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Frauen werden "nicht als Menschen angesehen"

Gewalt gegen Frauen ist in Äthiopien an der Tagesordnung

Von Dirk-Oliver Heckmann

Frauen in Äthiopien leiden unter Gewalt (picture alliance / dpa)
Frauen in Äthiopien leiden unter Gewalt (picture alliance / dpa)

Fast alle Frauen in Äthiopien sind Opfer von Gewalt. Geholfen werden kann ihnen nur schwer: Begriffe wie Vergewaltigung oder Gender dürfen Menschenrechtler gar nicht erst in den Mund nehmen. Die Frauenrechtlerin Bogalech Gebre setzt sich trotzdem ein.

Sie verbirgt ihre Augen hinter einer großen dunklen Sonnenbrille. Aber wenn sie spricht, nimmt sie kein Blatt vor den Mund: die Frauenrechtsaktivistin Dr. Bogalech Gebre. Sie hält es für ihre Pflicht, etwas über die Lage in ihrem Land zu erzählen; trotz der Gefahr, die für sie und alle anderen Menschenrechtler besteht.

Wie aber genau ist die Lage? Bogalech weiß gar nicht so recht, wo sie anfangen soll:

"Frauen haben so viele Probleme in diesem Land, dass ich sie kaum zählen kann."

Frauen erleben tagtäglich Gewalt, erzählt sie. Sie werden jeden Tag terrorisiert, ökonomisch ebenso wie politisch benachteiligt. Wenn sie zum Markt gehen, haben sie Angst. Besonders schlimm sei die Situation in den städtischen Slums, aber auch auf dem Land - dort, wo sie selbst herkommt.

"Frauen in den ländlichen Regionen werden nicht als Menschen angesehen. Sie werden Opfer aller Art von Gewalt. Sie werden Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung. Sie werden entführt und zwangsverheiratet, vergewaltigt. Und kürzlich wurden zwei Frauen am helllichten Tag erschossen, von ihren ehemaligen Ehemännern, von denen sie geschieden worden waren."

Die meisten Frauen nehmen das alles hin, sagt die Menschenrechtlerin, und zieht einen ungewöhnlichen Vergleich. "Frauen in Äthiopien", sagt sie, "sind wie Kanarienvögel".

"Während der industriellen Revolution haben die Kohlenarbeiter Kanarienvögel in die Minen mitgenommen, weil sie die ganze Zeit singen. Und wenn der Sauerstoff fehlt, hörten sie auf zu singen, und die Minenarbeiter rannten davon. Unsere Frauen in Äthiopien, auf dem Land, in den Slums, sind wie Kanarienvögel. Sie singen heute viel weniger."

Auf die Regierung können sich die Frauen nicht verlassen, meint Bogalech. Im Gegenteil: Nicht nur die Opposition wird kleingehalten; im äthiopischen Parlament sitzen gerade einmal zwei Abgeordnete, die nicht der Regierungsseite zuzurechnen sind; nicht nur Journalisten werden in ihrer Arbeit behindert oder unter angeblichem Terrorverdacht ins Gefängnis gesteckt, wie auch unabhängige ausländische Menschenrechtsorganisationen bestätigen. Die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung hat bereits ihr Büro geschlossen.

Vor allem Menschen- und Bürgerrechtsaktivisten aus Äthiopien selbst aber leben gefährlich. Und mit dem neuen Antiterrorgesetz umso mehr. Die Organisation der Aktivistin, die unter anderem gegen Genitalverstümmelung vorgeht, darf nicht arbeiten. Bogalech selbst ist zwar noch nie festgenommen worden, aber das, sagt sie, liegt nur daran, dass sie darauf achtet, sich streng innerhalb des Gesetzes zu bewegen. Tut sie es nicht, riskiert sie Gefängnis, selbst aus geringstem Anlass.

"Auch wenn es sehr schwer ist: Ich muss jedes einzelne Wort sorgfältig wägen. Wenn ich sage "Menschenrechte", "Gender", "Vergewaltigung", "Gewalt" - ich darf diese Dinge gar nicht aussprechen."

Wer kann etwas tun, damit mehr Freiheit, mehr Demokratie in Äthiopien möglich wird?

Bogalech Gebre ist sich sicher: Es kann nur die Zivilgesellschaft. Kann ein Treffen mit dem Bundespräsidenten aus Deutschland etwas helfen?
"Das ist unsere Hoffnung", meint Bogalech zum Abschied. Sie wollten doch schließlich nichts Unrechtes.

"Wir kamen nicht, um unsere Regierung anzuklagen."

Mehr auf dradio.de:

Ausgebeutet, gequält, erniedrigt - Äthiopische Hausmädchen als Arbeitssklavinnen

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:08 Uhr

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