter Druck, kamen aber ebenso wie der Euro meist glimpflich davon. Der Dax rettete sich sogar ins Plus.

Monti hatte am Samstagabend seinen baldigen Rücktritt angekündigt. Der Regierungschef will zunächst noch das Gesetz über die Schuldenbremse im Parlament durchbringen. Der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi erklärte seine erneute Kandidatur für das Amt bei den im kommenden Jahr stattfindenden Neuwahlen. Wegen des vorzeitigen Rückzugs von Monti dürften diese nun auf Februar vorgezogen werden.

Italiener sind wenig begeistert von Berlusconis Comeback

In Italien reagierten viele Menschen geschockt auf die Ankündigung Berlusconis, berichtete Korrespondent Stefan Troendle im Deutschlandfunk. "Unter den insgesamt zehn zufällig Befragten war nicht einer, der sich für Berlusconi ausgesprochen oder seine erneute Kandidatur begrüßt hätte. Das Stimmungsbild bestätigt eine Umfrage der Zeitung "La Nazione", der zufolge 81 Prozent der Italiener eine erneute Berlusconi-Kandidatur ablehnen."

"Vor Silvio Berlusconi muss man sich nicht mehr fürchten. Seine Zeit ist abgelaufen - schon lange", kommentiert auch Korrespondent Tillman Kleinjung im Deutschlandradio Kultur. Die Wahlen im kommenden Jahr würden amtlich machen, dass Berlusconi keinen Rückhalt mehr habe, weder in der eigenen Partei, noch in der Bevölkerung.

Monti steht seit Berlusconis Rücktritt im November 2011 an der Spitze einer Expertenregierung und leitete eine Reihe von Reformen ein. Der Druck auf das Land ließ daraufhin in der Euro-Schuldenkrise deutlich nach. Montis Kabinett wurde bislang von den großen politischen Parteien Italiens mitgetragen, die Partei Berlusconis kündigte vergangene Woche jedoch ihren Rückhalt auf. Viele noch nicht umgesetzte Vorhaben stecken nun in der Gesetzgebungsphase fest.


Mehr zum Thema:

"Monti hat nicht immer die richtigen Sparansätze gezeigt" - Der italienische Abgeordnete Brugger zur möglichen Rückkehr Silvio Berlusconis
Berlusconis Zeuginnen stehen auf seiner Lohnliste - Zwischenstand im Ruby-Prozess
Bunga-Bunga-Stimmung in Italien ist vorbei - Berlusconis Medienholding MEDIASET schreibt rote Zahlen

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:02 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 17:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 17:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Soziale AngststörungenTherapien besser als Medikamente

Eine Frau sitzt vor einem Laptop und schlägt angesichts von Hassbotschaften per Facebook die Hände vors Gesicht. (imago / Reporters)

Für Menschen mit einer sogenannten sozialen Phobie sind Situationen wie das Vortragen von Referaten extrem belastend. Sie kann erhebliche Folgen, wie etwa einen Schul- oder Studienabbruch, nach sich ziehen. Der Psychotherapieforscher Falk Leichsenring rät von einer medikamentösen Behandlung ab.

Neues vom E-ELTStartschuss für das Riesenauge

Eine Animation des European Extremely Large Telescope (E-ELT) (ESO/L. Calçada)

Das geplante Großteleskop der Europäischen Südsternwarte ESO nimmt zunehmend Gestalt an. So wurde vor einigen Wochen in Mainz der Rohling für den Sekundärspiegel mit einem Durchmesser von 4,20 Metern gegossen.

Neuer Trend: Der Öko-ThrillerDie Ökofrage ist im Mainstream angekommen

Angestellte der staatlichen Ölfirma Petroecuador versuchen ein ölverseuchtes Gebiet des Amazonas zu reinigen. (AFP / RODRIGO BUENDIA)

In aktuellen Thrillern zeichnet sich ein Trend ab: Öko-Themen spielen eine immer größere Rolle - immer häufiger geht es um Öko-Verbrecher oder um Mord an Öko-Helden. Eine kleine Genre-Analyse des Krimi-Experten Ulrich Noller - Empfehlungsliste inklusive.

Gamescom"Computerspiele auf allen Ebenen fördern"

Ein Bild aus dem Computerspiel "The Secret of Monkey Island". (picture alliance/ dpa / Lucas Arts)

Wer es ernst meint mit dem "Kulturgut" Computerspiel, dürfe nicht nur die Interessen der Spieleindustrie im Auge haben, meint der Kulturwissenschaftler Christoph Bareither. Sondern Forschung und seriöser Computerspieljournalismus müssten gefördert werden.

Kinder psychisch kranker Eltern Zu viel Verantwortung und große Einsamkeit

Mädchen sitzt in der Schule auf dem Boden (picture alliance / ZB/Britta Pedersen)

Rund 3,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen mit sucht- oder psychisch kranken Eltern auf. Oft müssen sie zu früh Verantwortung übernehmen und werden an ihrer freien Entwicklung gehindert. Beratungsstellen bieten Hilfe an - nützen aber vor allem unter einer Voraussetzung.

Zweite Chance für EuropaMehr Demokratie, mehr Rechtsstaat, mehr Gewaltenteilung

Zuschauer mit Europa-Flaggen stehen am 15. Mai 2017 in Berlin vor dem Bundeskanzleramt beim Antrittsbesuch des französischen Präsidenten Macron (picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/ZB)

Die ausgestreckte Hand des europafreundlichen, französischen Präsidenten ergreifen: Das fordert der ehemalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Nach der Bundestagswahl im September gehe es darum, mit dem Nachbarn im Westen, das Projekt Europa aus der Krise zu führen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Rostock-Lichtenhagen  Erinnerung an rassistische Ausschreitungen vor 25 Jahren | mehr

Kulturnachrichten

PEN ruft zu Spenden für Akhanli auf  | mehr

 

| mehr