Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Gefangener Nummer eins

Zweiter Prozess gegen Kreml-Kritiker Chodorkowskij geht zu Ende

Von Sabine Adler

Yukos-Chef Michail Chodorkowski (Mitte) (AP)
Yukos-Chef Michail Chodorkowski (Mitte) (AP)

Wladimir Putin gilt als jemand, der niemals verzeiht, sagt der Anwalt Jurij Schmidt. Er vertritt Michail Chodorkowskij, der Gründer des einst landesgrößten, heute zerschlagenen Ölkonzerns Jukos. Doch wenn morgen das Urteil gesprochen wird, dann rechnet niemand mit einem Freispruch.

Vermutlich hilft nicht mal mehr beten. Juri Schmidt - seit 50 Jahren in Russland als Anwalt tätig – Juri Schmidt wäre so gern Optimist. Einer der Zuversicht verbreitet, dass Moskaus Gefangner Nummer eins, sein Mandant, einst reichster Mann Russlands, morgen nicht ein zweites Mal verurteilt wird. Ob sein Flehen erhört wird?

Seit 2003 sitzen Michail Chodorkowskij, der Gründer des einst landesgrößten, heute zerschlagenen Ölkonzerns Jukos, und sein Geschäftspartner und Freund Platon Lebedjew in Haft. Was Juri Schmidt, der ihn schon damals anwaltlich vertrat, nicht verhindern konnte. Weil der ehemalige Multimilliardär spätestens im nächsten Jahr auf freien Fuß gesetzt werden müsste, ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl im Mai 2012, wurde ein zweiter Prozess angestrengt. Das Ziel: Chodorkowskij bis mindestens nach der Wahl einzusperren.

So wenig Juri Schmidt sich dies wünscht, weiß er doch eines sehr genau: Auch eine zweite Haftstrafe wird Michail Chodorkowskij nicht brechen.

Chodorkowskij soll alles Öl, das über die Jukos-Tochterfirmen gehandelt wurde, gestohlen haben. 350 Millionen Tonnen von Öl. Im ersten Prozess wurde er verurteilt, genau dieses Öl nicht ordnungsgemäß versteuert zu haben. Ein Widerspruch in sich, denn wer klaut Öl und versteuert es zugleich?

Die unzähligen Gerichtstermine über anderthalb Jahre sind für den prominenten Häftling ein tagesfüllendes Programm, wie seine Mutter Marina Chodorkowskaja beschreibt.

"Die Gerichtsverhandlung dauert jedes Mal von morgens bis 18 Uhr abends. Zum Gericht und vom Gericht zum Gefängnis braucht man zwei Stunden pro Fahrt wegen der vielen Staus. Wenn er in seine Zelle kommt, ist es 20 Uhr und um 22 Uhr wird schon das Licht ausgeschaltet. Morgens um fünf ist Wecken. Er hat also kaum Zeit, sich mit dem Material zu befassen."

Chodorkowskij und sein Anwalt Juri Schmidt wurden gestern Abend in Berlin mit der Rainer Hildebrandt-Medaille, einem Menschenrechtspreis, ausgezeichnet, den der Anwalt und die Mutter für ihren Sohn in Empfang nahmen. Chodorkowksij bekommt den Preis stellvertretend für die rund 200 politischen Gefangenen, die es derzeit in Russland geben soll.

Chodorkowskij wird dabei eine Sonderbehandlung zuteil, auf die er vermutlich gern verzichten würde.

"Mit seinem Anwalt steht er in ständigem Kontakt. Allerdings hat man den Anwälten in den letzten Wochen verboten, ein Notebook mit in das Untersuchungsgefängnis zu bringen. Mir ist nicht klar, wie sie ohne Computer diese ungeheure Datenflut beherrschen wollen. Es geht um Material, das 180 Aktenordner füllt, und die kann natürlich niemand ständig bei sich haben. Und in seiner Zelle ist es so, dass er dort mit vier weiteren Gefangenen sitzt und nicht immer steht der Tisch in der Haftzelle ihm zur Verfügung."

Schon das erste Verfahren war, wie jetzt das zweite, politisch motiviert. Was Putin, den damaligen Präsidenten derart gereizt hat, kann man nur vermuten. Dass Chodorkowskij Putin vorwarf, nicht genug gegen die Korruption im Land zu unternehmen? Dass der Ölmanager die Opposition finanzierte? Möglich. Kolportiert wurde, dass er ihn bei der Präsidentschaftswahl herausfordern wollte.

Putin, so der Anwalt Jurij Schmidt, Putin gilt als jemand, der niemals verzeiht. Und den Rest der russischen Geschäftswelt nur zu gern einschüchtern wollte. Schon deshalb rechnet der Anwalt mit keiner positiven Überraschung im Prozess. Ein Freispruch wäre ein Schlag gegen den allmächtigen Premier Putin persönlich. Gegen die, die ein ungeheures Mahlwerk über acht Jahre in Gang gehalten haben. Um den Gefangenen Nummer eins dort zu treffen, wo es ihm am meisten weh tut, wurden sogar Gesetze geändert.

Chodorkowskis erste Haftstrafe über acht Jahre musste er in der Nähe von Tschita, an der chinesisch-mongolischen Grenze verbüßen, 7000 Kilometer von Moskau entfernt. Das kommt einer zusätzlichen Verbannung gleich und widerspricht dem Gesetz.

Wohin wird es Chodorkowskij und seinen Geschäftspartner Platon Lebedew dieses Mal verschlagen?

"Nach Sibirien, Kamtschatka, auf eine Eisscholle? Seit 1997 gibt es ein Gesetz, dass Haftstrafe in der Nähe des Wohnsitzes beziehungsweise des Sitzes des Gerichtes vorsieht."

Das wäre Moskau. Doch jetzt darf der Justizminister den Haftort bestimmen. Und dass der den Ex-Milliardär in ein Straflager im Umfeld der russischen Hauptstadt geschickt wird, in die Nähe seiner Frau, seiner Kinder, seiner Eltern, die das von ihm finanzierte Lyzeum tapfer weiterführen – damit rechnet niemand.

"Das Lyzeum arbeitet wie gewohnt, es wird finanziert aus Mitteln des
Fonds, der in London gegründet wurde. Aber unserem Lyzeum wurde der Grund und Boden gepfändet, sowie die Gebäude, die sich darauf befinden."

Mehr als einmal fürchtete Juri Schmidt, Chodorkowskijs Anwalt, dass ihm wie zu Sowjetzeiten die Lizenz entzogen wird. Zwei Versuche gab es allein während der Chodorkowskij-Prozesse. Um sich macht er sich keine Sorgen, aber um die mit ihm in dieses Verfahren involvierten fünf weiteren Kollegen seiner Kanzlei.

Chodorkwoskij drohen bis zu 14 Jahren Haft, unter Anrechnung der bereits abgesessenen acht blieben immer noch sechs Jahre. Bei guter Führung käme er frühestens 2013 frei.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:39 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 11:35 Uhr Folk

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Agenda 2010"Korrekturen sind schon seit Langem notwendig"

Das Bild zeigt Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes am 16.01.2017 bei der Jahres-Pressekonferenz des DGB in Berlin. (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Reiner Hoffmann, hält Nachbesserungen an der Agenda 2010 für notwendig. Er sagte im Deutschlandfunk, er gebe dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz Recht und begrüße, dass dieser die Fehlentwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zum Thema gemacht habe.

Aktionskünstler John Bock Die Absurdität der Dinge zelebrieren

Aktionskünstler John Bock (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

"Höherer Quatsch" – so hat das "art magazin" die Kunst von John Bock tituliert. Werke John Bocks der letzten Jahre werden jetzt unter dem Titel "Im Moloch der Wesenspräsenz" in der Berlinischen Galerie gezeigt. Wir haben den Künstler dort beim Aufbau der Schau besucht.

Blick in die ZukunftDas Orakel und sein Medium

Das Nechung-Orakel beim sogenannten Kalachakra Empowerment durch den Dalai Lama 2012 (Office of His Holiness the Dalai Lama)

Seit jeher versuchen Menschen herauszufinden, wie ihre Zukunft aussehen wird. Sie suchen Hellseher auf, verwenden Tarot-Karten oder befragen Orakel. Orakel gab es in großer Zahl schon in der Antike. Das bekannteste war das Orakel von Delphi. Auch heute noch werden bei wichtigen Entscheidungen Orakel befragt: etwa im tibetischen Buddhismus.

Flüchtlinge in Libyen"Die Zustände in den Lagern sind wirklich menschenunwürdig"

Der UNO-Koordinator für Libyen, Martin Kobler, spricht am 8. Januar 2017 auf einer Pressekonferenz während eines Besuchs in der libyschen Hauptstadt Tripolis. (imago / xinhua )

Der UNO-Koordinator für Libyen, Martin Kobler, hat die Zustände in den Flüchtlingslagern scharf kritisiert. Die Bewohner würden unter "völlig menschenunwürdigen Bedingungen gehalten", sagte Kobler im Deutschlandfunk. Er forderte ein schnelles Handeln der internationalen Gemeinschaft.

Kritik an der EKDReligionen müssen einander nicht verstehen

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Bundeskanzlerin Angela Merkel (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)

Die deutsche Evangelische Kirche scheue die Abgrenzung gegenüber dem Islam und stehe für einen "Wohlfühl-Protestantismus", kritisiert der Schriftsteller Klaus Rüdiger-Mai. Wer die Kirche jedoch in die "Hauptabteilung Kirchen des Kanzleramts" verwandle, falle weit hinter den Reformator zurück.

Schriftstellerin Jane BowlesAttacke auf bürgerliche Anstandsregeln

(imago stock&people)

Das Werk der 1917 geborenen amerikanischen Autorin Jane Bowles ist übersichtlich. Dabei bot ihr Leben genügend Stoff für weit mehr: Sie war manisch-depressiv, offen lesbisch und verheiratet mit einem Mann, der ihr beruflich die Show stahl.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Asylpolitik  Bundeskabinett will abgelehnte Asylbewerber schneller abschieben | mehr

Kulturnachrichten

Siemens Musikstiftung: Förderpreise vergeben  | mehr

Wissensnachrichten

Roboterleben  Betteln an der Ampel | mehr