Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Gaddafi auf der Flucht erschossen

Nationaler Übergangsrat meldet Tod des früheren Machthabers

Menschen auf den Straßen der libyschen Hauptstadt Tripolis feiern den Tod Gaddafis. (picture alliance / dpa -  Sabri Elmhedwi)
Menschen auf den Straßen der libyschen Hauptstadt Tripolis feiern den Tod Gaddafis. (picture alliance / dpa - Sabri Elmhedwi)

Libyens früherer Machthaber Gaddafi ist tot. Laut Angaben des libyschen Übergangsrats wurde er auf der Flucht aus seiner Heimatstadt Sirte von Milizen der neuen libyschen Regierung erschossen. In Tripolis und anderen libyschen Städten feierten die Menschen den Tod des Diktators.

Gegen Mittag hatte der arabische Fernsehsender Al-Dschasira gemeldet, dass Gaddafi festgenommen und durch Schüsse in die Beine verletzt worden sei. Wenig später hieß es, er sei an den Folgen dieser Verletzungen gestorben. In anderen Meldungen heißt es, ein Konvoi Gaddafis sei aus der Luft angegriffen worden.

Nachdem schon am Mittwoch größere Teile von Sirte, der letzten Hochburg der Gaddafi-Anhänger, erobert worden waren, wurde am Donnerstag die vollständige Einnahme der Stadt gemeldet. Wie am Abend verschiedene Medien berichteten, sollen auch Gaddafis Söhne Saif al-Islam und Mutassim getötet worden sein.

Widersprüchliche Aussagen über die Todesumstände

Wie ARD-Korrespondentin Julia Gerlach berichtet, sollen Nato-Flugzeuge den Konvoi angegriffen haben, mit dem Gaddafi die Stadt Sirte am Morgen in hoher Geschwindigkeit verließ. Bei diesem Angriff soll Gaddafi durch mehrere Schüsse getroffen worden sein. Man habe ihn dann nach Misrata gebracht, wo Gaddafi seinen Verletzungen erlegen sei.

Libyens Machthaber Oberst Muammar al-Gaddafi beaufsichtigt Truppen in Tripolis (AP / John Redman, File)Libyens früherer Machthaber Gaddafi (AP / John Redman, File)Andere Darstellungen deuten darauf hin, dass Gaddafi von Regierungsmilizen möglicherweise gezielt getötet worden ist. Wie Aktham Suliman vom Berliner Al-Dschasira-Büro sagte, sind die genauen Umstände des Todes noch nicht ganz klar. Augenzeugen hätten auf Al-Dschasira berichtet, Gaddafi soll bei seiner Festnahme durch libysche Milizen an den Beinen und im Gesicht durch Schüsse verletzt worden sein. Er solle sich in einem Tunnel versteckt gehalten und seine Entdecker um Gnade angefleht haben.

Ob Gaddafi exekutiert worden oder aber an den Folgen von Schussverletzungen gestorben sei, lasse sich nicht zweifelsfrei sagen, so Suliman im Deutschlandradio Kultur. Sollte Gaddafi gezielt getötet worden sein, müsse dies vor dem Hintergrund der von Libyen angestrebten Rechtsstaatlichkeit negativ bewertet werden. "Das ist auf jeden Fall ein problematischer Punkt, denn das, was der Nationale Übergangsrat meinte, war, dass er ein neues Bild von Libyen geben wollte und dass Gaddafi vor Gericht gestellt werden sollte", sagte Suliman.

Vom Volkstribun zum Terror-Paten

Gaddafi war 1942 als Sohn eines Bauern in der Nähe der Stadt Sirte zur Welt gekommen. Bereits im Jahr 1969 putschte er gegen den damaligen libyschen König Idris und ernannte sich zum Befreier des libyschen Volkes. Doch aus der Volksrepublik, die Gaddafi ursprünglich im Sinn hatte, entwickelte sich eine despotische Alleinherrschaft.

Seine besonderen Vorstellungen vom Sozialismus, vom arabischen Nationalismus und von der Befreiung von den europäischen Kolonialherren machten Gaddafi zu einem fanatischen Diktator und zu einem weltweiten Terror-Paten. So trainierten die deutsche RAF und die irische Befreiungsarmee IRA in Libyen. Auch die Attentate auf US-Soldaten in der Berliner Diskothek "La Belle" 1986 und auf eine Passagiermaschine über dem schottischen Lockerbie 1988 sollen auf das Konto Gaddafis gehen.

Ein bewaffneter Rebell im Zentrum von Tripolis (picture-alliance/ dpa)Ein bewaffneter Rebell im Zentrum von Tripolis (picture-alliance/ dpa)Als zu Beginn des Jahres 2011 in Tunesien und Ägypten der "Arabische Frühling" begann und die Menschen dort für mehr Freiheit und demokratische Rechte demonstrierten, sprang der Funke der Freiheitsbewegung bald auch auf Libyen über. Als es auch dort zu Demonstrationen kam und die libysche Bevölkerung das Ende des Gaddafi-Regimes forderte, richteten die Sicherheitskräfte Gaddafis ihre Waffen in der Hauptstadt Tripolis gegen die eigenen Bürger.


Aufständische waren für Gaddafi nur "Ratten"

Am 17. März 2011 verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Resolution 1973, womit die UN-Mitgliedstaaten autorisiert wurden, "Zivilisten und von Zivilisten bewohnte Gebiete in Libyen zu schützen, denen ein Angriff droht". Konkret ging es um die Errichtung einer Flugverbotszone über dem libyschen Luftraum, mit der verhindert werden sollte, dass die Luftwaffe Gaddafis weiter gegen die Aufständischen vorgeht. Deutschland enthielt sich bei der Abstimmung über die Resolution genau wie Brasilien, China, Indien und Russland der Stimme und sorgte damit für Irritationen bei seinen westlichen Partnern.

Unabhängig davon begannen Frankreich, die USA und Großbritannien nur zwei Tage später mit Luftangriffen gegen libysche Stellungen in Tripolis, Misrata, Bengasi und entlang der Küste. Gaddafi erklärte die Aufständischen währenddessen zu "Ratten" und gab bekannt, bis zu seinem Sieg - oder aber bis zu seinem Tod - kämpfen zu wollen.

Als die Aufständischen im Spätsommer die libysche Hauptstadt und auch den Präsidentenpalast in Tripolis erobert hatten, war Gaddafi verschwunden. Zunächst vermutete man ihn im Ausland, später deutete alles daraufhin, dass er in seine Heimatstadt Sirte geflüchtet war, die von Gaddafi-treuen Milizen bis zuletzt verteidigt wurde.

Herman Van Rompuy, der Präsident des Europäischen Rates, und EU-Kommissionspräsident Barroso reagierten auf die Meldungen vom Tod Gaddafis mit Erleichterung. In einer gemeinsamen Presseerklärung heißt es, der Tod des früheren Machthabers markiere das Ende der Unterdrückung des libyschen Volkes. Das Land habe nun die Chance, weiter den Weg zur Demokratie zu beschreiten.


Programmhinweis: Über weitere Meldungen zum Tod Gaddafis informieren Sie die Nachrichten von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur.


Links auf dradio.de:

Der arabische Aufstand - Sammelportal

"Aktuell" vom 29.8.2011: Gaddafi bleibt verschwunden - Familie des Diktators in Algerien eingetroffen

"Aktuell" vom 20.3.2011: Westen bombardiert Ziele in Libyen - Gaddafi-Regime erklärt UNO-Resolution für nichtig

"Aktuell" vom 18.3.2011: Gaddafi-Regime kündigt Waffenstillstand an - Libyen reagiert auf Drohungen des Westens

"Aktuell" vom 25.2.2011: In Tripolis eskaliert die Gewalt - Dennoch noch keine Sanktionen gegen Libyen beschlossen

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Fazit

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

PolitikerPlötzlich Populist

Wo kommen auf einmal die vielen Populisten her? In den USA hat sich Donald Trump mit seinen extremen Positionen durchgesetzt. In Frankreich bringt sich Marine Le Pen in Stellung für den Präsidentschaftswahlkampf 2017. Geert Wilders macht die Niederlande unsicher und in Ungarn hat sich der selbstbewusste Viktor Orbán festgesetzt.

Referendum in Italien"Diese Unsicherheit ist es, die Europa bewegt"

Die Flagge der Europäischen Union weht vor wolkenverhangenem Himmel. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Wenn Italien nein sagt zur Verfassungsreform, wären die Folgen für die EU nicht absehbar, sagte Florian Eder vom Onlinemagazin "Politico" im DLF. Die größte Sorge sei die Frage, wie die Märkte reagieren. Die schlimmste Furcht wäre, wenn die Eurokrise mit aller Macht zurückkäme.

Hackerangriff auf die Telekom Raus aus der digitalen Unmündigkeit

Ein Passwort wird auf einem Laptop über die Tastatur eingegeben. Die Hände auf der Tastatur tragen schwarze Stulpen. Auf dem Monitor sind die Worte "Enter Password" zu lesen. Im Hintergrund erkennt man verschwommen weitere Bildschirme.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Der Hackerangriff auf die Telekom-Router war ein Warnschuss. Er zeigt: Wir müssen uns besser wappnen gegen die Bedrohung durch Cyber-Kriminelle und Spionage. Dazu braucht es mehr digitale Bildung und mehr Haftung von Herstellern, meint Philip Banse.

Ruth Klüger über Österreich"Entsetzlich, dass es so weit gekommen ist"

Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger spricht am 27.01.2016 in Berlin im Bundestag bei der Gedenkveranstaltung. (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)

Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger betrachtet den Aufstieg der Rechtspopulisten in ihrem Geburtsland Österreich mit Sorge. Auch Jahrzehnte nach ihrer Emigration sei ihr die Entwicklung dort noch wichtig, sagte sie mit Blick auf die morgige Präsidentenwahl im DLF. Für gefährlicher hält Klüger jedoch die Lage in ihrer Wahlheimat: den USA.

Carmen Maja-Antoni über Gisela May"Ich habe immer ihre Haltung bewundert"

Gisela May, Schauspielerin und berühmte Brechtinterpretin zu Gast im Studentenkeller "Zur Rosen" in Jena (dpa / picture alliance / Universität Jena )

Beim Singen auch die Geschichte eines Liedes zu erzählen - diese Lektion habe sie von Gisela May gelernt, so die Schauspielerin Carmen Maja-Antoni. May sei eine große Frauenfigur des Berliner Ensembles gewesen: "Und eine Haltung hatte sie immer".

Trump und die Deutsche BankEin juristisches Minenfeld

Hochhaus der Deutschen Bank in Frankfurt (dpa - Wolfram Steinberg )

Sechs Wochen vor dem Amtsantritt des Immobilienunternehmers Donald Trump als US-Präsident ist noch unklar, wie mögliche Interessenskonflikte vermieden werden sollen. Das ist auch für die Deutsche Bank ein Problem: Sie ist Gläubiger von Trump - dessen Regierung bald über ein milliardenschweres Bußgeld gegen das Geldinstitut entscheiden wird.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Völkermord in Ruanda  Französisches Gericht verurteilt Offizier zu 25 Jahren Haft | mehr

Kulturnachrichten

Teheran-Sammlung wohl Anfang 2017 in Berlin  | mehr

Wissensnachrichten

Steigende Nachfrage  Der Kirche fehlen die Exorzisten | mehr