Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Friedensnobelpreis für die Europäische Union

Auszeichnung für Einigungsprozess

Wir sind alle Friedensnobelpreisträger: Die EU ist vom Nobelpreiskomitee ausgezeichnet worden.
Wir sind alle Friedensnobelpreisträger: Die EU ist vom Nobelpreiskomitee ausgezeichnet worden. (picture alliance / dpa / Thierry Monasse)

Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an die Europäische Union. Viele europäische Politiker - unter ihnen Bundeskanzlerin Angela Merkel - begrüßten die Entscheidung der Jury. Doch es gibt auch Kritik.

"Die Europäische Union und ihre Vorgänger haben zur Förderung des Friedens und der Demokratie in Europa beigetragen", erklärte der Vorsitzende des Norwegischen Nobelkomitees, Thorbjörn Jagland, bei der Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers. Auch wenn die EU derzeit mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und sozialen Unruhen zu kämpfen habe, wolle das Komitee den Blick auf ihre einmalige Erfolgsgeschichte und ihre Verdienste für den Frieden richten.

Ein Verdienst der EU und ihrer Politiker sei es, dass die Völker in Europa seit Jahrzehnten friedlich zusammenlebten, kommentiert Peter Lange, Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur. Der Friedensnobelpreis rufe nun in Erinnerung, dass dies nicht selbstverständlich sei.

Positive Reaktionen aus Brüssel

Mit Stolz und Begeisterung habe Brüssel auf den Friedensnobelpreis reagiert, berichtete Jörg Münchenberg im Deutschlandfunk. Die Auszeichnung sei "eine große Ehre für die Europäische Union", erklärte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. "Es ist die Anerkennung für ein ehrgeiziges Projekt zum Wohle seiner Bürger und auch zum Wohle der Welt." Und auch EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy sagte, der Preis "sei die größtmögliche Anerkennung für die tiefen politischen Motive hinter der Union".

Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD), begrüßte die Entscheidung des Osloer Komitees. "Es ist ein Appell, weiterzumachen und sich nicht beirren zu lassen, auch wenn wir in einer Krise sind", sagte Schulz im Deutschlandfunk.

"Ich halte das für eine besonders glückliche Entscheidung", erklärte der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) im Deutschlandfunk. Er freue sich, dass die friedensstiftende Wirkung der EU gewürdigt wurde. Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßte die Auszeichnung als "wunderbare Entscheidung". Es sei Ansporn und Verpflichtung zugleich - "auch für mich ganz persönlich".

Kritik von Menschenrechtlern

Doch die Preisvergabe ist nicht unumstritten. Amnesty International (AI) kritisierte die Flüchtlingspolitik der Union. Die EU schotte ihre Grenzen ab, schicke Flüchtlinge zurück in Länder, in denen sie gefoltert würden, und lasse sie fallen, erklärte der Leiter des AI-Europabüros, Nicolas Berger. "Das ist jetzt nicht mehr hinnehmbar. Sie muss vor allem ihre Rolle im weltweiten Flüchtlingsproblem überdenken." Dazu müsse die Auszeichnung ein Anlass sein. Denn "die EU trägt bei weitem nicht ihren fairen Anteil der weltweiten Flüchtlinge. Das ist absolut lächerlich", sagte Berger.

Die russische Menschenrechtlerin ist enttäuscht von der Entscheidung der JuryDie russische Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa (picture alliance / dpa / Krasilnikov Stanislav)Die russische Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa zeigte sich enttäuscht über die Entscheidung der Nobelpreis-Jury. "Ich hätte es besser gefunden, wenn zum Beispiel ein politischer Häftling im Iran den Preis erhalten hätte", sagte die Leiterin der Moskauer Helsinki-Gruppe. Die 85-jährige Alexejewa hatte zum erweiterten Kreis der Favoriten gezählt.

In Deutschland äußerte sich der Franktionschef der Linken, Gregor Gysi, kritisch zur Preisvergabe. "Die EU ist gerade dabei, sich aufzurüsten, weil sie außerhalb Europas an Kriegen teilnehmen will", sagte er am Rande einer Konferenz in Hannover.

Eine Panne sorgte im Vorfeld der Bekanntgabe für Aufsehen: Das norwegische Fernsehen meldete schon eine Stunde vor der Bekanntgabe, dass die EU den Preis erhält. So etwas hatte es in der über hundertjährigen Geschichte der Nobelpreise in dieser Form noch nicht gegeben.

Von der Montan- zur Europäischen Union

Die Geschichte der Europäischen Union begann wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals hatte der französische Außenminister Robert Schuman die Initiative ergriffen und die Gründung einer Montanunion vorgeschlagen – ein Zusammenschluss der deutschen und französischen Kohl- und Stahlindustrie. Bald darauf entstand 1957 die Europäische Währungsgemeinschaft (EWG) mit einem gemeinsamen Zolltarif und einer gemeinsamen Atompolitik. Mitglieder waren Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande.

Heute, 55 Jahre später, ist daraus die Europäische Union mit 27 Mitgliedsstaaten geworden, ohne Passkontrollen und mit einer immer stärkeren Verzahnung der politischen Entscheidungen. Es gibt eine gemeinsame Währung in der Eurozone, die immerhin 17 der Mitgliedsländer umfasst. Die Europäische Kommission und das Europäische Parlament haben weitreichenden Einfluss auf die nationale Politik.

Die Preisträger der vergangenen Jahre

2011 wurden zum ersten Mal überhaupt drei Frauen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die Journalistin Tawakkul Karman aus dem Jemen teilte sich den Preis mit der liberianischen Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf und Leymah Gbowee, ebenfalls aus Liberia. Davor ging die Auszeichnung an den Menschenrechtler Liu Xiaobo aus China und 2009 an US-Präsident Barack Obama.


Mehr zum Thema:

Europa und die Europäische Union - Von den Wurzeln bis heute - Beiträge und Hintergründe aus unseren Programmen
Der Preis aller Preise - Das Nobelkomitee gibt die Auszeichnungen bekannt

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:59 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 07:15 Uhr Interview

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Kakao aus der ElfenbeinküsteRohstoff als Fluch und Segen

Eine Kakaofarm in der Nähe des Nationalparks Tai in der Elfenbeinküste

Die Elfenbeinküste produziert fast zwei Millionen Tonnen Kakao im Jahr. Zwar hat das Land eine Konvention unterschrieben, die Kinderarbeit verhindern soll, besonders wirksam ist das aber nicht. 

Die Naikan-MethodeMeditation hinter Gefängnismauern

In der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Burgdorf sprechen zwei Häftlinge (hinten) mit Mitarbeitern von der Braunschweiger JVA.

Eine besondere Form der Meditation aus Japan wendet sich vor allem an Strafgefangene. Naikan heißt sie. Es geht darum, das eigene Leben neu zu bewerten. Das niedersächsische Justizministerium hat sogar einen Naikan-Beauftragten.

Digitaler Krieg1 oder 0, Leben oder Tod

Zu sehen sind Einschusslöcher in einem Auto, verursacht durch einen ferngelenkten Sprengkörper in Kabul am 15. Juli 2014

Der nächste Krieg wird digital. Das scheint common sense zu sein. Doch was ist Krieg und was ist Terrorismus? Was ist ein Hackerangriff und was Cyberwar? Und können autonome Kampfroboter vor ein Gericht gestellt werden? 

Auschwitz-Gedenktag"Wir wissen erst höchstens 20 Prozent"

Auschwitz-Birkenau

Auch 70 Jahre nach der Auschwitz-Befreiung sei die Forschung auf manchem Gebiet erst am Anfang, sagt Bernward Dörner, Professor für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, im DLF. 

Ebola in LiberiaSchlimmer als der Bürgerkrieg

Der Kampf gegen Ebola ist noch nicht gewonnen: Krankenpfleger in Liberia.

Ebola ist aus den Schlagzeilen verschwunden, aber die Krankheit wütet weiter in Westafrika. In Liberia sind Universitäten geschlossen, Studenten verdingen sich als Totengräber. Doch es gibt auch Hoffnung.

KommunikationJodeln in Berlin-Kreuzberg

Jodeln gehört in die Berge? Von wegen, meint Reporterin Nina Lindlahr, das geht auch in Berlin. Schließlich ist Jodeln eine wichtige Kommunikationsform. Jahollhadihüüüüüüüdiheyhei!

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Athen: Syriza spricht mit Rechtspopulisten - rasche Regierungsbildung geplant | mehr

Kulturnachrichten

Außenminister Steinmeier  sorgt sich um deutschen Ruf | mehr

Wissensnachrichten

Tiere  Spermaproduktion hängt nicht von Hodengröße ab | mehr