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Fukushima: "Man steht nach wie vor am Abgrund"

Zweifel am Erfolg der Reparatur-Versuche werden laut

Ein Arbeiter in Fukushima geht zu einem Dekontaminationswagen  (picture alliance / dpa)
Ein Arbeiter in Fukushima geht zu einem Dekontaminationswagen (picture alliance / dpa)

Mehr als zwei Wochen sind seit Beginn der Atomkatastrophe in Japan vergangen, doch die Lage vor Ort ist bedrohlicher denn je. Nur eine Viertelstunde können sich die Arbeiter in dem zerstörten AKW aufhalten, sonst riskieren sie ihr Leben.

Die japanische Regierung hat am Morgen mitgeteilt, dass im Reaktor 2 "eine vorübergehende, partielle Kernschmelze" eingesetzt habe. Sie sei auch der Grund dafür, dass das Wasser in dem Gebäude hochgradig radioaktiv verseucht sei.

Arbeiter sind nun damit beschäftigt, das Wasser aus den Gebäuden abzupumpen. Wie schwierig sich dieses Unterfangen gestaltet, erläuterte Wissenschaftsjournalist Ralf Krauter im Deutschlandfunk (MP3-Audio). Er sagte, es gebe bestätigte Messwerte, dass diese "radioaktive Suppe" mit bis zu einem Sievert pro Stunde belastet sei. Das bedeute, dass sich ein Mensch derzeit maximal eine Viertelstunde in der Turbinenhalle aufhalten könne, sonst riskiere er sein Leben.

Reparaturarbeiten derzeit schwierig bis unmöglich

Solange die Strahlenbelastung im Gebäude nicht sinke, seien Reparaturversuche an dem AKW zum Scheitern verurteilt, sagte Krauter, weil sich dann schlichtweg niemand mehr in dem havarierten Reaktor aufhalten könne.

Krauter ging zudem davon aus, dass die Kernschmelze schon seit "mindestens einer Woche" voranschreite. "Denn mangels Kühlung kokeln diese Brennstäbe in den Reaktorkernen der Meiler 1 bis 3 schon länger vor sich hin. Wo sie oben aus dem Wasser hängen werden sie zu heiß und verformen sich allmählich."

Nur wenn endlich die regulären Kühlkreisläufe wieder in Gang gesetzt würden, könnten sich die Verhältnisse in den Reaktoren stabilisieren. Bisher habe die Betreiberfirma Tepco aber mit ihren Notfallmaßnahmen lediglich "maximal Zeit geschindet". Einen Zeitplan, wie "das Allerschlimmste" zu verhindern sei, habe das Unternehmen nicht. "Man steht nach wie vor am Abgrund", so Krauter.

Wenn die atomaren Brennstäbe zu 80 Prozent zerstört seien, komme es voraussichtlich zum Super-Gau. Denn dann fielen sie auf den Boden des Reaktordruckbehälters. "Das könnte dann entweder zu einer Dampfexplosion führen oder zu einem allmählich Druckanstieg in diesem Druckbehälter, der dann irgendwann platzen würde", so Krauter. Zum einen würde dann durch die Luft großflächig Radioaktivität freigesetzt, zum anderen könne das verstrahlte Wasser ins Grundwasser gelangen.

Forderung nach Abdichtung durch einen Sarkophag

Der Münchner Strahlenbiologe Edmund Lengfelder geht ebenfalls davon aus, dass die Kernschmelze in den Reaktoren in Fukushima "schon seit Längerem eingetreten" ist. Er hält die Rettungsversuche für das Kernkraftwerk Fukushima für ein "hilfloses Unterfangen". Man müsse das AKW ähnlich wie in Tschernobyl "durch einen Sarkophag oder durch Sand, einen riesigen Sandberg" abdichten - und die Sperrzone auf 50 Kilometer ausweiten, forderte er im Deutschlandfunk.

Das heutige Eingeständnis der japanischen Regierung, dass es zu einer partiellen Kernschmelze gekommen sei, nannte Lengfelder "eine Fehlinformation für die Öffentlichkeit".

Löscharbeiten am japanischen Atomkraftwerk in Fukushima (picture alliance / dpa)Löscharbeiten am japanischen Atomkraftwerk in Fukushima (picture alliance / dpa)

"Mir tun die Menschen leid, die man da hinschickt"

Auch den Versuchen, die havarierten Atomkraftwerke in dieser dramatischen Lage noch zu retten, begegnete er mit großer Skepsis. "Mir tun die Menschen leid, die man da hinschickt, um in der Nähe des Reaktors oder der Reaktoren dann dort Wasser reinzuspritzen", sagte Lengfelder. Denn die fortschreitende Kernschmelze sei kaum noch zu stoppen.

Sie werde erst dann zum Erliegen kommen, wenn "das geschmolzene Metall der Brennstäbe und der Hüllen, wenn das dann durch Verteilung auf eine größere Fläche mit dem Sand, mit dem Erdmaterial des Untergrundes, mit dem Beton des Reaktorgebäudes verschmolzen ist". Diese "riesige Masse" würde dann langsam, im Verlauf von zig Jahren abkühlen.

"Das Problem ist nach wie vor, solange der oder die Reaktoren oben nicht abgedeckt sind", sagte Lengfelder. Daher komme es zu immer weiterer Verteilung von Radioaktivität und zur Belastung der Bevölkerung.

Lage schon seit zwei Wochen bedrohlich

Als wenig vertrauensvoll bezeichnete auch der frühere Leiter der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, Lothar Hahn, die Informationspolitik des Betreiberkonzerns Tepco und der japanischen Regierung. "Das ist schon sehr erstaunlich, mit welcher Zurückhaltung hier Informationen geliefert werden, die dann zum Teil noch widerrufen werden und korrigiert werden müssen", sagte er im Deutschlandfunk.

Er ging sogar davon aus, dass es bereits ganz am Anfang zu einer Überhitzung des Kernes mit entsprechenden Schäden an den Brennstäben gekommen sei. "Darauf deuten einige Indizien hin, etwa die gefilterte Druckentlastung und die Wasserstoff-Explosionen, die die Gebäude der Reaktoren zerstört haben", so Hahn.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:41 Uhr

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