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Gedenken an Olof Palme

Vor 20 Jahren wurde Schwedens Ministerpräsident ermordet

Von Alexander Budde

Der ermordete frühere schwedische Ministerpräsident Olof Palme im Jahr 1985 (AP)
Der ermordete frühere schwedische Ministerpräsident Olof Palme im Jahr 1985 (AP)

Am 28. Februar 1986 wird Olof Palme nach einem Kinobesuch in der Stockholmer Innenstadt hinterrücks und aus nächster Nähe erschossen. Der Mord an ihrem Ministerpräsidenten stürzt die Schweden in tiefe Selbstzweifel. Niemals zuvor hatte das neutrale Land im Norden ein solches Gewicht auf der internationalen Bühne wie in den Zeiten Olof Palmes. Seinen sozialistische Reformeifer setzte der Premier machtbewusst, mit hohem Risiko und nicht selten mit knappsten Mehrheiten in Realität um, die politischen Gegner mit Hohn und Spott herausfordernd. Seine Gesellschaftspolitik in Schweden, den so genannten dritten Weg, führte Palme immer mit dem Anspruch, das schwedische Modell sei auch ein Beispiel für Europa. Doch der Traum vom fürsorglichen "Volksheim" ist lange ausgeträumt. Mühsam mussten sich Schwedens Sozialdemokraten vom Schatten ihres übergroßen Vorsitzenden Olof Palme befreien.

" Unser Dank an Dich soll nicht in der Vergangenheit verharren, sondern in die Zukunft gerichtet sein. Denn ein Mensch kann ermordet werden, Ideen aber nicht. Deine Ideale leben durch uns weiter. Wir werden Deinen Kampf für Frieden und internationale Solidarität weiterführen. "

Anna Lindh im März 1986 auf der Trauerfeier für den ermordeten Ministerpräsidenten Olof Palme. Auch sie wird Jahre später als weltweit geschätzte Außenministerin einem Anschlag zum Opfer fallen. Doch anders als im Mordfall Olof Palme wird der Täter bald gefasst.

Jahrhunderte politischer Neutralität haben die Schweden gelehrt, niemals Partei zu ergreifen, den Kopf einzuziehen und jeglichem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Olof Palme war nie neutral. Das Franco-Regime in Spanien bezeichnet er als "Mörderbande", die neuen Machthaber in Prag nach 1968 als "Kreaturen der Diktatur". Im Vietnamkrieg geht er gegen die USA auf die Straße, als Regierungschef vermittelt er im Krieg zwischen Iran und Irak. Palme ist der Mann an der Seite Willy Brandts in der Sozialistischen Internationale.

Als Olof Palme im Oktober 1969 das Erbe des überaus populären Patriarchen Tage Erlander als Partei- und Regierungschef antritt, wirkt das wie eine Vitaminkur auf die überalterte, selbstgefällige Partei. Palme haucht dem alten Traum vom Volksheim neues Leben ein. Der fürsorgliche Staat soll sich um alles kümmern: um Arbeit, Krankheit, Elternurlaub, den ersten Volvo und das Sommerhäuschen.

Seine engagierte Politik trägt ihm nicht nur Freundschaft ein. Und sein scharfer Verstand ruft nicht nur Bewunderung und Zuneigung sondern auch härteste Ablehnung hervor. Der im Ausland so hoch geschätzte Premier wird daheim in Schweden als paranoider Eiferer, als Agent des Kreml oder schlicht als Geisteskranker tituliert. Und immer wieder taucht das böse Wort vom "Klassenverräter" in der Debatte auf, beklagt Marita Ulvskog, Generalsekretärin der Sozialdemokraten:

" Als abgehobenen, überheblichen Machtmenschen wollten ihn seine Gegner stempeln. Aber wir sahen ihn durch die Stadt laufen in seinem knittrigen Regenmantel. Er sah aus wie ein ungemachtes Bett. Und er wollte sich nie nach vorn drängen oder sich im Glanz der Popularität sonnen. Er war ganz und gar unverstellt und zutraulich zu den Leuten. "

Auch am Abend des 28. Februar 1986 sind Olof und Lisbet Palme mit der
U-Bahn unterwegs. Den Leibwächtern haben sie freigegeben. Die Palmes wollen sich im Filmtheater Grand den jüngsten Streifen der schwedischen Regisseurin Susanne Osten ansehen.

Nach Ende der Vorführung gegen 23:00 Uhr machen sich die beiden wieder auf den Heimweg, gehen den Sveavägen hinunter Richtung Altstadt. Plötzlich taucht ein Mann aus der Dunkelheit auf, feuert hinterrücks aus nächster Nähe zwei Schüsse auf das Ehepaar. Lisbet Palme wird leicht verwundet. Für den tödlich getroffenen Regierungschef gibt es keine Rettung mehr.

Viel zu spät sichern die herbeigeeilten Polizisten den Tatort ab. Niemand denkt daran, die Fluchtrouten abzusperren. Auftakt einer unglaublichen Pannenserie, die noch Jahre später Untersuchungskommissionen beschäftigen und ein undurchdringbares Gespinst aus Mythen, Gerüchten und Verschwörungstheorien erschaffen wird.

Ist der Traum von der offenen Gesellschaft, vom konfliktfreien Miteinander am Ende doch nicht lebbar? Der war doch ohnehin ein Trugbild, stöhnt der Schriftsteller Per Olov Enquist.

" Man sagte, wir hätten unsere Unschuld verloren. Man sagte, es gehe ein eiskalter Wind durch das Land. Man hatte so viele Metaphern. Das ist Unsinn. Ich habe nie gedacht, dass Schweden ein besonders unschuldiges Land ist. Man weiß, dass niemand etwas weiß. Und immer wenn in den Zeitungen von einer neuen Spur die Rede ist, dann seufzen alle. Und denken: Aha, schon wieder. Wir sind alle unglaublich müde. "

Stockholm, 11. September 2003: Mit Tränen in den Augen bestätigt Schwedens Ministerpräsident Göran Persson den Tod seiner politischen Gefährtin Anna Lindh.

Anna Lindh war die Kronprinzessin. Sie hätte einmal die sozialdemokratische Partei übernehmen sollen, die sich in 20 Jahren mühsam aus dem Schatten ihres übergroßen Vorsitzenden Olof Palme befreit hatte. Doch dann war es ausgerechnet Göran Persson, mit seinem gemütlichen Naturell das genaue Gegenteil Palmes, der seinen Landsleuten den neuen Weg wies. Sozialleistungen wurden gekürzt, das Volksheim wurde ordentlich ummöbliert, die einst so gepriesene Neutralitätspolitik nach den Anschlägen vom 11. September 2001 still und klaglos zu Grabe getragen.

Seit fast 70 Jahren regieren die Sozialdemokraten, zumeist ohne eigene Mehrheit im Parlament und in jüngster Zeit auch ohne das richtige Gespür für die Stimmung im Lande.

Sveavägen Ecke Tunnelgatan. An der Stelle, wo Olof Palme vor 20 Jahren zu Boden stürzte, ist eine unscheinbare Gedenktafel in das Pflaster eingelassen. Gunnilla Ekström kommt gerade vorbei, mit Tüten beladen. Sie schaut sich die Tafel an, die an diesem kalten Wintermorgen bereits die erste welke Rose ziert. Was bleibt, sind nostalgische Erinnerungen an einen, der die Politik zum Leuchten brachte:

" Mir bleibt sein Mut in Erinnerung. Und wie er für seine Sache einstand, auch wenn alle anderen nicht seiner Meinung waren. Das sollte uns zu denken geben. Was ist uns eigentlich wichtig? Wir sollten lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. "

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:15 Uhr

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