Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Fahndungsaufruf statt Beratungsangebot

Umstrittene Plakat-Kampagne "Vermisst" sorgt für Unmut

Von Dorothea Jung

Ausschnitt eines Plakats der Kampagne "Vermisst" (Bundesinnenministerium)
Ausschnitt eines Plakats der Kampagne "Vermisst" (Bundesinnenministerium)

Mit seiner Plakataktion will das Bundesinnenministerium auf die Hotline seiner "Beratungsstelle Radikalisierung" aufmerksam machen. Geholfen werden soll Angehörigen von Jugendlichen, die in die radikal-islamistische Szene abgerutscht sind. Von Muslimen hat die Kampagne zum Teil heftige Kritik geerntet.

Bundesinnenminister Hans Peter Friedrich, CSU, plant eine Großflächenplakatierung in Berlin, Bonn und Hamburg mit vier Motiven. Neben besagtem Achmed wird man einen Hassan sehen, eine Fatima mit Kopftuch und einen Tim. Also drei Plakatmotive mit Jugendlichen, die eindeutig aus Einwandererfamilien stammen - sowie ein weiteres, das einen Deutschen zeigt. Natürlich werden diese vier Jugendlichen nicht wirklich vermisst. Sie sind nur Fotomodelle. Alle lächeln freundlich. Aber dennoch wirken die Bilder wie Fotos auf einem Steckbrief. Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde in Deutschland, assoziiert mit der Kampagne denn auch weniger ein Beratungstelefon, als vielmehr einen Fahndungsaufruf.

"Weil Muslime, wenn sie irgendetwas bei ihren Verwandten , Kindern oder Bekannten merken, sich an diese Telefonnummer wenden sollen. Und mit dieser Aktion hat man sozusagen eine Gruppe vor sich, die als Problem gesehen wird und das ist für uns stigmatisierend das ist für uns ausgrenzend und insofern ist es eine gefährliche Entwicklung, was der Bundesinnenminister hier verfolgt."

Empörung auch auf Twitter, Facebook und islamischen Weblogs.
"Innenminister Friedrich ruft zur Denunziation von Muslimen auf!"

twittert die salafistische Gruppe "Die wahre Religion". Und ein in der islamischen Szene bekannter Blogger postet:
"Muslime brauchen Identität und Heimatgefühl - keine Plakate, die sie zur Jagd freigeben",

Ins Leben gerufen wurde das Beratungstelefon von der "Initiative Sicherheitspartnerschaft", zu der Hans-Peter Friedrich im März 2011 muslimische Verbände eingeladen hatte, um Radikalisierungstendenzen unter Muslimen zu bekämpfen.. Und die Islamverbände machten alle mit. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums waren sie auch in die Entwicklung der Plakataktion eingebunden. Ausgenommen von der Sicherheitspartnerschaft war nur der von der islamistischen Gemeinschaft Milli-Görüs dominierte Islamrat. Und bezeichnenderweise waren es Milli-Görüs- und Islamrat-Funktionäre, die am Samstag, nachdem die Presse über die geplante Plakat-Aktion berichtet hatte, die an der Sicherheitspartnerschaft beteiligten muslimischen Verbände scharf angriffen.

"Vermisst! Ich vermisse muslimische Funktionäre mit Rückgrat und Zivilcourage!"

empört sich Milli-Görüs-Generalsekretär Oguz Ücüncü auf Twitter. Und sein Stellvertreter lobt statt dessen seinen eigenen Dachverband:

"Der Islamrat lehnt sowohl die Plakataktion als auch die Initiative Sicherheitspartnerschaft ab - Vorbildfunktion - Ausrufezeichen, Ausrufezeichen."

Die Folge: Vier Tage nach der Pressekonferenz des Bundesinnenministeriums werfen die beteiligten Verbände dem Bundesinnenminister vor, ihre Bedenken gegen die Plakataktion ignoriert zu haben und legen ihre Zusammenarbeit in der Initiative auf Eis. Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde in Deutschland findet das nachvollziehbar. Er hat Bundesinnenminister Friedrich gebeten, die Plakataktion zu stoppen.

"Die muslimischen Verbände und wir als türkische Gemeinde sind natürlich gewillt, dass man Radikalisierungstendenzen in der Gesellschaft entgegnen muss. Jedoch muss dort Einvernehmen herrschen. Man kann nicht über den Kopf der muslimischen Verbände Entscheidungen treffen und sie dann zur Unterstützung auffordern; die sind nicht Statisten; das geht nicht!"

Die Behauptung, die Plakataktion sei über den Kopf der Verbände hinweg entstanden, sei unzutreffend, versichert das Bundesinnenministerium. Kein Verband habe im Vorfeld Bedenken geäußert, obwohl dazu Gelegenheit bestanden hätte. In den Hintergrund tritt in diesem Streit, was das Beratungstelefon eigentlich leisten möchte. Die Hotline soll eigentlich verzweifelten Familien an kompetente Beratungsstellen vermitteln. Denn dass ein derartiges Hilfsangebot bislang fehlt, davon kann zum Beispiel eine Mutter, die wir Verena Kühn nennen, ein Lied singen. Sie macht sich große Sorgen um ihren Sohn, der in salafistische Kreise geraten ist.

"Die Angst, dass eigene Kind ganz zu verlieren, das ist eine Sache, die mich Tag und Nacht verfolgt. Und große Unterstützung gibt es keine: Wie geht man damit um, was soll man nicht tun; man ist sehr, sehr verunsichert, fast so, wie eine ganz junge Mutter, die grad ihr erstes Kind kriegt und nicht genau weiß, was sie machen soll."

Ob die Plakataktion Betroffenen wie Verena Kühn helfen könnte, bezweifelt Volker Beck, der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Deutschen Bundestag. "Im besten Fall wird die Kampagne nutzlos sein", sagte er, "und im schlimmsten Fall führt sie zu neuen Polarisierungen." Hans Peter Friedrich will an der Kampagne festhalten.


Mehr zum Thema bei tagesschau.de
Islamische Verbände kritisieren Plakatkampagne

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:57 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 05:05 Uhr Auftakt

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 04:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Cate Blanchett: "Der Moment der Wahrheit"Star ohne Paparazzi

Die Schauspielerin Cate Blanchett  (picture alliance / dpa / Frédéric Dugit)

In ihrem neuen Film "Der Moment der Wahrheit" spielt Cate Blanchett eine investigative Journalistin. Anna Wollner hat mit der zweifachen Oscarpreisträgerin, über den Film und das Leben als Star gesprochen.

Chinas ExpansionskursDer Konflikt im Südchinesischen Meer

Pag-asa Island ist von den Philippinen besetzt. Die Ansprüche im Südchinesischen Meer sind umstritten. (picture alliance / dpa / Maxppp)

Mehrere Staaten erheben Anspruch auf das Südchinesische Meer. Seitdem China dort Atolle aufschüttet und militärische Einrichtungen baut, steigt das Konfliktpotenzial. Die USA betrachten das Meer als neuralgischen Punkt.

Szenen aus einer beunruhigten WeltLeben im Ausnahmezustand

Eine Frau hält den Kopf in den Händen. (imago / Science Photo Library)

Die Echtzeit präsentiert Szenen aus einer beunruhigten Welt: Was bedeutet es etwa, im Ausnahmezustand zu leben? Damit ist keine Wertung gemeint, sagen die, um die es in der Echtzeit geht. Sie machen einfach das Beste daraus.

NeurologieDie Macht der Musik

Musik hören und Musik machen ist nicht nur schön, sondern es verändert uns auch. Unter anderem kann Musik uns schlauer und kooperativer machen. Musik regt sogar neuroplastische Veränderungen in unserem Gehirn an.

Arbeitsbedingungen an TheaternSchauspieler am Limit

Blick in einen leeren Theatersaal mit geschlossenem Vorhang. (dpa/picture alliance/Stefan Sauer)

"Es ist Zeit für eine Theaterreform", fordert Lisa Jopt, Schauspielerin und Mitbegründerin des "Ensemble Netzwerk". Die Initiative will bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechtere Bezahlung für Schauspieler und Theatermacher durchsetzen.

Zustand der Linken"Rot-Rot-Grün steht 2017 nicht zur Debatte"

Der Politologe Eckhard Jesse in seinem Haus in Niederbobritzsch bei Freiberg (dpa / picture alliance / Wolfgang Thieme)

Ein rot-rot-grüner Kanzlerkandidat sei aus Sicht der Linkspartei eine "Schnapsidee", sagte der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse im Deutschlandfunk. Das müsse auch Gregor Gysi akzeptieren. Die Wählerschaft der Partei sei dabei zum Teil nicht links - und dadurch verliere die Partei Stimmen an die AfD.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Mittelmeer  Flüchtlinge berichten über hunderte Tote | mehr

Kulturnachrichten

Schauspieler Giorgio Albertazzi gestorben  | mehr

Wissensnachrichten

Mehr-Jahres-Studie  Kann Handystrahlung Krebs erzeugen? | mehr