Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Frauen gegen Frauenquote

EU-Kommission verschiebt Entscheidung über Quotenregelung

Mehr Frauen in Aufsichtsräten - so das Ziel von EU-Justizkommissarin Reding. (picture alliance / dpa)
Mehr Frauen in Aufsichtsräten - so das Ziel von EU-Justizkommissarin Reding. (picture alliance / dpa)

EU-Justizkommissarin Viviane Reding wollte ihre Idee einer Frauenquote in der Kommission durchsetzen. Doch sie stieß auf überraschend viel Widerstand, ausgerechnet auch von Kolleginnen. Reding hat jetzt eine letzte Chance.

Mehr Frauen in Führungspositionen – das ist Redings Idee. Im Moment sind EU-weit nur 13 Prozent der Sitze in Aufsichtsräten mit Frauen besetzt, in manchen Ländern sind es gar nur fünf Prozent. Dass es klappt, die Unternehmen gesetzlich zu zwingen, ganz oben mehr Frauen zu beschäftigen – daran glaubt Reding und schaut auf Frankreich. Hier wurde vor einem Jahr eine Quote eingeführt; seitdem ist der Frauenanteil in den Vorständen von 12 auf 22 Prozent hochgeschnellt.

Bisher hatte die EU-Justizkommissarin nur gedroht - jetzt will sie bei börsennotierten Unternehmen in der EU ernst machen. Die sollen nach ihren Plänen mindestens 40 Prozent der Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzen – bis spätestens 2020. Öffentliche Unternehmen sollen diese Vorgabe schon bis 2018 erreichen. Andernfalls drohen Strafzahlungen oder der Entzug öffentlicher Aufträge.

Weiblicher Widerstand

EU-Justizkommissarin Viviane Reding (picture alliance / dpa / Julien Warnand)EU-Justizkommissarin Viviane Reding (picture alliance / dpa / Julien Warnand)Überzeugen konnte sie mit ihren Vorschlägen am Dienstag viele ihrer Kommissionskollegen nicht. Eine geplante Pressekonferenz, auf der sie ihren Erfolg vorstellen wollte, sagte Reding kurzfristig ab und gab stattdessen nur ein kurzes Statement, wie DLF-Korrespondent Jörg Münchenberg aus Brüssel berichtet. Reding sagte, nun müsse ein anderer Weg gefunden werden, um ihren Plan durchzusetzen. Widerstand kommt ausgerechnet von denen, in denen Reding enge Verbündete sehen musste: den Kolleginnen. Die EU-Kommissarinnen Neelie Kroes (Digitales) und Cecilia Malmström (Innenpolitik) stellen sich gegen die Quote. Sie sehen rechtliche Probleme, befürchten Nachteile für Firmen und einen zu hohen bürokratischen Aufwand.

Barroso rettet Abstimmung

Unterstützung bekommt die Justizkommissarin von Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Er verhinderte, dass am Dienstag über die Frauenquote abgestimmt wurde. Bei einer Niederlage wäre sie endgültig vom Tisch gewesen. Stattdessen kann Reding bis Ende November neu verhandeln. Am Kern ihres Vorschlags, den 40 Prozent, will sie aber nichts verändern, Streit gebe es eher über Details. "Wir brauchen mehr Zeit", sagte Reding. So müsse noch hinreichend geklärt werden, dass die Quote nur für Vorstände, aber nicht für das Management gelten dürfe. Wie der Kompromissvorschlag aussieht, sagte Reding allerdings nicht.

Auch die Regierungen von neun EU-Ländern sind gegen die Quote. Einem Brief von Großbritannien schlossen sich unter anderem Ungarn, Rumänien und die Niederlande an. Sie haben zusammen genügend Stimmen im Ministerrat, um die Quote zu verhindern. Die Bundesregierung hat nicht unterschrieben, aber auch sie ist mehrheitlich gegen die Quote. Sie wird allerdings gerade vom Bundesrat unter Druck gesetzt, eine solche Quote in Deutschland einzuführen - zur Freude von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die ebenfalls dafür ist. So oder so müsste Reding bei den EU-Ländern noch Überzeugungsarbeit leisten.

"Ich muss leider bekennen, ich bin keine Frau"

Yves Mersch (dpa / Karlheinz Schindler)Leider keine Frau: Yves Mersch, Kandidat für das EZB-Direktorium (dpa / Karlheinz Schindler)Auch an anderer Stelle in den EU-Gremien wird über den Frauenanteil gestritten. Das Direktorium der Europäischen Zentralbank besteht ausschließlich aus Männern. Demnächst wird dort ein Posten frei. Einziger Kandidat derzeit: ein Mann – der Präsident der Luxemburger Zentralbank, Yves Mersch. Wenn er gewählt würde, bliebe das Gremium voraussichtlich sechs Jahre frauenfrei. Vor allem Sozialdemokraten und Grüne im EU-Parlament wollen das verhindern und kämpfen vehement für eine Kandidatin. Verhindern können sie Mersch zwar nicht, denn sie dürfen ihn nur anhören, aber nicht wählen. Allerdings wäre seine Legitimation ramponiert, würden sich die Mitgliedsstaaten über eine Ablehnung durch das Parlament hinwegsetzen. Das Zitat des Tages dazu lieferte Mersch selbst: "Ja, ich muss leider bekennen, ich bin keine Frau."


Mehr dazu auf dradio.de:

Reizthema und Glaubensfrage - Frauenquote wird von der EU blockiert (Kommentar von Annette Riedel)
Bundesrat will Frauenquote in Spitzenjobs - Unionsländer verhelfen SPD-Initiative zum Durchbruch
Männer, Macht und Frauenquoten - Der berufliche Geschlechterkampf steht vor einer neuen Runde

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:00 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 11:30 Uhr Sonntagsspaziergang

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Sahra Wagenknecht"Europa ist wesentlich unsozialer und brutaler geworden"

Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht. (Imago / Metodi Popow)

Nach dem britischen Votum für einen Brexit hat die Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Sahra Wagenknecht, ein sozialeres Europa angemahnt. Gerade Regionen mit einer hohen Arbeitslosigkeit hätten für den Austritt aus der EU gestimmt, sagte sie im DLF. Der Sozialstaat dürfe nicht weiter zerstört, sondern müsse wiederhergestellt werden.

Reaktionen in den USADie Beziehung zu den Briten kühlt ab

US-Präsident Obama wirbt in einer außenpolitischen Rede in Hannover für einstarkes und geeintes Europa. (AFP PHOTO/ Jim Watson)

Washington reagiert besorgt auf das Brexit-Votum. Nicht nur zu Großbritannien wird die Beziehung der USA komplizierter, sondern auch zur EU. Innenpolitisch könnte allerdings einer profitieren.

Referendum als perfekter Serien-TwistGame of Brexit

Leave! Bei Game of Thrones wäre die Brexit-Abstimmung der perfekte Cliffhanger gewesen. Und wie in der Serie verlieren die Guten viel zu oft. Unser Autor Stephan Beuting ist trotzdem gaaanz leicht optimistisch.

Film "Die Hände meiner Mutter"Wenn Missbrauch nicht mehr beschwiegen wird

Szene aus dem Film "Die Hände meiner Mutter", der beim Filmfest München 2016 gezeigt wird (Filmfest München 2016)

In dem Film "Die Hände meiner Mutter" erinnert sich ein erwachsener Mann, dass er in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde – durch eine Frau, seine eigene Mutter. Der Regisseur Florian Eichinger sagt, dass er ein "relativ tabuisiertes Thema" ohne reißerischen Voyeurismus behandeln wollte.

EU-Austritt Großbritanniens"Schotten könnten Unabhängigkeit vom Königreich verlangen"

Graham Watson, Vorsitzender der Liberalen-Fraktion im Europäischen Parlament (ALDE) (imago stock & people)

In Schottland hat es beim Referendum eine große Mehrheit für den Verbleib in der EU gegeben. Wenn die Engländer nun auf den EU-Austritt bestünden, dann könnte es dazu kommen, dass es kein Vereinigtes Königreich mehr geben werde, sagte Graham Watson, britischer Abgeordneter der Liberaldemokraten im EU-Parlament, im DLF.

Multimedia-ReportageGrimme Online Award für Deutschlandradio Kultur

Tausende Sizilianer zogen in den 1960er-Jahren nach Solingen, um dort zu arbeiten. Was wurde aus ihrem Heimatgefühl, was aus ihren Träumen? Darum geht es in der ausgezeichneten Multimedia-Reportage.

Der Grimme Online Award geht unter anderem an eine Multimedia-Reportage vom Deutschlandradio Kultur. "Trappeto-Solingen-Trappeto" erzählt von Zuwanderern aus Sizilien, die nach Solingen kamen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Brexit  EU-Parlament verlangt Ende der Ungewissheit | mehr

Kulturnachrichten

Homosexuelle wollen vor türkischer Botschaft protestieren  | mehr

Wissensnachrichten

Evolution  Haare, Federn und Schuppen haben ziemlich viel gemeinsam | mehr